Falsch gesetzt, können Anführungszeichen zu Missverständnissen führen. (c) Getty Images/mattjeacock
Falsch gesetzt, können Anführungszeichen zu Missverständnissen führen. (c) Getty Images/mattjeacock
Kolumne

Risiko Anführungszeichen

Anführungszeichen, liebevoll auch Gänsefüßchen genannt, sind elementare Satzzeichen. Das heißt aber nicht, dass man ständig von ihnen Gebrauch machen sollte. Zumal sie, falsch gesetzt, für Missverständnisse sorgen können. Unsere Kolumnistin klärt auf.
Juliane Topka

Sind Sie auch ein Freund von Anführungszeichen? Manche Texte wimmeln nur so davon, und das ist aus Lektoratssicht meist kein gutes Zeichen.

Mit Bedacht gesetzt, machen die kleinen Strichlein einen Text lesbarer und können das Verständnis deutlich erleichtern. Denn sie sind wie Hinweisschilder: Der Text, den sie einrahmen, ist anders als der übrige – er stammt zum Beispiel von einer anderen Person (Zitat) oder erfordert aus anderen Gründen besondere Aufmerksamkeit. Anführungszeichen bringen uns dazu, beim Lesen einen Moment innezuhalten, sodass wir nicht stolpern.

Nüchtern betrachtet, erfüllen alle korrekt gesetzten Anführungszeichen eine der folgenden drei Funktionen:

  1. Sie kennzeichnen ein Zitat beziehungsweise eine direkte Rede.
  2. Sie zeigen einen Namen oder Titel an, der ohne die Striche unter Umständen auch anders verstanden werden könnte – man kann zum Beispiel in den Spiegel sehen oder in den „Spiegel“ (die Zeitschrift).
  3. Sie können Ironie, eine Distanzierung, übertragenen Gebrauch oder ein Wortspiel verdeutlichen.

Diese Aufzählung ist abschließend. Das heißt: Außer diesen drei Punkten gibt es keine gültigen Gründe, Anführungszeichen zu setzen. Hinsichtlich des dritten Grunds scheiden sich hier und da die Geister, denn dass etwas ironisch oder wortspielerisch gemeint ist, sollte in einem gut geschriebenen Text aus dem Zusammenhang deutlich werden. Wenn Anführungszeichen noch nötig erscheinen, lohnt es sich meist, noch einmal über die Formulierung nachzudenken, sodass man am Ende vielleicht doch ohne die Striche auskommt.

Insbesondere sind Anführungszeichen kein Mittel, um etwas zu betonen! Dafür gibt es so viele andere Möglichkeiten – man kann die entsprechenden Textteile fetten, unterstreichen, kursiv setzen, in einer anderen Farbe schreiben oder, wenn es denn unbedingt sein muss, auch in Großbuchstaben schreiben. Anführungszeichen gehören aber nicht zu diesen Möglichkeiten.

Wer die Strichlein trotzdem zur Betonung nutzt, begibt sich auf dünnes Eis. Schauen Sie sich mal folgendes Beispiel an, das ich vor einiger Zeit auf Hochglanzpapier gedruckt in meinem analogen Briefkasten fand:

Kampfsport der »EXTRAKLASSE«
Jetzt EINSTEIGEN!
1 Woche »GRATIS« trainieren
»KEINE« Aufnahmegebühr!

 

Die Großbuchstaben allein hätten völlig gereicht, um die aus Anbietersicht wichtigsten Textteile hervorzuheben. Sie führen bereits dazu, dass wir beim Lesen gar nicht anders können, als kurz innezuhalten und uns von den so geschriebenen Wörtern anschreien zu lassen. Warum noch die Anführungszeichen – doppelt hält ja besser? Gleichen wir mal ab mit den oben aufgezählten drei Gründen für Anführungszeichen:

  1. Zitat/direkte Rede: Das ist es in allen Fällen eindeutig nicht.
  2. Namen/Titel: Dieser Grund scheidet ebenfalls aus.

Auch der dritte Grund ist hier vermutlich nicht gegeben. Aber als sprachlich halbwegs sensibler Mensch kommt man nicht umhin, das Ganze so zu verstehen. Wenn ich gratis – oder von mir aus auch GRATIS – trainieren darf, dann heißt das, ich bezahle nichts. Die zusätzlichen Anführungszeichen machen mich mehr als misstrauisch: Ironie? Wortspiel? Distanzierung? Und natürlich argwöhne ich, dass von Extraklasse in Wirklichkeit keine Rede ist, von Aufnahmegebühr dafür umso mehr.

