Randgruppen-PR: Ein Blick vom Ende der Welt (c) Getty Images/iStockphoto
Randgruppen-PR: Ein Blick vom Ende der Welt (c) Getty Images/iStockphoto

Randgruppen-PR: Ein Blick vom Ende der Welt

Conchita Wurst ist es. Samuel Koch auch. Ursula von der Leyen und Nina Hagen sind es ebenso: Teil einer „Randgruppe“. Was in einer pluralistischen Gesellschaft klingt wie ein Tabuwort ist immer noch fest verankert in unseren Köpfen. Eine irrationale Angst ist geblieben. Warum eigentlich?
Hilkka Zebothsen

Besonders in Gesellschaften mit großen sozialen Unterschieden entstehen Randgruppen. Das Bild des einen Zentrums, an dessen Rändern die „Unterprivilegierten“ leben, verwässert jedoch gerade in Zeiten der Globalisierung. Je mehr soziale Probleme zu Massenphänomenen werden wie zum Beispiel Arbeitslosigkeit oder Überalterung, desto verschwommener werden die Grenzen.

Es wird immer schwieriger bestimmbar, was „normal“ ist. Wird Randständigkeit von uns also immer weniger wahrgenommen? Das Gegenteil ist der Fall: Je heterogener eine Gruppe, desto wichtiger wird Zugehörigkeit für den Einzelnen. Die Folge: Das Konstrukt der Randgruppe wird immer bedrohlicher.

Randgruppen sind nicht automatisch Minderheiten. Weltweit gibt es Beispiele wie in Afrika, bei denen Minoritäten die zahlenmäßig überlegene gesellschaftliche Mehrheit beherrscht. Vielmehr haben Randgruppen nach einer Untersuchung der Uni Hamburg nur wenige Chancen, ihre Interessen durchzusetzen, da sie kaum gesellschaftlichen Einfluss haben.

Als soziale Randgruppen gelten diejenigen Bevölkerungsteile, die nicht integriert sind innerhalb der Gesellschaft. Dem liegt ein Verständnis zugrunde, das ein „Innen“ und ein „Außen“ beinhaltet und einer Mitte mit einheitlichen Vorstellungen, Werten, Ausprägungen, Normen und Gesetzen.

Doch oft genug stellen sich Randgruppen auch ganz bewusst und freiwillig jenseits des „Normalen“. Die Essenz ihrer Gemeinschaft ist das „Anderssein“, das sie je nach Neigung im Verborgenen oder in fest definierten Nischen ausagieren, verbunden mit einer Botschaft kultivieren oder mit Hilfe einer ausgesprochenen „Dagegen“-Haltung als Provokation ausleben. Im Duden jedenfalls ist es nicht weit vom Rand zur Randale

Wie kommen wir zurande?

Um Menschen mit einem bestimmten Merkmal zur Randgruppe zu machen, sind Tabus immer gern genommen. Verbotenes, Verpöntes, Unantastbares unterliegen dem Bann der Gesellschaft, die mit Abscheu und/oder Faszination auf alles blickt, was in der polynesischen Sprache kurioserweise „geheiligt“ bedeutet. Im Englischen heißt „Randgruppe“ fringe group. „Fringe“ steht für den Pony, den Waldrand – aber auch Extremisten. Ob per Gesetz untersagt oder einfach als „das macht man nicht“ verinnerlicht – kaum jemand hinterfragt, wer „man“ eigentlich ist. Aber alle halten sich dran.

Verwechslungsgefahr herrscht bei der falschen Gleichsetzung von „asozial“ und „antisozial“: Gilt ersteres noch relativ neutral schlicht als „abweichendes Verhalten“, verbinden wir das zweite mit einem Menschen, der extrem individualistisch handelt und dabei weder geltende gesellschaftliche Normen noch die Interessen anderer berücksichtigt. Sowohl historisch als auch politisch ist der Begriff des „Asozialen“ heute einschlägig konnotiert, nämlich negativ.

Der Zugang zu Wissen, Besitz und Erwerbsarbeit sind wichtige Integrationsfaktoren, sie bestimmt die Gruppenzugehörigkeit. Auch wenn der Einzelfaktor allein nicht entscheidet: Ein Mann im Rollstuhl kann Teil einer Randgruppe sein. Ist er jedoch Uniprofessor, gehört er nicht zur Unterschicht, so die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb).

