Früher war alles anders, oder? Kommunikatoren berichten von ihrem Berufsanfang. (c) Getty Images/jacoblund
Früher war alles anders, oder? Kommunikatoren berichten von ihrem Berufsanfang. (c) Getty Images/jacoblund
Kommunikatoren erzählen

So fing bei uns alles an …

Sieben Kommunikatoren erzählen von ihrem Start in einen Beruf, der sich seitdem rasant verändert hat – und es nach wie vor tut.  
Aus der Redaktion

„Früher schrieb man Aktennotizen statt E-Mails“

Jörg Allgäuer, Leiter Externe Kommunikation beim Rückversicherer Munich Re

Jörg Allgäuer (c) Oliver Soulas

„Das ehrwürdige Funkhaus des Bayerischen Rundfunks und die nicht minder ehrwürdige Allianz-Zentrale liegen in München nicht weit voneinander entfernt. Und doch konnte die Distanz bei meinem Wechsel vom Fernsehredakteur zum Allianz-Pressesprecher im Jahr 1999 kaum größer sein: Die Herren dort trugen Anzug und Krawatte, die Damen Kostüme oder Twin Sets. Man siezte einander und verabredete sich mit wochenlangem Vorlauf zum Mittagessen – dann saß man in der Kantine zwischen Kollegen aus Kanada, Kroatien und Korea. Und gefühlt hatte die Hälfte von ihnen einen Harvard-Abschluss oder kam von McKinsey.

Knapp zwei Jahrzehnte später ist die Distanz zu 1999 viel größer als die damaligen zwei Kilometer Kulturschock: Ich spreche vom Tempo. Früher schrieb man statt E-Mails noch Aktennotizen, die anschließend abgestimmt und dann gefaxt oder gar mit der Rohrpost verschickt wurden. Nach zwei Wochen bei der Allianz erzählte mir eine Kollegin von einer neuen Suchmaschine im Internet. „Gugel“ oder so ähnlich, sehr praktisch. Mir fiel beim Ausprobieren aber auf Anhieb nichts Spannendes ein, was ich damit hätte suchen sollen.

Was die Medienarbeit betrifft: Anrufe vom Spiegel aus Hamburg kamen grundsätzlich am Freitagnachmittag, um für die am Montag erscheinende Ausgabe noch ein paar fiese Fragen zu stellen. Deren Beantwortung sorgte grundsätzlich dafür, dass man nicht mehr rechtzeitig aus dem Büro kam, um noch den Einkauf fürs Wochenende erledigen zu können.“


„Die Medienwelt von 1986 bestand vor allem aus Print“

Frank Behrendt, Senior Advisor bei Serviceplan Public Relations & Content

Frank Behrendt (c) Serviceplan

„Als ich in die PR kam, gab es noch keine Handys. Wenn wir außerhalb des Büros telefonieren wollten, standen wir in einer gelben Telefonzelle der Deutschen Bundespost. Heute stehen diese als Relikte einer vergangenen Epoche im Museum. Nach meiner Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule in München startete ich in der Kommunikationsabteilung bei Henkel in Düsseldorf. Als Jungspund schrieb ich vor allem Pressemitteilungen und für die Werkszeitung Henkel-Blick. Eine meiner legendären frühen PR-Aktivitäten war das Aufspüren, Besuchen und Berichten über die Frau, die einst dem Maler Kurt Heiligenstaedt für die Urform der berühmten weißen Dame von Persil Modell gestanden hatte. Gefühlt habe ich damals vor allem geschrieben. Die Medienwelt bestand schließlich vor allem aus Print. Fernsehen gab es auch – ARD und ZDF. Wenn ich die gravierenden Veränderungen zwischen 1986 und heute in ein griffiges Bild packe, dann stand die PR von früher auf einem Fußballfeld im Tor, der Strafraum war die Grenze. Heute bespielen wir als Spielmacher das gesamte Feld.“


„Mein erster PR-Job fiel in eine Umbruchphase“

Constanze Steinhauser, Referentin für IK der Generalverwaltung bei der Max-Planck-Gesellschaft

Constanze Steinhauser (c) Foto Sexauer

„Meinen ersten PR-Job trat ich nach dem Studium bei der Huk-Coburg an, zunächst als Praktikantin. Vor 15 Jahren gab es zwar schon den elektronischen Pressespiegel. Ich kann mich aber auch daran erinnern, dass noch von Hand geschnipselt, geklebt und kopiert wurde. Es war quasi eine Umbruchphase: Internet und E-Mail waren bereits fester Bestandteil des Arbeitsalltags, aber das Faxgerät und ein gedruckter Zimpel gehörten genauso dazu. Aktuell befinden wir uns wieder in einer Phase des Wandels hin zur vollständigen Digitalisierung. Und hier liegt ein Schwerpunkt meiner Tätigkeit in der Mitarbeiterkommunikation: Kollegen fit machen für die digitale Arbeitswelt.“