Ich sag’s ja: dünnes Eis. Denn gemeint war es so mit einiger Sicherheit nicht.

Wer Anführungszeichen derart inflationär benutzt, macht seinen Text nicht nur zu einer Straße voller Hinweisschilder, auf der man ständig anhalten muss und nicht vom Fleck kommt. Er setzt sich auch ohne Not dem Verdacht aus, Dinge nicht ernst zu meinen oder, mindestens genauso ungünstig, kein besseres Wort für das Gemeinte zu finden. Beides kann in der Unternehmenskommunikation mächtig nach hinten losgehen.

Offen bleibt nur noch die Frage, warum EINSTEIGEN auf dem Hochglanz-Flyer keine Anführungszeichen bekommen hat. Ob das am Ende wirklich ernst gemeint war?

 

 
 


randbemerkung

Bitte achten Sie bei Ihren Beiträgen unsere Netiquette.

Das könnte Sie auch interessieren.

Balanceakt: Wie soll man in der Kommunikation mit der Wahrheit umgehen? (c) Getty Images/Mbolina
Foto: Getty Images/Mbolina
Lesezeit 2 Min.
Kommentar

Im Zweifelsfall „no comment“

Wie sollen Kommunikationsverantwortliche mit der Wahrheit umgehen? Ein Meinungsbeitrag von Andrea Rexer, Kommunikationschefin der HypoVereinsbank. »weiterlesen
 
Coca-Cola-Gebäude in Berlin (c) Picture Alliance/dpa/Paul Zinken
Foto: Picture Alliance/dpa/Paul Zinken
Lesezeit 1 Min.
Meldung

Personalveränderungen bei Coca-Cola

Zur neuen Geschäftseinheit "Europa" gehören jetzt 40 Länder.  »weiterlesen
 
Das Helmut-Schmidt-Haus in Hamburg ist das Zuhause der "Zeit". Auch hier gilt aktuell Homeoffice first. (c) Picture Alliance/Bildagentur-online/Joko
Foto: Picture Alliance/Bildagentur-online/Joko
Lesezeit 8 Min.
Interview

"Die Redaktion hat die größte Strahlkraft"

Silvie Rundel leitet die Unternehmenskommunikation und den Bereich Veranstaltungen der „Zeit“-Verlagsgruppe. Im Interview spricht sie über digitale Formate in der internen Kommunikation, den 75. Geburtstag der Wochenzeitung und warum auch mal improvisiert wird. »weiterlesen
 
Aufmerksamkeit schaffen wie Kaiser Augustus: Der Anfang einer Rede will gut genutzt sein. (c) Getty Images/FooTToo
Foto: Getty Images/FooTToo
Lesezeit 4 Min.
Ratgeber

Ein königlicher Auftakt

Hauptversammlungen, Pressekonferenzen, Townhall-Meetings – Reden halten gehört zum Job von Führungskräften. Wie Kommunikationsverantwortliche sie dabei unterstützen können, erklärt Coach und Autor Michael Rossié in dieser Serie. Diesmal: Wie eine gute Rede beginnt. »weiterlesen
 
#LetMeBeSafe statt #StaySafe: Der Hamburger Verein Straßenblues schafft durch medienwirksame Aktionen Öffentlichkeit für die Probleme obdachloser Menschen. (c) David Diwiak
Foto: David Diwiak
Lesezeit 5 Min.
Interview

„Menschen mögen Geschichten, die gut ausgehen“

Menschen, die auf der Straße leben, sind besonders von der Corona-Pandemie betroffen. Der Dokumentarfilmer Nikolas Migut setzt mit seinem Verein Straßenblues auf die Kraft von Bildern und Storytelling, um obdachlosen Menschen zu helfen. Ein Gespräch. »weiterlesen
 
Wie schließt Sprache alle ein? (c) Picture alliance/dpa/Sebastian Gollnow
Foto: Picture alliance/dpa/Sebastian Gollnow
Lesezeit 3 Min.
Meldung

Zehn Dax-Konzerne nutzen Gender-Formen

Eine Umfrage des Instituts für Kommunikation und Medien der Hochschule Darmstadt und der "FAZ" zeigt, dass eine gendergerechte Sprache vor allem in der internen Kommunikation und im Bereich Media Relations zum Einsatz kommt.  »weiterlesen