In Zeiten der digitalen Transformation erscheinen Pressemitteilungen wie ein tröstlicher Anker. (c) Getty Images/Grandfailure
In Zeiten der digitalen Transformation erscheinen Pressemitteilungen wie ein tröstlicher Anker. (c) Getty Images/Grandfailure
Zuckerbrot und Peitsche

Presse-Infos? Bitte mehr davon!

In dieser Kolumne berichten Medienmacher hautnah von ihren Erfahrungen mit Kommunikatoren. Upday-Redaktionsleiter Hans Evert findet die tägliche Flut an Pressemitteilungen tröstlich.
Hans Evert

„Sehr geehrter Herr Evert …“ Jeden Tag schreiben sie mir: Pressestellen, PR-Agenturen, Kommunikationsexperten. Und jeden Tag mit dabei: die AfD-Fraktion Berlin. Ihre Abgeordneten fordern gern und viel („Mehr Anpassungsdruck auf legale Migranten“). Oder sie kleiden ihre Abscheu in starke Worte („A100-Sperrung: Amoklauf gegen Mobilität“).

AfD-Mitteilungen sind wie ein schnarrendes Meckern im E-Mail-Fach. Einerseits ist das hilfreich, denn ich begreife sofort die Botschaft. Aber es bringt mich andererseits auch um Ruhe und innere Einkehr – wofür ich mich dann anderen Pressemitteilungen zuwenden muss. Jenen kontemplativen PR-Texten etwa, die nicht wutbürgern, sondern mich rätseln lassen: „FairMate LeadTracking: Neueste Version mit Schnittstelle zu CRM-Systemen“.

Wir Journalisten reagieren auf Pressemitteilungen häufig genervt und ungehalten. Wir würden sie gern anraunzen, die „Kommunikationsexperten“, die uns den Kram schicken. Womit belästigt ihr mich da? Wieso verstopft ihr meinen Posteingang? Haltet ihr das für die richtige Ansprache an einen kritischen Geist, an einen selbstbewussten Vertreter der vierten Gewalt? Erwartet ihr darauf wirklich eine Reaktion? Und welcher Praktikant unterläuft bei euch ständig die Anweisung zur Pflege des Verteilers?

So ähnlich habe ich jahrelang geflucht. Mal lautlos beim Aufräumen des Mailfachs, mal lautstark im Chor mit Kollegen. Wenig schweißt Journalisten so eng zusammen wie die kollektive Häme über die Flut an Pressemitteilungen.

Tröstlicher Anker in der digitalen Transformation

Seit einiger Zeit jedoch weiß ich, dass das falsch war, dass ich etwas ganz Entscheidendes übersehen hatte. Seitdem mir das bewusst ist, blicke ich zartfühlend auf Mail-Betreffzeilen wie diese: „‚Human first‘: Empathie als Anker in der digitalen Transformation“. Nichts anderes sind nämlich die Pressemitteilungen, die uns Tag für Tag erreichen: ein tröstlicher Anker im Mahlstrom der wilden, digitalen Transformation, die Journalisten an ihrer Rolle zweifeln lässt.

Der Gatekeeper, der die Nachrichtenflut gewichtet, leidet wie sein Reporterkollege, der draußen herumrennt und recherchiert. Bilden Medienhäuser mit ihren Publikationen den Lauf der Welt ab (und bestimmen ihn manchmal auch mit)? Und wann wurde zuletzt der Inhaber eines traditionellen Medienhauses ehrfurchtsvoll „Medienmogul“ oder „Pressezar“ genannt?

Wer immer seine Botschaften unter die Leute bringen will, kann das heutzutage kostengünstig ganz einfach selbst tun – in Text, Ton, Bild und Video. Werden Journalisten also noch gebraucht? Natürlich, liebe Kollegen! Schaut in eure E-Mails und dankt der PR-Branche! Sie zeigt uns: Lieber Journalist, wir haben dich nicht aufgegeben. Du bist für uns noch immer wichtig – trotz Facebook, Google, Twitter.

Deswegen sollten wir Journalisten über jeden Tag, der mit verstopften Mailfächern beginnt, froh sein. Und wir sollten zumindest einen kurzen Moment innehalten, bevor wir Nachrichten wie diese löschen: „Einladung zur Preisverleihung ‚Kreativster Stromkasten 2018‘“.

 

 
 

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Kommentare

Betreff: Offener Hosenstall - von öden PMs und jenen, die neugierig machen Alls Journalist und PR-Absender will ich die PR-Kollegen nicht bashen. Ich will nicht, ich will einfach nicht. Und früher war ich auch nicht besser. Aber wenn Du auf einer Bühne mit einem offenen Hosenstall rumläufst ,wo am besten noch ein Hemdzimpel rausblinzelt, dann wäre doch jeder froh, wenn man darauf hingewiesen wird. In diesem Sinne: Von den zig Pressemitteilungen, die ich täglich bekomme, sind gerade einmal 1% brauchbar. Der Rest hat den Hosenstall offen. Schon die Betreffzeilen sind langweilig. Das können sogar Spammer besser. Die Texte sind zu lang, zu kryptisch, kommen nicht auf den Punkt und sind alles andere als berauschend geschrieben. Es ist einfach unfassbar, dass Firmen dafür Geld ausgeben. Daher meine einfachen und wirklich gut gemeinten Blitz-Tipps: Liebe PR - Zieht den Hosenstall hoch und bemüht Euch bitte PMs mit maximal 250 Wörter zu versenden. Lieber sogar noch kürzer. Neugierig machen genügt, ich brauche nicht die ganze Marken/Firmengeschichte. Kurze Sätze und keine über drei oder vier Zeilen. Tolle Betreffzeilen, einfach einmal von den Schlagzeilen Eurer Zielmedien inspirieren lassen. UND: Bitte nur PMs versenden, die auch zu meiner Arbeit passen. Es gibt noch viel mehr zu sagen, aber alleine schon diese einfachen Tipps wirken wahre Wunder. LG, Christian Maria Fischer


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