Mehr als reine Prozesskommunikation: Litigation-PR (c) thinkstock/tomloel
Mehr als reine Prozesskommunikation: Litigation-PR (c) thinkstock/tomloel

Prozess gewonnen, Image verloren

Thema Litigation-PR: Rechtliche Auseinandersetzungen können immense mediale Folgen haben – egal, wer gewinnt. Unser Autor Thomas Klindt findet es selbstverständlich, dass die Prozessparteien in solchen Situationen daran interessiert sind, ob und wie über sie berichtet wird.
Thomas Klindt

Spricht man von „Litigation-PR“, denken einige, es gehe darum, Richter in Prozessen auf unredliche und illegitime Weise zu beeinflussen. Völlig ausschließen lässt sich das nicht. Dennoch gefallen mir weniger schlagkräftige, dafür differenziertere Begriffe wie „Strategische Rechtskommunikation“ oder „Kommunikation in rechtlichen Krisensituationen“ deutlich besser. Schließlich sind dies sachliche Bezeichnungen, für die sich im Normalfall niemand rechtfertigen muss.

Warum ist Litigation-PR wichtig?

Rechtliche Auseinander­setzun­gen können vorher, währenddessen oder nachher von immenser medialer Wirkung sein. Der Streit selbst, die Geheimnisse und Ansichten der Konflikt-­Parteien und natürlich der Ausgang eines Verfahrens sind für Stakeholder interessant. Ein Beispiel: Zwei Großunternehmen sind als gegnerische Parteien in den Gerichtsprozess involviert – vom Ausgang möglicherweise betroffen sind aber auch deren Arbeitnehmer, Betriebsräte und die Gewerkschaften insgesamt. Es können indes auch Wettbewerber und ganze Branchen den Ausgang eines Verfahrens ­abwarten. Umgekehrt möchten kontrollierende Gegenkräfte wie NGOs und staatliche Über­wachungsstellen oder Institutionen wie Kirchen oder politische ­Parteien aus dem Ergebnis des Verfahrens Konsequenzen ziehen. Letztendlich wird die ­Arbeit des Gerichts selbst – inklusive ­ihrer Staatsanwaltschaften – bewertet. Sprich, auch Richter und Staatsanwälte kommen nicht umhin, sich der ­Öffentlichkeit zu stellen. Ich halte es für selbstverständlich, dass die Prozess­parteien in solchen Situationen daran interessiert sind, ob und wie über sie berichtet wird.

Litigation-PR ist mehr als Prozesskommunikation

Strategische Rechtskommunikation und Kommunikation in rechtlich gefärbten Krisensituationen beschränken sich aber nicht nur auf klassische Gerichtsprozesse. Auch andere Situationen können von tiefer juristischer Brisanz geprägt sein – bei gleichzeitig hoher medialer Wahrnehmung. So zum Beispiel:

•  die Standortschließung eines großen lokalen Arbeitgebers
•  die Entführung des Sohns eines berühmten Dax-30-CEO
•  der internationale Produktrückruf eines Markenführers
•  die Produkterpressung einer großen Restaurantkette
•  eine raumordnungspolitische Auseinandersetzung zweier benachbarter Landkreise

In all diesen Verfahren kann es gerichtsanhängige Streitigkeiten geben. Kennzeichnend aber ist, dass die Kommunikation, also die notwendige „Dolmetscher-Übersetzung“ von rechtlichen Prämissen und Schlussfolgerungen, nicht von selbst passiert. Ein Unternehmen kann sich nicht damit begnügen, im juristischen Sinne vollständig Recht zu haben, wenn gleichzeitig zum Beispiel:

•  die Kunden stillschweigend die Produkte boykottieren
•  aufgrund negativer Berichterstattung der Börsenkurswert sinkt
•  strategische Investoren deshalb eine seit langem geplante Beteiligungserhöhung verschieben
•  notwendige kapitalintensive Investitionen ohne Finanzierung dastehen
•  das Arbeitgeberimage in der Nachwuchsrekrutierung dramatisch abnimmt

Ein Unternehmen kann also eine juristische Auseinandersetzung gewinnen und doch der Verlierer sein. Es ist daher immer ein legitimes Bedürfnis, in besonders pikanten Gefechtslagen die rechtliche Auseinandersetzung eben nicht nur zu führen, sondern diese der interessierten Öffentlichkeit auch zu kommunizieren. Das ist am wenigsten dem Gericht gegenüber notwendig. Es geht vielmehr um die legitime Adressierung der eigenen rechtlichen Ziele und  Methoden gegenüber Inhabern, Entscheidungsträgern, Multiplikatoren und Kunden.

Fazit

So verstanden wird Litigation-PR nicht aufzuhalten sein: Denn Medieninhalte verbreiten sich durch Digitalisierung und soziale Medien in rasantem Tempo, und zwar weltweit. Eine Nicht-Reaktion hierauf wäre realitätsfern: Es gibt eben nicht mehr das einzige und führende Branchen-Leitmedium, dessen Chefredakteur nur in einem Hinterzimmer-Gespräch vom Pressesprecher über Hintergründe aufgeklärt werden muss. Heute, wo unzählige Blogs, Chatrooms, Twitter-Accounts, Facebook- und Xing-Diskussionsgruppen sowie Youtube-Kanäle existieren, kann sich ein etwaiges Schweigen besonders laut auswirken

 
 

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