Polit-Talk Total

Hohe Einschaltquoten, Spekulationen im Vorfeld und ein großes Medienecho: Raabs Sendung „Absolute Mehrheit“ spaltet die Nation. Dabei kann der Moderator besonders bei Jugendlichen punkten. Denn seine Show ist vor allem eins – PR für Politik.

Ein braunes, rundes Sofa, davor ein Perserteppich, im Hintergrund die stilisierte Skyline Kölns – in dieser Studioatmosphäre empfängt Stefan Raab die Gäste seiner TV-Show „Absolute Mehrheit“. Einer Polit-Talkshow, so scheint es auf den ersten Blick. Doch wer genauer hinschaut, der erkennt: Hier ist alles anders. Der überdimensionierte Bundesadler, der über dem Sofa hängt, lächelt. Kaum einer der Teilnehmer trägt eine Krawatte und auch sonst wirkt die Atmosphäre weniger steif, weniger ernst als von Maybrit Illner und Co. gewohnt. Nach Wok-WM, Turmspringen und Eurovision Song Contest hat sich Prosieben-Liebling Stefan Raab an den Polit-Talk gewagt und sich damit Kritik eingefangen. „Raab schlägt sich selbst“, titelte Focus Online, „Nur öder Politquatsch bei Stefan Raab“, das „Handelsblatt“. Dabei gelingt dem Moderator das, was Pädagogen und die Bundeszentrale für politische Bildung seit Jahren versuchen: Jugendliche mit Politik vertraut zu machen. So twitterte etwa eine junge Zuschauerin kurz vor der Sendung: „Ich werde heute meine erste Politiktalkshow schauen, und nur Stefan Raab bringt mich dazu.“

Schon im Vorfeld hatte es Spekulationen über die Teilnehmer gegeben. Erst beschwerte sich der Grüne Volker Beck öffentlich über eine Ausladung, dann sagte Bundesminister Peter Altmeier öffentlich ab, schließlich nannte Bundestagspräsident Norbert Lammert die Sendung „absoluter Unfug“ – so viel Wirbel vorab wie bei Stefan Raabs „Absolute Mehrheit“ gab es um eine Polit-show schon lange nicht mehr. Mit Wirkung: 1,79 Millionen Zuschauer schalteten ein, als der Moderator zum Talk lud. Das sind rund 18 Prozent aller Fernsehzuschauer im Alter von 14 bis 49 Jahren – und ein weiterer Beweis dafür, dass Raab auch am späten Sonntagabend ein Garant für gute Quoten ist. Dabei driften die Meinungen über den Sinn und Zweck der Show auseinander. Im Interview mit Spiegel Online gab der Moderator an, das neue Format sei „eine Herausforderung, weil ich durchaus glaube, dass man die jungen Zielgruppen mit solchen Formaten wieder für Politik interessieren kann“. Kritiker entgegnen jedoch, dass der Inhalt dabei zu kurz komme. „Raab gab sich zwar schlagfertig, doch sein Talk blieb oberflächlich. Auch andere Talkshows haben ihre Schwächen, aber ‚Absolute Mehrheit‘ ist in jedem Fall am Schwächsten“, sagt Politikwissenschaftler und Kolumnist Jörg-Uwe Nieland. Dabei hatte der Sender eine „Neuerfindung des Polit-Talks“ angekündigt. „Die Sendung ist unterhaltsam, bunt, aber auch ein wenig langweilig“, findet Walter van Rossum. Der Journalist und Autor hat sich bereits in mehreren Büchern dem Thema Polit-Talk gewidmet.  „Ich bin kein Raab-Freund, aber er macht das auf seinem Niveau ganz munter und ich habe ein paar Mal herzlich gelacht.“

Schon der Vorspann der Show erinnert an frühere Gameshows des Entertainers. „3 Themen, 5 Meinungen, 100.000 Euro“, lautet der Slogan der Show, von der niemand so recht zu wissen scheint, welche Lücke sie im Programm schließen soll. Die geladenen Gäste CSU-Politiker Michael Fuchs, Thomas Oppermann von der SPD, Wolfgang Kubicki (FDP), Jan van Aken von der Partei Die Linke sowie die Unternehmerin Verena Delius diskutierten dabei über gleich drei Themen: Steuern, Energie und Internet. Nach jedem Themenblock konnten die Zuschauer via Telefon-Abstimmung entscheiden, wer in die nächste Runde kommt. Wer am Ende der Show mehr als 50 Prozent der Zuschauerstimmen für sich gewann, hat die „Absolute Mehrheit“ und bekommt 100.000 Euro – ein Gewinn, der dann gespendet werden soll. „Es waren die falschen Talkshowgäste und zu viele Themen auf einmal, da ging es nur um Phrasen und Stimmungsmache. Drei Themen in einer Show behandeln zu wollen, ist ein Konstruktionsfehler“, sagt Nieland. Die Gefahr sei dabei, dass eine falsche Botschaft gesendet werde – denn die Zuschauer stimmten nach Sympathie ab und nicht nach Sachkenntnis oder Stärke der Argumente in der Diskussion. So zeigte sich auch, dass die Gäste bei Raab mit anderen Eigenschaften überzeugen mussten als bei der öffentlich-rechtlichen Konkurrenz. Während der konservativ wirkende Fuchs und die zurückhaltende Delius schnell aus dem Rennen flogen, überzeugten Kubicki und van Aken das Publikum mit professioneller Gelassenheit. „Es ist interessant, dass der Mann von den Linken eine solche Chance hatte, in den üblichen Politshows wäre er die Beute der Mehrheit geworden“, sagt van Rossum. Persönlichkeit, so scheint es, zählt bei Raab mehr als der Diskussionsinhalt.

