Die Dramaturgie einer Rede zahlt auf das Ziel der Rede ein. (c) Getty Images/werayuth
Die Dramaturgie einer Rede zahlt auf das Ziel der Rede ein. (c) Getty Images/werayuth
Reden schreiben, Reden halten

Die ideale Dramaturgie

Hauptversammlungen, Pressekonferenzen, Townhall-Meeting – Reden halten gehört zum Job von Führungskräften. Wie Kommunikationsverantwortliche sie dabei unterstützen können, erklärt Coach und Autor Michael Rossié in dieser Serie. Teil 1: Wie man eine Rede aufbaut.
Michael Rossié

Eine Rede ist kein Selbstzweck. Egal, ob ich möchte, dass der Ehrengast Tränen in den Augen hat, die Mitarbeitenden bei der Umstrukturierung mitziehen oder das neue Produkt anschließend in großen Mengen gekauft wird: Jede Rede hat ein Ziel. Jemand, der Reden hält, möchte, dass das, was er oder sie sagt, Einfluss hat auf andere. Danach sollen die Menschen im Publikum anders denken.

Jetzt gibt es unzählige Dramaturgien, wie man eine Rede aufbauen kann. Es gibt die klassischen Möglichkeiten, wie die Gestern-Heute-Morgen-Dramaturgie oder die 10-Punkte-zu-irgendwas-Dramaturgie oder die W-Fragen-Dramaturgie. Es gibt auch hervorragende Reden, in denen wir eine Heldenreise begleiten, mit dem Redenden zusammen ein Geheimnis aufdecken oder durch ein imaginäres Museum schlendern. Die Anzahl der Dramaturgien ist so groß wie die Anzahl der Reden. Trotzdem gibt es ein Muster für alle Reden, die überzeugen wollen, das man als flexible Grundlage nehmen kann. Idealerweise passt man jede Dramaturgie sehr genau auf Redeanlass, Redeziel und das Publikum an.

Eine ideale Dramaturgie vorzustellen, ist natürlich provokant, aber bei der Gründung der Firma anzufangen und am Ende mit der Vision für 2025 zu enden, reißt jetzt die Zuschauer nicht wirklich vom Hocker. Das wurde in der Schule schon überstrapaziert, wo die Aufsätze über Ausflüge immer mit der Abfahrt des Busses begannen. Oder wenn ich zehn Punkte ankündige und ich fange mit dem ersten Punkt an, zücken die ersten Zuschauer schon ihr Smartphone, um mal zu gucken, was gerade auf Clubhouse los ist.

Die schlechte Situation

Trotzdem hat sich da, wo jemand einen anderen beeinflussen will, eine Dramaturgie bewährt, die vor allem von Motivationsspeakern angewandt wird. Am Anfang steht eine negative Situation, ein Problem. Es ist etwas nicht in Ordnung und das Publikum kennt die Situation. Alle werden sofort aufmerksam, wenn jemand auf der Bühne über die im Zuschauerraum spricht. Da komme ich vor, das kenne ich, das ist wie in unserer Firma. Jetzt hat die Person auf der Bühne die volle Aufmerksamkeit. Manchmal muss man Menschen sogar beweisen, dass sie ein Problem haben. Körpergewicht? Soziale Gerechtigkeit? Frauenquote? Stimmung der Mitarbeiter? Ist doch alles super, bis der Redende anfängt ein bisschen zu bohren, und dann kann die Sache ganz anders aussehen. Bei sehr guten Redenden sitzen nach wenigen Minuten im Publikum lauter Menschen, die zustimmend mit dem Kopf nicken und möglicherweise nachdenklich geworden sind.

Die gute Situation

Im nächsten Schritt braucht der Redner oder die Rednerin eine Vision, eine Lösung, er oder sie muss eine Idee haben, was man bei diesem Problem unternehmen kann. Man könnte es anders machen, besser, effektiver, es geht um eine attraktive Zukunft für alle, die zuhören. Die Augen des Publikums werden größer, die Sehnsucht nach dieser Situation auch. Wäre das schön, wenn wir da wären, das machten oder wenn uns das passieren würde.

Es ist wichtig, sehr früh das Ziel zu zeigen, denn nur wenn das attraktiv genug ist, sind Menschen bereit, sich auf eine möglicherweise mühevolle Reise zu begeben. Jeder will wahrscheinlich mal in die Südsee, wenn da der lange Flug nicht wäre.

Der Weg von schlecht nach gut

Jetzt kommt automatisch die Frage nach dem Wie. Wie sollen wir das denn hinkriegen? Was müssen wir da machen? Alle Gesichter sagen: Da bin ich ja mal gespannt! Man kann ein Handy brummen hören, so leise ist es jetzt im Saal. Die Aufmerksamkeit ist zu hundert Prozent auf der Bühne. Jetzt kommen die fünf Punkte, die neue Interpretation, das hervorragende Produkt oder der neue Ansatz.

Hier kann sich die Rednerin Zeit lassen, weil das Interesse größer nicht sein könnte. Wenn die ersten Teile der Dramaturgie funktioniert haben, dann hat eine Rednerin es jetzt leicht, auch wenn sie von Schwierigkeiten und Einschränkungen erzählt.

Die Theorie

Wenn es jetzt noch was zu erklären gibt, dann ist dafür Zeit am Schluss der Rede. Der Redner schlägt neue Ideen vor, stellt Studien zur Diskussion, die die Thesen unterstützen und entwirft theoretische Modelle. Das unterscheidet jede Rede von einem Buch oder einer wissenschaftlichen Arbeit. Das Buch benennt eine Technik und stellt sie dann vor. Redende zeigen eine Situation, erklären die verschiedenen Möglichkeiten, zeigen eine neue Alternative und geben dieser Alternative am Ende dann einen Namen.

In der Werbung ist es ähnlich. Erst die Kopfschmerzen, dann sind die Schmerzen plötzlich wie weggeblasen, dann kommt das Produkt und zum Schluss wird erklärt, wie die neue Superformel auf die Nervenzellen wirkt.

Bei aller Struktur muss es immer überraschend bleiben. Wenn die Dramaturgie vom Publikum durchschaut wird, stellt sich Langeweile ein. Auch in einem Hollywoodfilm muss ich bis zuletzt damit rechnen, dass es schlecht ausgeht. Ein aktuelles Beispiel ist der Film „Knivcs out“, der das altbackene und überstrapazierte Thema des „Whodunit“-Krimis noch einmal völlig neu und überraschend interpretiert.

Checkliste – Irrtümer zur Dramaturgie

  1. Fangen Sie sofort an – nein, wenn die Botschaft schwierig oder unbeliebt ist.
  2. Steigern Sie sich langsam – nein, wenn Sie dazu vorne anfangen müssen.
  3. Wechseln Sie starke mit schwachen Argumenten – nein, wenn es nur zwei starke Argumente gibt.
  4. Wärmen Sie das Publikum auf – nein, wenn Sie der fünfte Redner sind.
  5. Das zweitbeste Argument an den Schluss – nein, wenn man das genau erklären muss.
  6. Zuschauer entscheiden in den ersten Sekunden, ob Sie zuhören wollen – nein, die Zuschauer entscheiden, ob die Rednerin ihnen sympathisch ist. Das ist etwas anderes.
  7. Mit erkennbarer Ordnung ist es leichter – nein, wenn wir wissen, dass jetzt fünfzehn Punkte kommen, wird es durchschaubarer und damit langweiliger.

 

 
 


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