Neue Normalität: Noch nie waren wir so flexibel darin, wo und wann wir arbeiten. (c) Getty Images/Goodshoot
Neue Normalität: Noch nie waren wir so flexibel darin, wo und wann wir arbeiten. (c) Getty Images/Goodshoot
Mobiles Arbeiten

Der neue Standard

Großraumbüro war gestern, Gewusel gibt es heute nur noch auf dem Bildschirm. Oliver Santen vom Bankenverband war von der Umstellung nicht begeistert. Und lernte am Ende doch die neue Normalität lieben.
Oliver Santen

Der Arbeitsalltag in Großraumbüros – für mich als Kommunikator und ehemaliger Journalist Standard. Mehr als zehn Jahre habe ich gemeinsam mit vielen Kolleginnen und Kollegen in offenen Redaktionsräumen gearbeitet, danach in PR-Newsrooms. Mir hat das immer gefallen, das Gewusel, der schnelle Austausch, die produktive Atmosphäre. Und dann: Corona, Lockdown, ab nach Hause. Kleinraumbüro.

Die abrupte Verlagerung meines Arbeitsplatzes empfand ich als schrecklich. Mehr oder weniger über Nacht arbeitete das gesamte Team plötzlich in Heimarbeit. Schluss mit den selbstverständlichen, persönlichen Treffen und Besprechungen. Stattdessen: Video-­Meetings, E-­Mail­-Flut, Telefonkonferenzen und scheinbar endlose Arbeitstage. Die ersten Wochen nahm ich als sehr anstrengend und zum Abgewöhnen wahr. Arbeiten von zu Hause ist eine Heraus­forderung, stellt uns vor neue Aufgaben: Die Arbeit muss anders organisiert werden, Informationen werden virtuell ausgetauscht, Kolleginnen und Kollegen müssen eingebun­den werden, brauchen Feedback und neue Prozesse müssen etabliert werden. Auch Führung läuft aus der Distanz anders ab. Das will geübt sein. Es braucht Zeit und Routine.

Nach monatelangem Arbeiten unter Pandemie-­Bedingungen sehe ich das mobile Arbeiten – also die Mischung aus Büro und Zuhause – mit anderen Augen. Ich habe viel dazugelernt und gemerkt, dass es funktioniert. Inzwischen bin ich sogar zu einem Fan des mobilen Arbeitens geworden. Das hat ganz persönliche Gründe.

Mobiles Arbeiten braucht klare Regeln

Zu Beginn des ersten Lockdowns überforderte mich die Heimarbeit völlig. Mein neuer Schreibtisch war der Küchentisch. Privates und Berufliches flossen ineinander. Gefühlt war ich permanent im Dienst. Schnell habe ich festgestellt, dass ich mir eigene Regeln setzen muss – privat und geschäftlich. Die Mittagspause gehört in den Kalender, der Schreibtisch so weit wie möglich aus dem Privaten verbannt. Ich habe einen kleinen Nebenraum als Büro umfunktioniert. Mehr Austausch mit dem Team ist extrem wichtig, wir tun das jetzt täglich. Auch meine Arbeitszeiten begann ich konsequenter einzuhalten. Ich unternehme in meinen Pausen Spaziergänge ohne Smartphone und habe begriffen: Eine Runde joggen zum Feierabend hilft nicht nur dem verspannten Nacken.

Glaubt jemand ernsthaft, dass wir in einer Nach­-Corona-Zeit zu einer klassischen Fünf-­Tage-­Woche im Büro zurückkehren werden? Oder dass wir alle Errungenschaften der neuen Arbeitsnormalität wieder über Bord werfen? Nein, das wird nicht passieren! Je nach Umfrage wünschen sich 80 bis 90 Prozent der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, dass sie auch nach der Pandemie mehr von zu Hause arbeiten können. Erste Konzerne erlauben ihren Beschäftigten bereits, zwei bis drei Tage pro Woche mobil zu arbeiten. In den vergangenen Monaten haben wir eine tiefe Veränderung der Arbeitswelt miterlebt, vielleicht sogar eine digitale Revolution. „Die Corona-­Krise hat die Digitalisierung unserer Zusammenarbeit um mindestens 15 Jahre nach vorn gebracht“, lautet ein erstes Fazit des Fraunhofer-­Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation. In einer Umfrage sehen 90 Prozent von 500 Personalverantwortlichen keine Nachteile für die Unternehmen

