Ein idyllisches Weingut (c) Thinkstock/Alhontess
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Kolumne

Nacktarsch am Telefon

Dieses Mal berichtet der freie Journalist und Redenschreiber Claudius Kroker in seiner Kolumne von seinen Erfahrungen mit unglücklicher Kaltakquise und Produkt-PR – insbesondere von Weinhändlern.
Claudius Kroker

Manchen Journalisten so wie grundsätzlich vielen Kreativen in Redaktionen und PR wird nachgesagt, sie hätten ein offenherziges Verhältnis zum Alkohol. Ist das der Grund, warum unsere Zunft seit einigen Wochen von duseligen Weinhändlern am Telefon attackiert wird?

Reichsgraf von Ingelheim sei der Name – nein, natürlich nicht der eigene, aber der des rheinhessischen Weinguts, dessen exquisite Auswahl man zu irgendeinem Jubiläum – was genau es war, habe ich vergessen – dem Journalisten präsentieren wolle. Ein Probepaket mit mehreren Flaschen könne er mir schicken. Wie kommt der Depp grad auf mich? Er habe in den Gelben Seiten unter „Journalisten“ nachgesehen. Und die telefoniert er nun einen nach dem anderen ab. Das nenne ich ja mal eine Strategie: zielgenaue Direktansprache, Produktwerbung ohne jeden Streuverlust.

Die Sache wäre ein unglücklicher Einzelfall, wenn nicht einen Tag später das Haus Hermannsberg – ein Weingut oberhalb der Elbe – ebenfalls dem geneigten Journalisten seine Weine vorstellen wollte. Ich wurde sozusagen geographisch in die Zange genommen – von links und rechts gleichzeitig, von West und Ost.

Ja, ich trinke gerne guten Wein. Durchaus auch aus dem Rheinhessischen. Aber nein, ich möchte ihn nicht am Telefon angeboten bekommen. Nicht von Weingütern, die ich nicht kenne und die ab jetzt ohnehin auf meiner persönlichen Achse des Bösen stehen. Und schon gar nicht während der Arbeit am Schreibtisch, wenn ich gerade dabei bin einen eben aufgespürten Gedanken einer textlichen Verarbeitung zuzuführen. Und per se schon mal gar nicht, weil solcherlei telefonische Kaltakquise unzulässig ist.

Als jemand, der nicht nur selbst publiziert, sondern auch im Auftrage Dritter Pressearbeit macht, weiß ich natürlich um das Risiko, allerhand Kram denjenigen aufschwatzen zu wollen, die das Wörtchen „Journalist“ auf ihrer Visitenkarte stehen haben. Es ist aber nicht die Aufgabe von Journalisten, die Müllverwertung sendungsorientierter Produktanbieter zu übernehmen.

Journalisten sollen informieren und für ihre Leser die Informationen einordnen und bewerten. Dazu gehört in Einzelfällen sicher auch einen Wein zu verkosten, zu bewerten und die Bewertung in einen Beitrag zu fassen (eine „Weinkritik“ sozusagen). Aber das machen spezielle Fachjournalisten, die ein Händchen und vor allem eine Nase und einen Gaumen für die gute Rebe haben. Das machen nicht alle als „Journalist“ bezeichneten Menschen, die das Telefonbuch mal eben so hergibt.

Auch die Reichsgraf von Ingelheims und Hermannsbergs dieser Welt sollten überlegen, ob sie statt handgestrickter Verkaufs-Strategien die Kompetenz und den Kontakt von Journalisten und PR-Leuten nicht professioneller nutzen können. Alles ist besser, als so ein unerwarteter Nacktarsch am Telefon (für alle Ahnungslosen: Das ist keine Beleidigung, sondern eine Weinlage an der Mosel).

Es gibt Agenturen, die sind spezialisiert auf die Vermarktung und Verbreitung von Produkten auch mit journalistischer Hilfe. Auf Beauty- und Kosmetikkonferenzen treffen allerhand Kolleginnen und Kollegen aus Frauen-, Männer-, Sport-, Fitness-, Schönheits- und sonstigen Magazinen zusammen, lassen sich informieren und – womöglich – überzeugen. Und wenn es aus Sicht der Produktanbieter gut geht, wird am Ende berichtet. Die Journalisten sind sozusagen die Vorinstanz. Sie prüfen, was sie ihren Lesern empfehlen. Produkt-PR nennen wir das. Mein Metier ist das nicht. Aber wie gesagt: es gibt allerhand Profis, die sich damit auskennen. Liebe Winzer, ruft die doch mal an. Danke!

 

 
 


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