Ein Plädoyer für vielfältige Lebensläufe in Redaktionen und Pressestellen. (c) Getty Images / firina
Ein Plädoyer für vielfältige Lebensläufe in Redaktionen und Pressestellen. (c) Getty Images / firina
Diversity

Redaktionen und Pressestellen brauchen mehr Vielfalt

In den Journalismus streben überwiegend junge Großstädter mit bildungsbürgerlichem Hintergrund. Dabei wären mehr kritische Köpfe mit Erfahrungen aus unterschiedlichen Lebenswelten gefragt. Davon würden auch Kommunikationsabteilungen profitieren.
Henriette Löwisch

Eigentlich stehen die Türen der Deut­schen Journalistenschule (DJS) in Mün­chen für Bewerberinnen und Bewerber mit verschiedensten Vorkenntnissen offen. Weder ein Hochschulabschluss noch das Abitur oder ein bestimmter Notenschnitt sind zwingende Voraus­setzung, um in eine der Lehrredaktio­nen aufgenommen zu werden. Vielmehr qualifizieren auch eine abgeschlossene Lehre oder ein Fachschulstudium zur Aufnahmeprüfung. So beschlossen es die Gründer der ersten Journalistenschule Deutschlands vor 70 Jahren auch mit Blick auf die zerrissenen Biografien der Kriegsgeneration.

Formal ist das System also durchläs­sig geblieben, genauso wie die Berufsbe­zeichnung Journalist durch keinen Meis­terbrief geschützt ist. Und doch sehen zu wenig junge Leute mit ungewöhnlichen Biografien darin eine Chance.

Das ist nicht nur an der DJS so. Das in Oxford angesiedelte Reuters Institute for the Study of Journalism und die Universität Mainz haben die­sen Sommer eine Studie über die man­gelnde Diversität im Journalismus vor­gelegt. Die Wissenschaftler haben dafür Chefredakteure und Ausbildungsleiter interviewt. Ergebnis: In den Journalis­mus streben heute überwiegend junge Großstädter mit bildungsbürgerlichem Hintergrund. In den Redaktionen feh­len entsprechend Journalistinnen und Journalisten mit besonderem Gespür für die Anliegen jener Zielgruppen, die von den klassischen Medien nicht aus­reichend erreicht werden.

Warum das so ist, dazu haben die For­scher eine ganze Reihe von Thesen zusammengetragen, wie die mangelnde Attraktivität des Berufs, ein stressiger All­tag, mittelmäßige Bezahlung und unsi­chere Zukunftsperspektiven. Einwande­rerfamilien, heißt es zum Beispiel in der Studie, wünschen sich, dass ihre Kinder nicht Journalisten, sondern Ärzte, Lehrer oder Ingenieure werden. Technikaffine junge Menschen wiederum streben in die Bällebad-Atmosphäre der Tech-Kon­zerne, wo sich zudem gut verdienen lässt. Moderne journalistische Vorbilder feh­len. Während sich schlechte Nachrich­ten über die Branche nachhaltig verbrei­ten, erreichen Erfolgsstorys höchstens die eigene Blase.

Schadet Homogenität der Qualität?

Am schwierigsten zu belegen, aber zugleich am schwersten wiegt der Zusammenhang zwischen dem aktuel­len Glaubwürdigkeitsverlust des Journa­lismus und der Homogenität des Berufs. Wenn klassische Medien den Eindruck erwecken, dass sie nur die Lebenswel­ten und Sichtweisen einer privilegier­ten Schicht abbilden, läuft ihnen das Publikum davon. Wenn aber viele Ziel­gruppen nur noch in fragmentierten Räumen erreicht werden, verliert die Gesellschaft ihre Diskussionsgrundlage; was für einen die Wahrheit ist, betrach­tet der andere als Fake News. Und wer nur Nischenmedien konsumiert, inter­essiert sich kaum für ein Volontariat bei einer Regionalzeitung – und irgendwann auch nicht mehr für Elite-Institutionen wie die DJS.

