Anstaltsleiter Wolfgang Fixson von der Justizvollzugsanstalt Moabit (c) Julia Nimke
Anstaltsleiter Wolfgang Fixson von der Justizvollzugsanstalt Moabit (c) Julia Nimke
Über die Öffentlichkeitsarbeit einer Justizvollzugsanstalt

PR-Arbeit hinter Gittern

Beinahe wäre dieses Gespräch nicht zustande gekommen. Dreimal gab es bereits einen Alarm in der Justizvollzugsanstalt Moabit an dem Morgen im Januar, an dem das Interview mit dem Anstaltsleiter Wolfgang Fixson über die PR-Arbeit im Gefängnis vereinbart ist.
Kathrin Justen

Beinahe wäre dieses Gespräch nicht zustande gekommen. Dreimal gab es bereits einen Alarm in der Justizvollzugsanstalt Moabit an dem Morgen im Januar, an dem das Interview mit dem Anstaltsleiter Wolfgang Fixson über die PR-Arbeit im Gefängnis vereinbart ist. Das bringt dort den gewohnten Ablauf immer ein wenig durcheinander, ist aber in aller Regel schnell behoben. Nach der Sicherheitsüberprüfung, bei der wir auch das Handy und den Personalausweis abgeben müssen, geht es mit Begleitung in den Verwaltungstrakt zum Büro des Anstaltsleiters. Wir setzen uns auf die modisch etwas in die Jahre gekommene Couchgarnitur, Kaffee und Tee stehen schon bereit.

Herr Fixson, ist eine gute JVA die, von der man in der Öffentlichkeit nichts hört?
Wolfgang Fixson: Das würde ich nicht sagen. Eine JVA leistet viel positive Arbeit für die Allgemeinheit und hat eine ausgesprochen große Schaffenskraft der Mitarbeiter. Daher ist eine gute JVA die, die auch von ihren Ergebnissen berichtet und von der berichtet wird. Leider werden meistens die negativen Dinge in den Vordergrund gerückt. Aber wenn man sich die Zeit nimmt, um hinter die Kulissen zu gucken, wird man zum Beispiel sehen, dass die Managementsysteme, die im Vollzug entwickelt worden sind, sich massiv angelehnt haben an das, was im Bereich der Wirtschaft gelebt wird. Das zeigt, dass mit den Steuergeldern effektiv und verantwortungsvoll umgegangen wird. Insofern ist eine gute Anstalt diejenige, die ihr Licht nicht unter den Scheffel stellt. Es gibt nichts zu verbergen, wir können zu den Dingen stehen, die wir machen.

Wie gehen Sie vor, um zu zeigen, was Sie machen und wie Sie arbeiten?
Wir bemühen uns, sofern das in einer geschlossenen Anstalt eben geht, interessierte Fachgruppen in die JVA einzuladen und wir haben uns insgesamt – und das halte ich für sehr wesentlich – in den vergangenen Jahren stark für die Medien geöffnet. Es ist heute eine Selbstverständlichkeit, dass Pressevertreter in die Anstalt kommen. Dabei machen wir die verschiedensten Veranstaltungen, zum Beispiel einen Verkaufstag für die Produkte der Gärtnerei. Justizvollzugsanstalten müssen auch die Normalität abbilden, das halte ich für ganz wichtig, damit dieser Schleier des Verborgenen verschwindet.

Welches Image hat Ihre JVA bei der Bevölkerung?
Da wird primär erwartet, dass die Sicherheit gewahrt ist, sprich, dass die Inhaftierten nicht fliehen können. Und auch wenn wir im vorigen Jahr eine Flucht hatten – die erste seit fünfzehn Jahren übrigens –, haben wir es doch geschafft, das Image einer sehr sicheren und verlässlichen Einrichtung aufzubauen.

