Verschwiegenheit und Zurückhaltung sind unbedingte Voraussetzungen für erfolgreiche Kommunikationsarbeit. (c) Thinkstock/kieferpix
Verschwiegenheit und Zurückhaltung sind unbedingte Voraussetzungen für erfolgreiche Kommunikationsarbeit. (c) Thinkstock/kieferpix
Kolumne

Ob Presse oder Personal: Diskretion gehört zum Geschäft

Dieses Mal hält der freie Journalist und Redenschreiber Claudius Kroker in seiner Kolumne ein Plädoyer für mehr Diskretion und erklärt, warum Verschwiegenheit und Zurückhaltung unbedingte Voraussetzungen für eine erfolgreiche Kommunikationsarbeit sind.
Claudius Kroker

Wer in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, im Marketing oder in der Werbung arbeitet, ist seinen Landsleuten oft einen Schritt voraus. Denn wir Kommunikatoren kennen die Inhalte von Pressemitteilungen, die neueste Personalie, Regierungserklärungen, ernst zu nehmende Umsatzzahlen oder den preisverdächtigen Super-Slogan immer schon, bevor diese Dinge öffentlich werden.

Daher gelten Verschwiegenheit und Zurückhaltung nicht nur als Qualitätsmerkmal oder hübsche persönliche Eigenheiten – es sind unbedingte Voraussetzungen für alle, die erfolgreich Kommunikationsarbeit für andere machen. Das ist besonders wichtig in einer Zeit, in der es viele Menschen scheinbar keine Minute ohne Kommunikationsdauerfeuer aushalten, in der in aller Öffentlichkeit gechattet, gewhatsappt, gefacebookt oder auch einfach nur lauthals telefoniert wird.

Die Inhalte sind mal nah dran an Fake News („Die Merkel verdient Millionen jedes Jahr, ganz bestimmt, hab ich grad gelesen“), manchmal fürchterlich uninteressant („Hallo Erna? Ja, ich sitze jetzt im Zug“) und manchmal schrecklich peinliche Bettgeschichten, bei denen man weghören möchte – wenn sich die räumliche und logistische Möglichkeit dazu böte.

Es gibt aber eben auch die ganz speziellen Varianten öffentlichen Darstellens von Dingen, die (noch) nicht in die Öffentlichkeit gehören. Neulich saß in der Straßenbahn drei Plätze von mir entfernt ein junger Mann, der – Stöpsel im Ohr, Smartphone vor sich auf dem Handteller liegend (eine meines Erachtens fürchterlich unbequeme Haltung zum Telefonieren) – alle Fahrgäste gleichermaßen mit unterhaltend den Empfänger seines öffentlichen Gesprächs über einen Geistesblitz informierte. Für „Dampf-frisch“ könne man doch eine eigene Webseite anlegen. Dampf Bindestrich Frisch – ist doch eine tolle Idee. Die sei ihm beim Nachdenken gekommen. Die Domain sei noch zu haben. Wobei: Nachdem nun alle mitgehört haben, möglicherweise nicht mehr. Da wird doch jemand Schlaues dabei gewesen sein, der diesen soeben ausgeplauderten Gedanken für den Kunden aus der Tiefkühlbranche als Wissensvorsprung fürs eigene Geschäft nutzen mag.

Richtig kommunizieren: Auf das Timing kommt es an

Der Business-Diplomat Wulf-Hinnerk Vauk hat in seinen Veröffentlichungen regelmäßig angemerkt, dass es für den Erfolg von Kommunikation immer auch auf das richtige Timing ankomme. Man kann zu früh kommunizieren, dann bleibt möglicherweise die Wirkung aus. Man kann auch zu spät kommunizieren – das wird in der Krisen-PR leider oft gemacht. Dann rollen Köpfe, die hätten gerettet werden sollen.

Manchmal stimmt auch das Timing bei der internen und externen Kommunikation nicht. Fluggesellschaften, die ihre Hauptniederlassung schließen, und die Mitarbeiter erfahren davon morgens auf dem Weg zur Arbeit aus den Nachrichten im Autoradio. Alles schon da gewesen.

Wenn Bewerbungen und Personalakten öffentlich werden

Personalakten und Bewerbungsunterlagen werden in Zügen und Flugzeugen ausgebreitet und deutlich wahrnehmbar unter mehrfacher Nennung der entsprechenden Namen (nein, ich wiederhole sie an dieser Stelle nicht) diskutiert. Woher weiß eigentlich der Abteilungsleiter aus dem Umweltministerium, der das alles soeben offenlegt, dass die Person, über die er sich auslässt, nicht zwei Reihen hinter ihm sitzt? Oder auch hinter „ihr“ – Indiskretion in öffentlichen Räumen ist keine zwingend männliche Angelegenheit.

Ist das ein Auswuchs des mobilen Arbeitens? Oder schwingt der Größenwahn mit, allen Sitznachbarn laut und deutlich vermitteln zu wollen, dass man ein kreativer und wichtiger Kopf sei, der Ideen habe und die Macht zu entscheiden?

Liebe Dampf-Frisch-Erfinder, Bewerbungsmappen-Leser, PR- und Werbeleute: Es gibt Vertrauliches, und es gibt Öffentliches. Und dazwischen gibt es einen Unterschied. Und der Rest ist Schweigen.

 

 
 

Kommentare

Die Zug-Anekdote könnte von mir sein. Vor Jahren war ich, als Chefredakteur einer Fcahzeitschrift und Web-Verantwortlicher des Verlags im Großraumwagen eines ICE unfreiwillig Mithörender eines Jubelgesprächs in der Vierersitzgruppe vor mir, und dem anschließenden Telefonat ins Heimatbüro. "Ja, alles im Sack, die neue Bio-Linie von E... heißt VierTannen ((Name geändert)), wir müssen morgen nur noch die URL reservieren." Ich konnte nicht anders, als mich kurz vor dem Aussteigen der Gruppe vorzustellen, mich zu bedanken für den Tipp mit der freien URL und für die nächste ICE-Konferenz Zurückhaltung zu empfehlen. Sie werden dann hektisch telefoniert und reserviert haben, die Presse-Info mit dem tollen Coup folgte dann zwei Tage später. Oder die Architektin aus Berlin, die während der ganzen Fahrt bis Dortmund hinter mir ein Telefonat nach dem anderen über Baupläne im Bundesauftrag führte und wie man diesen oder jenen Gesprächspartner über den Tisch ziehen könnte. Insofern sind WLAN und Netzverfügbarkeit im ICE eigentlich eine Schädigung des Volksvermögens.


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