Öffentlichkeitsbeteiligung bei Großprojekten (c) Getty Images/iStockphoto
Öffentlichkeitsbeteiligung bei Großprojekten (c) Getty Images/iStockphoto

Öffentlichkeitsbeteiligung bei Großprojekten: So früh wie möglich

Wer heute Großprojekte plant, sollte so früh wie möglich den Dialog mit den Bürgern suchen. Ingenieure und Kommunikatoren müssen dabei künftig an einem Strang ziehen.
Martin Koch

Zugegeben, es sei kein “sexy Titel”, räumte der BdP-Bildungsbeauftragte Ulrich Kirsch zu Beginn des Panels ein. Dennoch war die Veranstaltung zum Thema „Stakeholder Management: Frühe Öffentlichkeitsbeteiligung bei Großprojekten“ gut besucht. Denn während sich die Experten anderswo auf dem Kommunikationskongress mit Krisenkommunikation und Shitstorms beschäftigten, ging es hier darum, eben solche Situationen gänzlich zu vermeiden.

Gelingen soll das durch die engere Kooperation von Ingenieuren und Kommunikatoren. Neben den Kommunikationsexperten Ulrich Kirsch, Matthias von Glischinski-Kurc von Shell und Marius Strecker vom Stromnetzbetreiber TenneT TSO, war daher mit Volker Brennecke auch ein Technikexperte vom Verein Deutscher Ingenieure (VDI) anwesend.

Anstoß der Diskussion war die Richtlinie „VDI 7000“, in der Brennecke und seine Mitautoren einen neuen holistischen Ansatz für Öffentlichkeitsbeteiligung aufzeigen. Unter den Experten war man sich einig: Ohne die Beteiligung der Öffentlichkeit sind heute keine Großprojekte mehr möglich. Doch während Fehlplanungen von den Entscheidern – oft der Politik – verschuldet würden, seien es die Kommunikatoren dieser Projekte, die „die Suppe auslöffeln müssen“, stellte Brennecke fest. So geschehen, unter anderem, bei der Elbphilharmonie in Hamburg.

Mit der neuen Richtlinie will der VDI daher die Information an den Beginn eines Großprojektes stellen und dafür werben, die Bevölkerung nicht länger vor vollendete Tatsachen zu stellen. Der Dialog mit der Bevölkerung muss ergebnisoffen geführt werden, erklärte Glischinski-Kurc. Gute Erfahrungen mit dieser Herangehensweise hatte Shell unter anderem mit der Connect-Pipeline in Köln gemacht. Durch frühe Öffentlichkeitsarbeit, Kompromisse bei der Trassenführung und zusätzliche Umweltschutzmaßnamen hätte man Kritikern den Wind aus den Segeln genommen und eine breite Akzeptanz des Projektes in der Öffentlichkeit erwirkt.

Marius Strecker, seines Zeichens verantwortlich für die Kommunikation der SuedLink-Stromtrasse, steht dabei vor einer ungemein größeren Herausforderung. Sein Projekt soll einmal Windenergie von der norddeutschen Küste bis nach Unterfranken transportieren. Sein Problem: „Jeder findet die Enegiewende gut, nur nicht bei sich.“ Rund 800 Kilometer soll sich die Hochspannungsleitung einmal quer durch die Republik schlängeln. Da ist Bürgerprotest vorprogrammiert. Doch anstatt einseitig zu schlichten, gelobt Strecker, mit den Bürgern noch in der Planungsphase in den Dialog zu treten: „Wir wollen erfahren, was wir selbst nicht wissen.“ Gute Vorschläge aus der Bevölkerung sollen so mit in die Planung einfließen um das Projekt zu erleichtern. Zu diesem Zweck, würden NGOs, Verbände und Politiker früh und gezielt angesprochen werden.

Kongress-Panel "Stakeholder Management" (c) Laurin Schmid

Kongress-Panel "Stakeholder Management" (c) Laurin Schmid

„Kommunikation ist kein Selbstzweck“, mahnte der Shell-Mann Glischinski-Kurc an. Wer von Pressesprechern erwarte, nur das zu verkünden, was die Experten beschlossen haben, der habe ein falsches Verständnis des Berufes. Auch die Projektleiter dürften nicht mehr nur aufgrund ihrer technischen Fachkompetenzen ausgewählt werden. Für Glischinski-Kurc müssen Projektverantwortliche heute ähnlich wie CEOs ihre Projekte auch nach außen vertreten können. Das habe sich auch bei der Connect-Pipeline in Köln bewahrheitet. Es sei essentiell gewesen, dass bei diesem Projekt Entscheidungsträger mit den Bürgern und Interessenvertretern am Tisch saßen, die verbindliche Zusagen machen konnten.

Doch auch die Ingenieure sind bei dieser Neuausrichtung gefragt. Volker Brennecke, gab zu, dass Ingenieure und Kommunikatoren oft „nicht die liebsten Freunde“ wären. Aber die Planung der Außenwirkung von Großprojekten sei heute genauso wichtig wie die technische Planung. Das sei eine Sache, die die nächste Generation von Ingenieuren heute schon im Projektmanagement lerne. Andersherum müssten sich aber auch die Kommunikationsexperten ein technisches Verständnis aneignen. Nur so könnten sie technische Vorhaben effektiv kommunizieren und bei der Gestaltung des Dialoges aktiv mithelfen, fand Brennecke.

Für Ulrich Kirsch war der Tenor der Diskussion und der Leitlinie des VDI klar: Öffentlichkeitsbeteiligung „so früh wie möglich“ und „ergebnisoffene“ Projektplanung. Nur so fühlen sich die betroffenen Bürger auch ernst genommen. Und nur so kann es den Kommunikationsexperten gelingen, auch bei einem umstrittenen Projekt breite Zustimmung in der Öffentlichkeit zu schaffen.

 
 

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