Wird – abseits des Sicherheitsaspekts – ein schlechtes Image einer JVA eher von der Öffentlichkeit toleriert, frei nach dem Motto „Es soll ja auch kein Spaß sein da drinnen“?
Die Bevölkerung ist mehrheitlich vor allem daran interessiert, dass die Inhaftierten sicher untergebracht sind. Wie es ihnen persönlich geht, ist ihr egal. Viele denken immer noch, dass es dem Inhaftierten zu gut geht, da wird dann von Hotelvollzug gesprochen. Viele sähen die Gefangenen am liebsten in Ketten. Da ist es Aufgabe der Vollzugsanstalt und der Justiz-Verwaltung, zu vermitteln, wie wichtig es ist, dass die Zeit der Inhaftierung nicht nutzlos vorüber geht, sondern dass die Inhaftierten  bestmöglich resozialisiert werden, beispielsweise durch das Heranführen an Arbeit und die Unterstützung bei psychischen Problemen.

Es geht also um eine Ausgewogenheit zwischen der Resozialisierung und dem Sicherheitsbedürfnis der Menschen?
Absolut. Es ist selbstverständlich, dass die Sicherheit und der Schutz der Allgemeinheit gewahrt werden, aber entscheidend ist, dass wir eine möglichst humane, moderne Vollzugsgestaltung haben.

Kürzlich ging es in einem Interview mit einem Juraprofessor auf "Spiegel Online" darum, dass immer mehr Jurastudenten die Todesstrafe befürworten und der Resozialisierungsgedanke an Akzeptanz verlieren würde. Sehen Sie das ähnlich?
Die Sorge habe ich auch, die Forderung nach „Null Toleranz“ ist nicht nur am Stammtisch, sondern auch in Akademikerkreisen weit verbreitet. Dem kann man nur mit dem Argument entgegentreten, dass selbst in den totalitärsten Staaten Kriminalität vorhanden ist, also ein hartes Regime nicht die Kriminalität zurückdrängt. Ich muss daher alles daransetzen, um mit modernen Ideen die Rückfallproblematik in den Griff zu bekommen, härtere Strafen helfen nicht.

Hat die Bevölkerung eigentlich generell ein großes Interesse am Justizvollzug?
Die Bevölkerung hat nur dann Interesse daran, wenn irgendetwas passiert ist. Dann ist die Aufmerksamkeit groß, ansonsten steht der Vollzug im Interesse immer hinten an und man dringt nicht immer durch mit seinen Themen. Aber dennoch machen wir viel mehr als  Krisenkommunikation, die betrifft nur einen Bruchteil des Jahres.

Demnach ist Ihnen das Thema bisher noch zu wenig präsent?
Ja, wir arbeiten auch gemeinsam mit der Justizverwaltung daran, wie wir das ändern können. Denn wir haben ja mit Thomas Heilmann einen Justizsenator, der sehr presseerfahren ist und auch versucht, eine Imageverbesserung zu erreichen. Da müssen wir aber einen Prozess lostreten, der über Jahre geht und nicht nur ein paar Wochen anhält. Es ist eher ein Marathonlauf denn ein Sprint.

Thomas Heilmann ist aber im vergangenen Jahr auch stark in die Kritik geraten. Als es den Ausbruch hier in Ihrer JVA gab, wurde er mit dem Kommentar zitiert, die Tat sei eine „Kombination aus sportlicher Leistung und glücklichen Zufällen“.
Das war eine Verkürzung. Herr Heilmann hat nicht die Sache als solche bagatellisiert, sondern er hat darauf hingewiesen, dass die Flucht, so wie sie stattgefunden hat, einer erheblichen körperlichen Anstrengung bedurfte, dass man massivste Hindernisse überwinden musste, was nicht jeder Gefangene geschafft hätte. Wie oft wählt man Worte, die dann ganz anders ankommen, als sie gemeint waren. Aber wenn ich Pressearbeit mache, mache ich auch mal einen Fehler.

