Rufe werden laut, Paywalls für Corona-Artikel abzuschaffen. / Symbolbild Paywall: (c) Getty Images/Smitt
Rufe werden laut, Paywalls für Corona-Artikel abzuschaffen. / Symbolbild Paywall: (c) Getty Images/Smitt
Angst vor Fake News

Paywalls in Coronazeiten: Freier Content gefordert

Gegner von Paywalls wie Jan Böhmermann fordern Zeitungen auf, Corona-Artikel frei zugänglich zu machen. US-Medien haben die Bezahlschranke bereits geöffnet.
Toni Spangenberg

Dreiviertel der Menschen haben Angst vor Fake News im Zusammenhang mit Corona. So kursierten beispielsweise am Wochenende Berichte auf Whatsapp, Aldi werde seine Filialen bald schließen. Das Unternehmen dementierte. Nachrichten wie diese verunsicherten die Bevölkerung, so die Befürchtung der Bundesregierung.

Böhmermann fordert Einreißen von Paywalls

Nun werden Forderungen laut, dass die Presse ihre Paywalls im Internet abschalten solle, um Informationen für alle zugänglich zu machen und so der grassierenden Fake-News-Epidemie entgegenzutreten. Moderator und ZDF-Journalist Jan Böhmermann schreibt auf Twitter an die Regionalzeitungen: „TEAR DOWN THE FUCKING PAYWALLS NOW! Für all die Enkel, Kinder, Nichten und Neffen, die in den nächsten Tagen die Infos brauchen, schnell verschicken oder teilen müssen.“

Gleiches fordert das sozialwissenschaftliche Magazin Katapult und appelliert an die Moral der Verleger:innen. „Entfernt endlich eure Paywall für Corona-Artikel!“ Medien profitierten ohnehin von der Aufmerksamkeit der Bürger:innen während der Corona-Krise. 

Insgesamt listet Katapult 13 Nachrichtenportale, die den Zugang zu Corona-Artikeln durch eine Bezahlschranke limitieren. Darunter sind etwa die Bild, die Süddeutsche oder der Spiegel, wobei das Nachrichtenmagazin derzeit immerhin einen kostenlosen Probemonat anbietet. Die Paywall-Praxis sei dennoch „unverantwortlich“. Katapult empfiehlt den Verlagen, sämtliche Corona-Artikel kostenlos zugänglich zu machen. Andernfalls würden sie bald als „geldgeile Nutznießer einer Krisensituation“ wahrgenommen. 

„Verlage kämpfen ums Überleben“

Die Medien wehren sich gegen die Vorwürfe. So schreibt Thore Barfuss, Ressortleiter Community und Social bei der Welt, auf Twitter an Jan Böhmermann gerichtet: „Was für eine unverschämte Forderung von jemandem, der sich nicht darum kümmern muss, wie sein Gehalt bezahlt wird.“ Barfuss verstehe nicht, warum eine Paywall-Diskussion aktuell nötig sei. „Für Verlage und Zeitungen (gerade Regional-Zeitungen) werden die nächsten Wochen und Monate ein Kampf ums Überleben.“ Ihnen brächen die Vertriebserlöse weg. Keiner wisse, wie lange es noch möglich sei, Zeitungen auszuliefern. Gleichzeitig gingen aufgrund der durch Corona verursachten Wirtschaftskrise auch Werbeerlöse zurück. 

Barfuss wies darauf hin, dass viele Medien „schon heute wichtige Corona-Informationen, die mit großem Rechercheaufwand verbunden sind, nicht mehr hinter die Paywall“ stellen. „Wir wissen, ob unserer Verantwortung.“ Zustimmung erhält er dafür unter anderem vom BDZV (Bundesverband Digitalpublisher und Zeitungsverleger). Auf die Anregung des Rechtsanwalts Jan Mönikes, der Verband solle in Richtung Flatrates weiterkommen, antwortet der BDZV man arbeite dran, „auch wenn Flatrate eher nicht die Lösung sein dürfte.“ Andere User:innen weisen darauf hin, dass es Qualitätsjournalismus nicht gratis geben könne. Alle wichtigen Informationen seien darüber hinaus auf den Seiten der Öffentlich-Rechtlichen und des Robert-Koch-Instituts abrufbar. 

US-Medien machen Corona-Artikel kostenfrei

Anders als in Deutschland wird über Paywalls zu Zeiten von Corona in den USA nicht diskutiert. US-Medien nutzen mehrheitlich Metered Paywalls, während hierzulande ein Freemium-Modell, eine Mischung aus kostenfreien und kostenpflichtigen Inhalten, dominiert. Das heißt, Medien in den USA lassen Nutzer:innen ein bestimmtes Kontingent an Artikeln monatlich kostenfrei lesen. Erst nachdem dieses Kontingent erschöpft ist, verschwinden Inhalte hinter der Bezahlschranke.

Viele Zeitungen, wie The Atlantic, The Philadelphia Inquirer, The Wall Street Journal, New York Times und Bloomberg News, verzichten jedoch ganz auf Paywalls vor Corona-Artikeln. So schreibt beispielsweise die New York Times auf ihrer Webseite: „Wir stellen die wichtigsten Informationen und nützliche Verhaltensregeln zum Ausbruch des Coronavirus kostenlos zur Verfügung, um Leser:innen dabei zu unterstützen, die Pandemie zu verstehen.“ 

Leser:innen der Washington Post haben die Möglichkeit, einen Newsletter zu abonnieren, der sie einmal täglich ausschließlich über Neuigkeiten zu Corona informiert. „Alle Geschichten, die im Newsletter verlinkt sind, sind frei zugänglich“, schreibt die Zeitung. Auch die New York Times bietet einen Corona-zentrierten Newsletter an.

„Wir wollen der Öffentlichkeit einen Dienst erweisen"

Das Wall Street Journal bietet zudem seit Montag eine kostenfreie tägliche Video-Serie an. „Seit einem Monat schon sorgen wir dafür, dass wichtiger Coronavirus-Content kostenfrei gelesen werden kann und werden das auch weiterhin tun, um der Öffentlichkeit einen Dienst zu erweisen“, sagt Louise Story, News Strategist und Product and Technology-Chefin des WSJ, gegenüber Adweek.

Ähnlich äußert sich auch Jeffrey Goldberg, Chefredakteur von The Atlantic. „Das ist ein öffentlicher Gesundheits-Notfall. Wenn wir Informationen haben, die wichtig für die Menschen sind, bin ich mir nicht sicher, ob es ethisch vertretbar wäre, sie ihnen nur im Austausch gegen ihre Kreditkarte zu geben.“ Es sei das erste Mal seit der Einführung der Paywall, dass das Blatt Inhalte frei zugänglich mache. 

Ganz uneigennützig sei das Einreißen der Paywalls in den USA allerdings nicht, gibt Tom Meyvis, Professor für Marketing an der Stern School of Business der New York University, zu bedenken. „Freie Informationen zum Coronavirus anzubieten, bietet die Chance, neue Kund:innen und Leser:innen zu gewinnen, die der Zeitung verbunden bleiben und vielleicht dazu bereit sind, zu bezahlen, wenn sie der Inhalt beeindruckt.“ 

 

 
 


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