Das Nachhaken sei aller Ehren wert, sagt der Redakteur Felix Müller. (c) Thinkstock/oguzdkn
Das Nachhaken sei aller Ehren wert, sagt der Redakteur Felix Müller. (c) Thinkstock/oguzdkn
Zuckerbrot und Peitsche

Nachhaken mit Haken

In dieser Kolumne berichten Medienmacher hautnah von ihren Erfahrungen mit Kommunikatoren. Sie loben und lästern. Dieses Mal: Felix Müller, Leiter des Familienmagazins Leben und der Berliner Illustrierte Zeitung, dem Sonntagsmagazin der Berliner Morgenpost.
Felix Müller

Das Telefon klingelt.

„Müller.“

- „Hallo, Herr Müller! Hier Dingeldey von der Agentur Scooby Doo.“

„Ach, hallo!“
(Das „Ach“ soll ein Wiedererkennen signalisieren, tatsächlich hat Müller aber nicht die geringste Ahnung, mit wem er spricht.)

- „Schön, dass ich Sie erwische. Ich hatte Ihnen ja letzte Woche eine Mail geschrieben.“

„Ja, ich erinnere mich.“
(Müller erinnert sich an überhaupt nichts. Er klemmt den Hörer zwischen Schulter und Ohr, öffnet sein Outlook und gibt „Dingeldey“ ins Suchfeld ein. Keine Treffer. Er versucht es noch einmal im Ordner „Gelöschte Objekte“. Auch nichts. Verdammt.)

- „Da wollte ich einfach mal nachfragen, ob Sie mir schon etwas sagen können!“

„Ähm, also …“

- „Vielleicht sage ich Ihnen noch ein paar Stichworte? Ich weiß ja, Journalisten kriegen viele Mails.“

„Oh ja.“

- „Also. Wir können Ihnen ein Interview mit Eino Räikkönen anbieten!“

„Eino …“

- „Räikkönen. Der Shootingstar der finnischen Gegenwartslyrik.“

„Ah.“

- „Ja. Er kommt nach Berlin, um hier Inspiration zu finden.“

„Indem er mit Journalisten redet?“

- „Hahahaha. Nein. Er will die Wälder erkunden. Aber er nimmt sich auch etwas Zeit für Gespräche.“

„Ah.“

- „Ja. Und es wird eine Lesung aus seinem neuen Band ‚Baum und Borke‘ geben, zu der wir Sie natürlich auch ganz herzlich einladen wollen.“

„Also, im Prinzip ist das eigentlich nichts für uns, aber ich bespreche das mal hier im Ressort und würde mich dann wieder bei Ihnen melden.“

- „Prima, vielen Dank.“

„Gern. Tschüss!“

Ich stelle mir vor, dass man so etwas in den PR-Agenturen, ähnlich wie im Journalismus, „Nachhaken“ nennt. Man hat eine Mail an einen großen Verteiler geschickt, vielleicht heißt er „kulturaffine Schreiber“ oder so. Aber der Rücklauf fällt mager aus. Also klingelt man alle mal durch. Das Telefonat zwingt zu mehr Verbindlichkeit als eine Mail, die der Empfänger einfach wegklicken kann. Einen Hörer auflegen ist viel schwerer und unhöflicher, obwohl es eigentlich auf dasselbe hinausläuft.

Ich hatte vor vielen Jahren mal den Ehrgeiz, alle an mich gerichteten Mails auch zu beantworten. Das schaffe ich längst nicht mehr, es sind zu viele. Aber ich lese sie. Wenn ich also nicht antworte, dann bedeutet das, dass ich momentan andere Dinge auf der Agenda habe als die finnische Lyrik der Gegenwart.

Mir ist natürlich klar, dass in den Agenturen niemand wissen kann, was mein Schweigen bedeutet. Deshalb ist das „Nachhaken“ auch aller Ehren wert. Ich selbst tue das ja auch dauernd, zum Beispiel wenn ich einem interessanten Interviewpartner hinterherrenne. Ich sehe darin eine gewisse ausgleichende Gerechtigkeit: Keiner tut es wirklich gern, aber jeder muss halt mal nachhaken.

Wenn bei mir nachgehakt wird, empfinde ich oft eine Mischung aus Sympathie und Melancholie – Letztere deshalb, weil ich in vielen Fällen vom ersten Wort an weiß, dass diese Telefonate vergebens sind. Aber schon allein um der Sympathie willen: Bitte nicht damit aufhören!

 

 
 

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