Wird diese eigentlich bundesweit zentral von den Ministerien mitgestaltet, so wie es hier in Berlin ist?
Das ist ganz unterschiedlich. In Flächenstaaten wie Nordrhein-Westfalen oder Niedersachsen hat in der Regel jede größere Anstalt ihren Pressesprecher, aber es gibt auch Länder wie Bayern, da ist die Pressearbeit meines Wissens ganz zentral über das Ministerium gesteuert, das ist zum Teil traditionell, und natürlich stark vom jeweiligen Minister, geprägt.

Ein anderer interessanter Punkt sind die Anstaltsbeiräte, die die Strafvollzugsgesetze vorschreiben. Wie sehen Sie deren Rolle in Bezug auf Öffentlichkeitsarbeit?
Dieser Beirat besteht aus Vertretern der Öffentlichkeit, die durch ihre Tätigkeit in irgendeiner Form mit dem Justizvollzug in Verbindung stehen, zum Beispiel des paritätischen Wohlfahrtsverbands, aus Rechtsanwalts- oder Ärzteverbänden. Es ist ein Kontroll- und Unterstützungsorgan. Wir in Berlin sind überzeugt davon, dass es wichtig ist, solche Beiräte zu haben, und haben als einziges Bundesland noch einen Vollzugsbeirat für das gesamte Land. Es ist wichtig, sich möglichst viel mit Externen zu beraten. Das jüngste Beispiel ist die Gründung eines Beirats seitens des Justizsenators für die muslimische Gefängnisseelsorge.

Das klingt mehr nach Beratung für die JVA als nach einem Mittel der Öffentlichkeitsarbeit.
Die Mitglieder berichten von ihrer Tätigkeit, das ist nicht nur eine interne Sache. Und dadurch haben sich auch externe Unterstützungsvereine gegründet, zu deren Veranstaltungen die Bürger eingeladen werden.

Gehen Sie auch gezielt auf Pressevertreter zu, um Ihre Themen zu platzieren?
Das machen wir durchaus, wenn auch nicht immer erfolgreich. Aber im Zusammenhang mit unseren Kulturveranstaltungen funktioniert das ganz gut. So haben wir uns beispielsweise an der ZDF-Neo-Produktion über einen Straßenchor beteiligt. Interessant ist, dass bei allen, die wir kontaktieren, seien es Medienvertreter oder andere externe Gruppen, die Kenntnis über unsere Arbeit zu mehr Anerkennung führt. Das sind kleine Schritte auf dem Weg zu einem positiveren Image.

Es gibt auch Medienanfragen, die gezielt einen Gefangenen in den Fokus setzen wollen. Wie gehen Sie damit um?
Wir orientieren uns dabei an der Rechtsprechung, die die Resozialisierung des Gefangenen in den Vordergrund stellt. Das heißt, wenn dieses Projekt die Resozialisierung gefährden würde, unterstützen wir das nicht. Aber wir benutzen den Gefangenen dabei nicht für unsere Öffentlichkeitsarbeit. Solch eine Anfrage ist nur in zweiter Linie eine Anfrage an uns. Der Gefangene selbst steht da im Fokus.

Mit welchen Anfragen werden Sie sonst noch konfrontiert?
Das ist ganz unterschiedlich. Da geht es um historische Aspekte der Anstalt, wir haben beispielsweise schon einmal eine Mielke-Dokumentation unterstützt. Andere Anfragen betreffen die Ernährung hier in der Anstalt oder das Berufsbild des Justizbeamten. Wir prüfen alles, und sind in den vergangenen Jahren erheblich aufgeschlossener geworden.

Welche Geschichte würden Sie gerne einmal erzählen?
Die spannendste Zeit als Anstaltsleiter war sicherlich die Phase, als die gesamte Politprominenz der DDR hier kürzer oder länger inhaftiert war. Honecker, Mielke, Krenz – das ist Zeitgeschichte gewesen. Ich hab auch schon mehrfach davon erzählt, dass ich nach wie vor davon überzeugt bin, dass Mielke haftfähig war – wie der mich angesehen hat bei seiner Entlassung ...

 
 

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