„Damals gab es größere Kommunikationsteams und Budgets“

Frank Martin Hein, Head of Communications Europe & Africa bei Rolls-Royce Deutschland

Frank Martin Hein (c) Rolls-Royce Deutschland

„Neugier, Furchtlosigkeit und Biss – nur so ging’s damals und wohl auch heute. Mein Einstieg war eine Werbeagentur, der ich mich ebenso naiv wie selbstbewusst angedient hatte. Es folgten Automobil-PR, Aufbaustudium, Hörfunk/TV-Volontariat. Schließlich Redenschreiben bei IBM. Wenn ich etwas ausprobieren konnte, habe ich es gemacht. Bin ich auf die Nase gefallen? Natürlich. Viel mehr Leute gab es damals in den Kommunikationsteams, größere Budgets, steilere Hierarchien und dafür nur rudimentäre IT: ‚dumme‘ Terminals an Großrechnern, kein Internet, keine sozialen Medien oder Handys. Auf meinen ersten mobilen PC war ich stolz wie Oskar. Das Teil war so schwer, dass eine Stewardess sich einmal weigerte, es aus dem Gang in das Gepäckfach zu heben.“


„Die PR hat mich gefunden“

Michael Helbig, Direktor Kommunikation der KfW-Bankengruppe

Michael Helbig (c) KfW

„Der Anfang war eher ungewöhnlich. Die PR hat mich gefunden. Durch eine glückliche Fügung startete ich als Assistent des Kommunikationschefs einer großen Bank in Frankfurt. Im Nebenraum, zusammen mit dem Kopierer, konnte ich früh Einblick nehmen in die großen Herausforderungen und Kommunikationsfragen der Bank: wirtschaftliche Probleme, Übernahme, Krisenkommunikation. Nach kurzer Zeit war mir klar: Das ist mein Beruf. Die Kommunikation hat sich mittlerweile deutlich verändert – aber in wesentlichen Aspekten auch wieder nicht. Obwohl sich Ansprechpartner, Know-how, Kanäle und Arbeitsweisen durch die Digitalisierung gewandelt haben, bleiben die Grundlagen gleich: beobachten, analysieren, aktiv und dialogorientiert handeln.“


„Im Kern ist vieles wie vor zwanzig Jahren“

Nina Lemmerz-Sickert, Abteilungsleiterin Kommunikation bei Hagebau

Nina Lemmerz-Sickert (c) privat

„Fake News und Hate Speech waren vor fast zwanzig Jahren, als ich in die PR einstieg, ebenso wenig Thema wie die Digitalisierung. Im Kern ist jedoch vieles gleich geblieben: Strategisch und faktisch können wir seit jeher einen wesentlichen Beitrag zur positiven Reputation von Organisationen und Institutionen leisten. Wir sollten weiterhin neugierig sein, Prozesse kritisch hinterfragen und weiterentwickeln, Antworten geben sowie Transparenz schaffen und dabei glaubwürdig und verlässlich sein. Gerade unter dem Aspekt der digitalen Professionalisierung unseres Berufsstands und des Zusammenwirkens mit unterschiedlichen Stakeholdern ist dies relevant.“


„Es gibt heute keine Ausrede mehr für schlechte PR“

Sven Hirschler, Senior Director Corporate Communications bei der Deutschen Hospitality

Sven Hirschler (c) Alex Schwander

„An meinem ersten Tag als Pressesprecher des Verkehrsverbundes hatten wir Aufsichtsratssitzung. Die anschließenden Statements im Fernsehen schienen für mich kein Problem, schließlich ‒ so witzelte ich vorher noch mit meiner Frau ‒ schaut doch heute niemand mehr Lokalfernsehen. Dachte ich. Als ehemaliger Journalist und Leiter eines Ministerbüros hätte ich es besser wissen müssen. Denn hinterher meldete sich selbst die Grundschulfreundin meines Vaters bei mir. Und auf dem Spielplatz lieferten mir, während unsere Kinder Sand schippten, Mütter detaillierte Bewertungen meiner Argumente. Genau ein Jahr nach der besagten Aufsichtsratssitzung sperrten wir die Hauptschlagader des Verkehrs für rund 2,5 Millionen Fahrgäste täglich. Mit einem Wordpress-Blog und Social Media haben wir das vermeintliche Chaos genutzt, um die Imagewerte des Unternehmens während und nach der Sperrung zu steigern.

Ich finde, es ist eine super Zeit für PR. Man kann so viel bewegen und mitgestalten. Die Plattformen und Techniken werden immer besser, einfacher und vielfältiger. Es gibt heute keine Ausrede mehr für schlechte PR. Lasst uns einfach loslegen!“

 

 
 


randbemerkung

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