Ein kluges Buch, das in Zeiten digitaler Transformation Mut macht. (c) Verlagsgruppe Random House, München
Ein kluges Buch, das in Zeiten digitaler Transformation Mut macht. (c) Verlagsgruppe Random House, München
Rezension

Aussitzen schützt vor Digitalisierung nicht

Wir alle müssen anfangen, uns neu zu erfinden, meint der Journalist Christoph Keese. In seinem Buch erklärt er, wie es geht. Ein lesenswerter Mutmacher. 
Jens Hungermann

Die schmerzliche Erkenntnis kam ihm nicht unmittelbar an diesem denkwürdigen Tag im Spätsommer 1997, das gibt Christoph Keese zu. Doch als sie später einsickerte, entfaltete die Erkenntnis ihre Wucht: Sein Berufsstand, der des Journalisten, würde überflüssig werden.

Auf einer Podiumsdiskussion hatte sich Keese gemüht, gegen diese von Bloggern aufgestellte Prognose zu argumentieren. Die Blogger hingegen monierten, die Gatekeeper-Funktion von Journalisten sei antiquiert. Dem transparenten „Bürgerjournalismus“ gehöre die segensreiche Zukunft. Mit seiner Verteidigung des „Profi-Journalismus“ wurde Keese zum Feindbild der Erneuerer – und nachdenklich.

„Disruption tut weh, und sie verletzt, merke ich“, erinnert sich der Autor im ersten Kapitel seines neuen Buchs an das Augen öffnende Erlebnis auf jenem Podium. Betitelt ist das Kapitel passenderweise mit: „Mein Job verschwindet, und ich kann nichts dagegen tun.“

Heute, gut 20 Jahre später, lässt sich feststellen: Ganz so weit ist es noch nicht. Doch die Digitalisierung hat der Medienbranche zweifelsohne „übel mitgespielt“. Umsatzeinbrüche im Anzeigengeschäft und die Suche nach tragfähigen Erlösmodellen für journalistische Inhalte treiben die Verlage um. Und einen wichtigen Teil der Schuld trage die Branche selbst, weil sie zu spät gehandelt habe, meint Keese.

Die Medienbranche ist nur eines von zahlreichen Beispielen im 288-Seiten-Band des umtriebigen Medienmanagers, der eine rasante Wandlung vom skeptischen Print-Journalisten zum digitalaffinen Zukunftsoptimisten genommen hat. Mit „Disrupt Yourself. Vom Abenteuer, sich in der digitalen Welt neu erfinden zu müssen“ hat der frühere Chefredakteur der Financial Times Deutschland und Welt am Sonntag ein Buch voller bedenkenswerter Prognosen und Appelle vorgelegt.


(c) Verlagsgruppe Random House, München

Disrupt Yourself. Vom Abenteuer, sich in der digitalen Welt neu erfinden zu müssen.

Christoph Keese, 288 Seiten, Penguin Verlag, München, 22,00 Euro


Es ist ein in großen Teilen kluges Werk geworden. Über allem steht die Prognose verschiedener Erhebungen, nach denen der Verlust von mehr als 40 Prozent aller Arbeitsplätze infolge der Digitalisierung droht. Dass nichts oder nur sehr wenig so bleibt, wie es ist, dämmert den meisten andererseits längst.

Laut einer aktuellen Studie des Vodafone Instituts für Gesellschaft und Kommunikation schätzen 43 Prozent der Befragten in Deutschland, dass ihre derzeitigen Fähigkeiten und Kenntnisse künftig nicht mehr für ihren Beruf ausreichen werden. „Disrupt Yourself“ hält uns in mal freundlicher, mal fast marktschreierischer Eindringlichkeit vor Augen, dass Negieren oder Aussitzen nichts helfen wird.

Keeses Credo: Lieber vor der Welle surfen, anstatt sie über sich zusammenschlagen zu sehen. „Niemand wird als Disruptor geboren“, beschwichtigt er. Doch jeder könne lernen, einer zu werden. Dazu bedarf es allerdings Selbstbewusstseins.

Führungskräfte kennen die Angst in der Belegschaft vor Disruption. Wenn jahrzehntelang erfolgreiche Geschäftsmodelle plötzlich überholt sind, was wird dann aus Unternehmen und Mitarbeitern? Führungskräfte müssen diese Angst ernstnehmen, wenn sie Bereitschaft für den Wandel befördern möchten, schreibt der Autor. Jeder, der mit Change-Management und/oder interner Kommunikation zu tun hat, kennt das. In Zeiten disruptiven Wandels laute das General-Narrativ: Ich kann überleben. Und das bimst Keese seinen Lesern ein.

Dass der Autor und Keynotespeaker als Geschäftsführender Gesellschafter und CEO der Axel-Springer-Tochter Hy heute Unternehmen bei deren digitaler Transformation berät, brachte ihm übrigens eine süffisante Titelzeile im Handelsblatt ein: „Die Firma zum Buch“

 

Fazit:

(c) Quadriga Media Berlin

(Absolutes Muss)

Ein kluges Buch, flüssig und unterhaltsam geschrieben, angereichert mit einer Vielzahl von Anekdoten und Beispielen.

 

 
 

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Kommentare

"Wir alle müssen anfangen, uns neu zu erfinden" ... :-D Bei allen Sätzen die so beginnen, ("... alle müssen ...") zucke ich zusammen. Ich denke zudem, die Aussage ist komplett falsch. Jeder sollte seine gewachsenen Stärken clever in die heutigen Strukturen einbringen, aber nicht alles Aufgebaute über den Haufen werfen und sich neu ganz hinten anstellen und in einen Wettbewerb begeben, den er nur verlieren kann.


randbemerkung

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