Was ich wirklich vermisse, ist der schnelle, direkte Austausch während der gemeinsamen Zeit im Büro. Mal eben zum Schreibtisch einer Kollegin gehen, kurz die Köpfe zusammenstecken oder in der Küche zusammen eine Suppe essen. Das fehlt mir, jeden Tag. Stimmungen mitbekommen, Frust spüren, gute Laune verstärken. Tägliche Zoom-­Konferenzen, die wir als Team seit Mitte März machen, sind mittlerweile ein guter Ersatz. Allen ist es wichtig, sich zu sehen und nicht nur zu hören – und manchmal plaudern wir nur übers Regenwetter. Doch die Ruhigen bleiben das auch in einer Videokonferenz. Die eher lauten Menschen wirken virtuell noch dominanter. Deshalb sind Einzelgespräche und individuelle Chats wichtig, um niemanden zu vergessen oder auch einfach mal länger zuzuhören.

Virtuelles Führen verlangt mehr

In den vergangenen Monaten habe ich zwei neue Mitarbeiterinnen eingestellt, ohne sie zuvor persönlich getroffen zu haben. Die Gespräche haben wir als Videokonferenzen durchgeführt. Vor Corona undenkbar, geradezu unseriös. Heute normal und erprobt  –  für beide Seiten. Das gilt genauso für Personalgespräche, Jours fixes, Feedback-­Runden. Den virtuellen Austausch empfinde ich allerdings als anstrengender. Der Grund: Gerade in sensiblen Situationen sitzt man nur vor einem Screen und führt eben kein persönliches Gespräch. Für digitalen Austausch braucht es mehr Aufmerksamkeit und Konzentration. Bei virtueller Führung sind generell mehr Empathie und feine Antennen gefragt.

Es soll immer noch Vorgesetzte geben, die glauben, dass ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Homeoffice weniger fleißig oder gar faul sind – im Garten werkeln, sich auf dem Balkon sonnen oder im Baumarkt einkaufen. Das sind gut gepflegte Vorurteile. Die Realität sieht jedoch anders aus. Verschiedene Studien belegen, dass Menschen im Homeoffice bis zu einer Stunde täglich mehr arbeiten. Die Auswertung von Energieversorgern oder Stadtwerken zu sozialen Daten wie Strom­ und Wasserbrauch oder Datenströme belegen das. Im Homeoffice arbeiten wir also eher mehr als weniger. Es braucht Führungskräfte, die ihrem Team an dieser Stelle das nötige Vertrauen entgegenbringen. Und sie eher ermuntern, auch mal Pause zu machen, als ihnen innerlich vorzuwerfen, das Homeoffice für private Zwecke zu nutzen.

Während des Lockdowns und danach habe ich am Küchentisch meiner Mutter in Bayern gearbeitet, unterm Dach bei Freunden in Franken oder neben einer Zypresse in der Provence. Noch nie war ich so flexibel darin, wo ich arbeite. Nicht das Wo, sondern das Wie ist entscheidend. Wenn Tools und Wlan funktionieren, ist mobiles Arbeiten eine echte Bereicherung. Selten habe ich Privates und Berufliches so gut unter einen Hut bekommen. Das mobile Arbeiten ist ein echter Booster für die viel zitierte Work-Life-Balance. Um 15 Uhr eine Runde joggen, dafür nach acht Uhr abends noch ein Briefing überarbeiten. Diese Flexibilität will ich nicht mehr missen!

Gutes Teamwork geht auch online

Meine Überzeugung: Ein kreatives, engagiertes Team bleibt das auch virtuell. Eine produktive Themen­-Konferenz bleibt auch online ein produktiver Austausch. Genauso bleibt ein schlechtes, ineffizientes Meeting auch online ein Graus. Ich habe jedenfalls gemeinsam mit meinem Team gelernt, dass Teamarbeit virtuell gut funktioniert. Bei aller Begeisterung über mobiles Arbeiten, virtuellen Austausch und flexibles Arbeiten möchte ich dennoch unterstreichen: Das persönliche Gespräch ist durch nichts zu ersetzen! Körpersprache, Mimik, Gestik, den ganzen Menschen sehen, das alles geht nur, wenn man sich tatsächlich gegenübersitzt. Auch die Kreativität ist in einem Präsenz­-Meeting besser, direkter und spontaner.

Bleibt die Frage offen: Was kann getan werden, um in Zeiten des Arbeitens auf Distanz das Gefühl der Zusammengehörigkeit trotzdem entstehen zu lassen? Und die Bindung an das Unternehmen zu stärken? Wenn die derzeitige Ausnahmesituation vorbei ist, braucht es dafür überzeugende Antworten. Ich bin mir sicher, wir werden sie gemeinsam finden.

 

 
 


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