Geht es Ihnen auch manchmal so? (c) Thinkstock/CAUNOZOLS
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Kreatives Schreiben

Mut zur Langeweile: So besiegen Sie Schreibblockaden

Eigentlich schien alles auf einem guten Weg. Das Motto stand, die Kernaussagen waren definiert. Es sollte sich alles so runterschreiben lassen. Doch dann zog es sich. Jetzt herrscht kurz vor der großen Pressekonferenz immer noch gähnende Leere in der Pressemappe. Wieder einmal. Genau wie damals, bei der Abschlussarbeit an der Uni. Schreibblockade? Nein, ein ganz normaler kreativer Prozess. Prokrastination, etwas Langeweile und ein knallharter Spurt auf den letzten Metern gehören dazu. Pressesprecher, die das verstehen, haben es leichter.
Daniel Fitzke
 

Die gute Nachricht vorab: Schreibblockaden gibt es nicht. Es gibt nur einen kreativen Prozess. Der folgt eigenen Regeln und Gesetzmäßigkeiten. Es gibt keine Abkürzung. Aber der Prozess lässt sich bewusst gestalten. Der Sozialpsychologe, Erziehungswissenschaftler und Mitbegründer der London School of Economics, Graham Wallas, hat bereits 1926 eine Theorie des kreativen Denkens vorgelegt. Er unterteilt den kreativen Prozess in vier Phasen: Expedition (oder Präparation), Inkubation, Illumination und Evaluation. Es ist immer dasselbe – bei großen und kleinen Projekten; bei Texten, Konzepten oder wirklich guten Präsentationen: Am Ende geht es immer gegen die Deadline. Und vorher wurde scheinbar viel zu viel Zeit verdaddelt.

Mein Freund, der Papierkorb

Phase eins, die Expedition, ist Grundlagenarbeit. Was genau ist die Aufgabe? Welche Informationen werden benötigt? Auf welche Kernaussagen und Inhalte kommt es an? Jagen, Sammeln, Recherche. Vielleicht entsteht schon eine grobe Struktur. Und ein trügerisch gutes Gefühl: Die Aufgabe scheint beherrschbar, die Zeit mehr als ausreichend. Dann passiert lange Zeit scheinbar gar nichts. Gähnende Leere. Weiße Blätter. Lustlos dahin gekritzelte Zettel. Verworfene Entwürfe. Vermeidungstaktiken. Frust. Zum Heulen? Nein! Nur das sichere Zeichen, dass Phase zwei begonnen hat, die Inkubation.

Mit der Inkubation beginnt etwas Wunderbares: Das Unterbewusstsein übernimmt. Die gesammelten Informationen tauchen in die Tiefen des Bewusstseins ab und werden dort verarbeitet. Die Phase ist oft gekennzeichnet von Langeweile, Frust, Selbstzweifeln und einem Hang zur Prokrastination. Das ist keine Entschuldigung für chronisches Prokrastinieren. Aber in Phase zwei gehört es zu einem gewissen Grad dazu. Und es ist tatsächlich Arbeit – nur, dass die gerade vom Unterbewusstsein erledigt wird. Loslassen können ist wichtig. In dieser Phase ist der Papierkorb der beste Freund der Schreibenden. Denn die gute Idee ist der größte Feind der Besseren. Zerknüllte Zettel, schiefe Bilder im Kopf und verworfene Entwürfe sind sichere Zeichen, dass sich etwas bewegt. Man kann ruhig etwas im Hinterkopf behalten, falls der Chef mal wieder fragt, was man eigentlich den ganzen Tag macht. Antwort: „Ich hatte da so ein paar Ideen, aber die sind noch nicht ganz rund ...“

Tipp für die Inkubation: Langweilige Routinetätigkeiten und lästiger Kleinkram lassen sich jetzt gut erledigen – so entsteht auch das beruhigende Gefühl, etwas geschafft zu haben. Zwischendurch wird dann mal ein bisschen gekritzelt.

 

Der britische Forscher Graham Wallas hat bereits 1926 eine Theorie des kreativen Denkens vorgelegt. Demnach sind Schreibblockaden fester Bestandteil eines jeden kreativen Prozesses. (c) gutekommunikation.net

Liebe die Deadline

Oft ist die nahende Deadline der Katalysator für den lang ersehnten zündenden Gedanken. Denn Druck macht Diamanten. Plötzlich ist die erlösende Idee da. Auf einmal ergibt alles einen Sinn. Vorentwürfe und vielleicht sogar die bisherige Struktur werden über den Haufen geworfen – denn das, was jetzt kommt, ist einfach richtig gut. Das ist Phase drei, die Illumination. Der Heureka!-Moment. Der Apfel, der unerwartet auf den Kopf fällt. Der geniale Einfall beim Duschen. Mal wieder Glück gehabt? Nein, das Unterbewusstsein liefert! Meistens völlig unerwartet und präzise zur Deadline. Ist die zu knapp gesetzt, ist Stress vorprogrammiert.

Der Rest ist Fleißarbeit. Meist ist die Zeit knapp – also wieder mal: Blut, Schweiß und Tränen. Ein bisschen davon lässt sich nicht vermeiden. Aber wer den Prozess kennt, kann ihn so gestalten, dass er halbwegs schmerzfrei abläuft: Wann ist Liefertermin? Wo ist es klug, die Deadline zu setzen? Und wann muss die Expedition beginnen, damit die Inkubationsphase lang genug ist? Um die Deadline herum sollten keine unnötigen Ablenkungen und Termine liegen. Es wird sowieso eng, ganz bestimmt. Immer.

Phase vier ist die Evaluation. Jetzt werden Spreu und Weizen getrennt. Sind alle Aspekte ordentlich beleuchtet? Stimmt der rote Faden? Tragen die verwendeten Bilder wirklich? Wo lässt sich etwas verschlanken? Auf den letzten Metern braucht es Ruhe, Konzentration und einen klaren Kopf. Das ist planbar – auch wenn der Arbeitsalltag immer noch voller Überraschungen steckt. Den kreativen Prozess zu kennen und bewusst zu gestalten, heißt, sich selbst und seinen Fähigkeiten zu vertrauen. So lässt es sich entspannter leben. Der Papierkorb wird zum Freund und die Deadline zum Trigger für das erleuchtende Synapsenfeuerwerk. Und das kommt. Ganz bestimmt!

Fünf Tipps für blockadefreies Schreiben:

  • Das richtige Timing: Start und Deadline realistisch setzen
  • Langeweile aushalten
  • Loslassen können – der Papierkorb ist geduldig
  • Zeit rund um die Deadline freihalten
  • Vertrauen auf die eigenen Fähigkeiten

 

 


randbemerkung

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