Gerade Krankheiten verschaffen einem unfreiwillig die Mitgliedschaft in einer Randgruppe. Ist die „genetisch vererbt“, hat man sie „bekommen“ oder „sie sich geholt“? Die Antwort macht die positiv oder negativ besetzte Konnotation. Um zu zeigen, dass HIV-Positive längst angekommen sind in der Mitte der Gesellschaft, setzt zum Beispiel die aktuelle Kampagne zum Welt-Aids-Tag auf Anti-Überraschung. Auf Plakaten wird gefragt „Würdest Du mit einem HIV-positiven Kollegen in die Kantine gehen?“ Die gelassene Antwort: „Klar, wenn das Essen genießbar ist.“ Und auf „Würdest Du jemanden mit HIV küssen?“ folgt „Klar, wenn sie mein Typ ist“. Wir schmunzeln beim Lesen – und fühlen uns sogleich ertappt. Denn warum stolpern wir überhaupt über Dinge, die längst „kein Ding“ mehr sind?

Her mit der Haltung!

Im Umgang mit ihrer Rolle haben Randgruppen verschiedene Reaktionsmuster: Sie machen sich unsichtbar und nehmen die Rolle desjenigen ohne Stimme an: Wer unter dem Radar fliegt, ist auch sicher vor dem Gesehenwerden von Gegnern. Sie wenden ihr Schicksal: Durch Information kommunizieren sich selbst aus der Ecke heraus, in die andere sie stellen. Oder sie setzen auf Gegendruck: Mit Hilfe des Mittels der Provokation stellen sie sich selbst auf eine echte oder gedachte Bühne und werden so unübersehbar.

Und weil längst nicht alle Randgruppen zahlenmäßig klein sind – wie die schnell verassoziierten Behinderten, Alten, Migranten oder Arbeitslosen – , wandelt sich ihr Bild im Außen stetig. Auch im internationalen Vergleich gibt es große Unterschiede: So ist Deutschland beinahe Schlusslicht bei der Integration behinderter Kinder im gemeinsamen Unterricht mit nichtbehinderten. Hier randständig, woanders integriert. Das ist die Folge einer bestimmten politischen Sicht und der ihnen folgenden administrativen Maßnahmen, so die bpb.

Die Essenz einer Gesellschaft erkennt man auch an ihrem Humor. Wir Deutschen tun uns schwer, haarscharf am Geschmack vorbei Randgruppenwitze zu machen. Googelt man das Wort, landet man auf witz-o-mat.de. Dort finden sich Scherze in verschiedenen Kategorien, fünf von elf sind über Homosexuelle. Doch sind die überhaupt eine Randgruppe? Wenn ja – in wessen Augen? Und warum sind ausgerechnet die „Jasager“ die Gesellschaftsprägenden? Als der frühere baden-württembergische Ministerpräsident Erwin Teufel im August in einem SPIEGEL-Interview Homosexuelle als Randgruppe bezeichnete, löste er immerhin einen Sturm der Entrüstung aus.

Danke, Rand!

Weil erst der Rand die Mitte definiert, wie die Ecke den Raum. Ohne Grenze keine Fläche, ohne Trennung kein Inhalt. Nicht zufällig ist der mittel- oder althochdeutsche rant ursprünglich ein schützendes Gestell oder eine Einfassung und sprachlich verwandt mit dem Rahmen. Ohne sein Ende – und den Neubeginn eines anderen – wäre schließlich ein jedes Ding unendlich. So wüsste die Gesellschaft gar nicht, was ihre „Mitte“ ist, gäbe es da nicht die Antipoden und Gegenmodelle.

Der Mehrheit der Menschen tut es anscheinend gut, sich als Teil von etwas Größerem zu fühlen. Sie wünschen sich Korridore, die mal mehr, mal weniger eng sind und Orientierung bieten. Nur: Ohne Horizont und ohne Abgrenzung erkennen wir oft unser eigenes Wesen gar nicht.

Folgt man einem weitgehenden Randgruppenbegriff, so können bis zu 10 Millionen Deutsche darunter gefasst werden, das sind immerhin 16 Prozent der Bevölkerung. Am Ende sollten wir ihnen also dankbar sein, den Randgruppen. Weil sie uns heraus fordern. Neugierig machen. Inspirieren. Zur Introspektion zwingen. Helfen, uns selbst zu verorten. Mit allem zu Rande zu kommen. Oder ebenden zu halten.

 

 
 


randbemerkung

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