(c) Thinkstock/Duettographics
(c) Thinkstock/Duettographics
Alles was Recht ist

Manager am Pranger: Das Medienspektakel um die Managerhaftung

Manager müssen für Pflichtverletzungen grade stehen, meint PR-Berater Armin Sieber. Doch immer wieder entwickelt sich in Sachen Managerhaftung ein Dreiecks-Kuhhandel, Medien werden zum Druckmittel. Welchen Einfluss Pressesprecher in dieser Runde haben, erklärt er in unserer Kolumne:  Alles was Recht ist – Streitfälle, die Pressesprecher bewegen.
Armin Sieber

Manager müssen für Pflichtverletzungen grade stehen – so will es das Gesetz und das gilt auch bei VW. Im Abgasskandal um den Wolfsburger Autobauer ist das letzte Wort aber trotz des Milliardenvergleichs in den USA noch lange nicht gesprochen. Längst ist noch nicht klar, was das Führungsteam rund um CEO Martin Winterkorn wirklich wusste und inwiefern sie eine aktive Mitverantwortung tragen. Mit dieser Frage werden sich die Ermittler und Gerichte vermutlich noch Jahre beschäftigen - Ausgang ungewiss. Gleichwohl ist seit Monaten im Gespräch, dass der Autokonzern seine Ex-Chefs zur Kasse bitten und dazu deren Managerhaftpflicht-Versicherung anzapfen will. Die Jagdsaison ist eröffnet.

Managementfehler können für die Unternehmen zu erheblichen finanzielle Schäden führen. Im Falle VW geht es allein in den USA um rund 15 Milliarden Dollar. Schadenersatz in solchen Größenordnungen kann kein Betroffener leisten. Daher haben Top-Manager in der Regel Manager-Haftpflichtversicherungen abgeschlossen, sogenannte Directors-and-Officers (D&O)-Policen. Die Versicherungen zahlen im Schadensfall mitunter zwei- oder dreistellige Millionenbeträge. Sie sollen Manager vor dem finanziellen Ruin bewahren.

Gegenüber Stakeholdern klingt es gut, wenn handelnde Organie die Muskeln spielen lassen

Soweit die Theorie. In der Praxis hat sich dabei eine Art Dreiecks-Kuhhandel etabliert. Um die Bilanzen zu sichern oder um Handlungsfähigkeit zu zeigen, versuchen Vorstände und Aufsichtsräte oft maßlose Ansprüche geltend zu machen. Gerne werden da Forderungen in voller Höhe der Deckungssumme der Police geltend gemacht, ungeachtet der Frage ob eine solche Summe jemals eintreibbar ist. Aber: Gegenüber den Stakeholdern klingt es gut, wenn die handelnden Organe die Muskeln spielen lassen. In der Regel kommen bei so einem Deal nur Bruchteile der geforderten Summe heraus. Auch im Fall Winterkorn laufen angeblich schon die Verhandlungen. Wohl bemerkt: Die Klärung einer Schuldfrage liegt noch in weiter Ferne - das Ermittlungsverfahren hat ja gerade erst begonnen.

Dealen mit der D&O ist in den letzten Jahren in Mode gekommen. Dabei kann durchaus Raum für Missbrauch entstehen: Ganze Kanzleien sind inzwischen damit beschäftigt, kreative Haftungsansprüche zu kreieren. Das wissen auch die Versicherer. Der renommierte D&O-Experte Michael Hendricks hat unlängst in einem Interview gezeigt, dass es in Deutschland inzwischen mehr Haftungsfälle als in den USA gibt: "Deutschland ist für die D&O-Versicherer eines der schadensträchtigsten Länder – dies betrifft sowohl die Schadenssummen als auch die Schadenshäufigkeit." Das liegt nicht daran, dass deutsche Manager krimineller sind als andere. Die Anspruchsmentalitäten haben sich geändert, wenn man am Beklagten vorbei gleich den Deal mit dem Versicherer sucht.

Medien als Druckmittel

Auch die Medien spielen bei diesem Spiel ein Rolle, denn sie werden von den Klägern gerne auch als Druckmittel verwendet: Die Prangerwirkung ist für die betroffenen Manager oft so groß, dass sie lieber auf einen faulen Kompromiss eingehen, als einen lautstarken Rechtsstreit öffentlich zu Ende führen. Nur wenige haben, wie etwa der ehemalige Bundespräsident Wulff, die Nerven, bis zum endgültigen Beweis der Unschuld jahrelang in den Medien zu stehen. Der Schutz der weiteren Erwerbsbiographie spielt dabei eine Rolle. Aber manch einer kommt auch mit den sozialen Folgen durch die Vorverurteilung nicht klar. Der Selbstmord des früheren Siemens-Finanzchefs Heinz-Joachim Neubürger im vergangenen Jahr ist nur ein Beispiel in einer ganzen Reihe von Fällen. Zudem ist es auch ein Lehrstück über die Gnadenlosigkeit des öffentlichen Prangers. Denn bei vielen Zeitungslesern bleibt viel zu schnell der Eindruck hängen: Alle Manager sind Verbrecher.