Nun mag manch einer sagen, wo liegt denn das Problem? Werden aus­gebildete Journalisten überhaupt noch gebraucht in einer Zeit, in der jeder selbst publizieren kann? In der Par­teien sogenannte Newsrooms eröffnen und Firmen ihre eigenen Hochglanz­magazine, Video-Storys und Podcasts produzieren? Ist es nicht sogar recht günstig, wenn Botschaften ohne Umwege direkt ans Publikum gebracht werden können? Wenn sich der Kom­munikationschef nicht mehr frechen Fragen stellen muss, sondern einfach gute Storyteller und einen Algorithmus braucht, der die richtige Zielgruppe anvisiert?

Solche Zukunftsvisionen decken sich bisher nicht mit der Realität. Ganz im Gegenteil: Qualifizierter Nach­wuchs, der hart recherchieren und die Ergebnisse auf vielen Wegen ausspielen kann, von Print bis Social Media, ist der­zeit auf dem Arbeitsmarkt sehr gefragt. Wer eine Top-Ausbildung im Journa­lismus absolviert, schafft den Einstieg in den Beruf vergleichsweise leicht und bekommt Jobangebote von namhaften Redaktionen.

Denn nicht alle, aber viele Zeitun­gen und Sender haben sich entschlos­sen, auf die digitale Transformation zu setzen. Sie wollen weiterhin ergebnis­offen berichten und damit ihre zentrale Rolle für die Demokratie erfüllen. Sie wollen Bürgerinnen und Bürger errei­chen, informieren, aufrütteln. Sie wollen Fake News und Propaganda wahre Infor­mationen entgegensetzen, auf Facebook, Instagram und Youtube ebenso wie in den eigenen Angeboten in Print, Radio, TV und Online.

DJS-Absolventinnen und Absolven­ten, die Fakten von Fakes unterscheiden, neue Formate entwickeln und damit ihre Branche voranbringen können, sind daher im Jahr 2019 sehr gefragt. Und wenn sie die Medien mit ihrer ganz eigenen Perspektive bereichern und so unterschiedliche Zielgruppen erreichen können, genießen sie auf dem Arbeits­markt einen klaren Wettbewerbsvorteil.

Wer Vielfalt im Journalismus zu fördern sucht, handelt sowohl prag­matisch und marktorientiert als auch vorausschauend. Denn Diversität spielt sich in den verschiedensten Dimensi­onen ab: Vielfalt der sozialen, kultu­rellen, nationalen oder regionalen Herkunft; Vielfalt der politischen Ein­stellungen und persönlichen Lebenser­fahrungen; Vielfalt der Hautfarbe und Geschlechteridentität; Vielfalt aber auch in der fachlichen Vorbildung aus Lehre oder Bachelor-Studium.

Die DJS trägt diesem Gedanken Rechnung, zum Beispiel mit von der Klaus-Tschira-Stiftung geförderten Stipendien für Naturwissenschaftler, Mathematiker, Informatiker und Tech­niker. Konkret heißt das: Der Youtu­ber Rezo hätte bei uns ein Stipendium bekommen. Als Ausnahmetalent hätte er die Aufnahmeprüfung sicher geschafft.

PR-Abteilungen profitieren von Journalistenausbildung

Für Unternehmen und Organisationen ist es ein Glücksfall, dass die Glaubwür­digkeitskrise des Journalismus sowohl Medienhäuser als auch Journalisten­schulen unter Druck setzt, für mehr Vielfalt zu sorgen. Denn auch Pressestel­len brauchen kritische Denkerinnen und Denker, die sich nicht mit hohlen Phra­sen abspeisen lassen. Die fesselnd erzäh­len können. Die verstehen, wie das Pub­likum tickt.

Nicht von ungefähr haben viele der besten Sprecherinnen und Sprecher ursprünglich an einer Journalisten­schule gelernt oder ein Volontariat in einem Medienhaus absolviert. Und auch Kommunikationsabteilungen müssen diverser werden, bei Verbänden ebenso wie bei Gewerkschaften, bei Universitä­ten wie Stiftungen, bei Großkonzernen wie mittelständischen Betrieben.

Allein durch Zuschauen wird das allerdings nicht gelingen. In den Qua­litätsjournalismus zu investieren, zum Beispiel durch die Förderung von Aus­bildungsplätzen oder durch Stipendien, ist daher nicht nur für die Medien selbst zwingend, sondern auch systemkritisch für alle Stakeholder der Demokratie.

 

 

 
 


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