Um bei „Absolute Mehrheit“ zu überzeugen, bräuchte es einen „gewissen Charme mit angedeutetem Kompetenzhintergrund“, so der Journalist. Und obwohl es sich keines der deutschen Leitmedien nehmen ließ, über Raabs Show zu berichten, fällt auf, wie wenig es dabei um Inhalte ging. „In den Kritiken wurde meistens vergessen zu erwähnen, wie wenig nachhaltig die Sendung ist. Kaum einer erinnert sich noch an die Themen oder die Argumente der Sendung, sondern lediglich an die Floskeln von Raab“, sagt Nieland. So begrüßte der Moderator Michael Fuchs etwa mit „Fuchs, wer hat die Gans gestohlen?“ und fragt van Aken provokant: „Herr van Aken, stehen Sie eigentlich auf Sarah Wagenknecht?“ Unterhaltsame Sprüche, die man von Raab gewohnt ist, die jedoch auch Kritik auf sich ziehen. „Prosieben und Stefan Raab haben in vielerlei Hinsicht die besten Grundvoraussetzungen. Allerdings fehlt das richtige Ziel: jungen Menschen mithilfe politischer Kontexte in ihrer Lebenswirklichkeit auf Augenhöhe zu begegnen. Es sollte nicht weiterhin davon ausgegangen werden, dass jeder Zuschauer dumm ist“, erklärt Andreas Schöpf, Geschäftsführer der Kommunika­tionsagentur Redaktion und Alltag, die das Jugendportal der Bundeszentrale für politische Bildung, Fluter, produziert. Auch Marie Kollenrott, Kreisvorstandssprecherin für den Wahlkreis Göttingen und Landtagskandidatin bei Bündnis 90/Die Grünen, sieht die vereinfachte Darstellung politischer Themen kritisch: „Es kann gut sein, dass die Sendung gerade jüngere Leute anspricht. Meine Erfahrung ist jedoch, dass sich auch Jugendliche ernsthaft mit Themen auseinandersetzen wollen.“ Prosieben zeigt sich derweil gelassen gegenüber der Kritik – und punktet mit Transparenz. Auf der eigens eingerichteten Webseite veröffentlicht der Privatsender eine Übersicht aller Medienberichte, sowie Kommentare aus den sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter. Und steht auf diese Weise offen dazu, dass das Gros der Zuschauer das Politainment-Format negativ beurteilt. Denn trotz der kritischen Stimmen scheint der Sender seinen eigenen Ansprüchen gerecht geworden zu sein. „Herr Raab macht vorsätzlich Unterhaltung und das finde ich in Ordnung, während Illner und Konsorten so tun, als ob sie ernsthafte Politik machen“, sagt van Rossum.

Für manche Zuschauer sei die Vereinfachung von Inhalten von Vorteil, um zumindest einen ersten Eindruck von politischen Themen zu bekommen, so der Journalist. „Raab will Illner und Co. nicht kopieren. Es geht darum, den Leuten auf einem ganz einfachen Niveau einen Einstieg zu bieten“, sagt Enno Lenze, Pressesprecher der Piratenpartei Berlin. „Für viele Leute sind die Politik und ihr eigenes Leben zwei Welten, aber denen dann überhaupt zu zeigen, dass das miteinander zusammenhängt, finde ich sehr wichtig“, sagt Lenze. Ein bisschen Spaß, ein wenig Politik, ein wenig Gewinnspiel – mehr sollte von der Raab-Sendung nicht erwartet werden. Gelingt es dennoch, jungen Leuten auf diese spielerische Art Politik näher zu bringen, ist dies umso besser. Ende Januar ist die zweite Auflage der Sendung geplant. Dann wird sich zeigen, ob das Medieninteresse an Raabs neuestem Projekt anhält und auf lange Sicht mehr bieten kann als seichte Unterhaltung.

 
 

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