Eines ist klar: Es darf keinen Statusschutz mit gesichertem Grundeinkommen für gescheiterte Manager geben. Sie müssen sich ihrer Verantwortung genauso stellen, wie jeder andere Arbeitnehmer - im Zweifelsfall auch mit dem Ersatz von entstandenem Schaden. Wenn aber die Schadensersatzpraktik zum taktischen Deal verkommt, wenn Menschen in der Öffentlichkeit losgelöst von einer tatsächlichen Schuld an den Pranger gestellt werden, dann öffnet das der Vorverurteilung von ganzen gesellschaftlichen Gruppen Tür und Tor - und das geht bei den Betroffenen oft über die Grenzen des Erträglichen hinaus. Hier haben auch wir als Kommunikatoren eine Verantwortung: Als Sprecher und Berater der betroffenen Manager liegt es in unserer Macht, den Medien zu erklären, welche taktischen Spiele beim Griff in die Taschen der Versicherer eine Rolle spielen.

"Insgesamt sehe ich hier dringenden Handlungsbedarf in Sachen Risikobegrenzung und Absicherung von Organen," meint auch der D&O Profi Hendricks. Wohl wahr: Wer will angesichts eines derart virulenten Haftungsrisikos noch Verantwortung übernehmen? Im Zweifel sind das eher die falschen Manager-Typen.  

 
 


randbemerkung

Bitte achten Sie bei Ihren Beiträgen unsere Netiquette.

Das könnte Sie auch interessieren.

Angela Merkel stellt sich den Fragen der Hauptstadtpresse am 21. Januar. (c) picture alliance/dpa/Michael Kappeler
Foto: picture alliance/dpa/Michael Kappeler
Lesezeit 4 Min.
Meldung

Bundespressekonferenzen bleiben Präsenz-Veranstaltungen

Durchschnittlich neun Korrespondenten nehmen aktuell an den Fragestunden mit der Bundesregierung teil. Bei reinen Online-Pressekonferenzen seien die Möglichkeiten des Nachhakens und Nachfragens nicht ausreichend gegeben, sagt der BPK-Vorsitzende Mathis Feldhoff. »weiterlesen
 
Raphael Brinkert und seine gleichnamige Agentur sollen die Sozialdemokraten im Bundestagswahlkampf 2021 beraten. (c) picture alliance/dpa | Axel Heimken
Foto: picture alliance/dpa | Axel Heimken
Lesezeit 5 Min.
Porträt

Mit der SPD in den Bundestagswahlkampf

Raphael Brinkert ist ein vielfach ausgezeichneter Werber. Der Spezialist für Sportmarketing entwickelt mit seiner Agentur die Kampagne der SPD zur Bundestagswahl 2021. »weiterlesen
 
Wolfgang Ainetter (l.) bei einer Pressekonferenz von Andreas Scheuer (r.). (c) picture alliance/dpa/Michael Kappeler
Foto: picture alliance/dpa/Michael Kappeler
Lesezeit 2 Min.
Meldung

Ainetter ist nicht mehr Sprecher von Scheuer

Das Verhältnis von Kommunikationschef Wolfgang Ainetter und Minister Andreas Scheuer soll "zerrüttet" sein. »weiterlesen
 
Ein Flugzeug von Lufthansa und eines von Easyjet landeten am Eröffnungstag als erste am BER. (c) Thomas Trutschel/Phototek
Foto: Thomas Trutschel/Phototek
Lesezeit 6 Min.
Interview

Bloß nicht wieder enttäuschen

Mit dem Flughafen BER hat Berlin den Spott der Welt auf sich gezogen. Ausgerechnet während der Coronakrise musste der Flughafen eröffnen – etwa neun Jahre verspätet, ohne große Feierlichkeiten. Ein Interview mit Kommunikationschef Hannes Hönemann über die Öffentlichkeitsarbeit für ein Krisenprojekt, das seinesgleichen sucht. »weiterlesen
 
Im Corona-Jahr 2020 verwischten die Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben.(c) teksomolika/Getty Images
Foto: teksomolika/Getty Images
Lesezeit 4 Min.
Gastbeitrag

Ambivalente Zeit

Vodafone-Kommunikationschef Alexander Leinhos blickt auf das Jahr 2020 mit gemischten Gefühlen zurück. Beruflich bietet es ihm die Möglichkeit, mutiger zu sein als jemals zuvor. Gleichzeitig heißt es, auf vieles verzichten zu müssen und sich zu isolieren. Und stets wartet die nächste Videokonferenz. Ein Gastbeitrag.  »weiterlesen
 
Was kommt 2021? (c) Getty Images/Ludibarrs
Foto: Getty Images/Ludibarrs
Kommentar

Die Revolution blieb aus

Das Jahr 2020 hat den Trend hin zu digitalen Lösungen verstärkt. Die Grundausrichtung von PR hat sich dagegen nicht verändert. Kommunikationsabteilungen sollten mehr denn je ihre Energie dafür nutzen, hochwertigen Content zu liefern und sich als glaubwürdiger Absender von Informationen zu positionieren. »weiterlesen