Litigation-PR-Experte Thomas Empt (l.) im Gespräch mit Oberstaatsanwältin Anne Leiding. (c) Oliver Rehbinder
Litigation-PR-Experte Thomas Empt (l.) im Gespräch mit Oberstaatsanwältin Anne Leiding. (c) Oliver Rehbinder
Litigation-PR vs. Staatsanwaltschaft

„Journalisten sind ja nicht doof“

Litigation-PR versus Staatsanwaltschaft: Ein Streitgespräch über den Kampf um die Deutungshoheit, beeinflussbare Richter und das Ringen um Reputation.  
Carola Hug

Die Öffentlichkeit urteilt oft härter als jeder Richter. Um die Reputation im Laufe eines Strafprozesses zu schützen, engagieren angeklagte Unternehmen und Prominente Litigation-PR-Manager. Diese kommunizieren gezielt mit der Presse, um positiven Einfluss auf die öffentliche Meinung zu nehmen.

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Als Gegenspieler steht ihnen die Staatsanwaltschaft gegenüber. Die Wege beider kreuzen sich im Arbeitsalltag in der Regel nicht, weil für beide die Presse der Ansprechpartner ist. Während Staatsanwälte Stimmungsmache oder Beeinflussung des Gerichts befürchten, meinen Litigation-PR-Manager oft, Staatsanwälte hätten einen Vertrauens- und Informationsvorsprung.

Wer hat Recht? In München lud der pressesprecher die Oberstaatsanwältin Anne Leiding und den auf Litigation-PR spezialisierten Kommunikationsberater Thomas Empt zum Streitgespräch.

Herr Empt, Litigation-PR ist eine Spezialdisziplin der Krisenkommunikation, die sich um prozessbegleitende Kommunikation dreht. Wie sehen Ihre Aufgaben als Litigation-PR-Manager aus?

Thomas Empt: Skandale und spektakuläre Gerichtsverfahren sind für die Öffentlichkeit interessant und werden es auch bleiben. Wenn jedoch Journalisten und Juristen aufeinandertreffen, gibt es eine kommunikative Lücke, die zu überbrücken ist. Ich bin praktisch der Dolmetscher, der hilft, dass sich beide Seiten verstehen. Ich übersetze das Juristische ins Verständliche. Meine Munition sind dabei die Schriftsätze des Anwalts. Oft haben Prozesse ja eine ziemlich lange Vorgeschichte und niemand weiß mehr genau, wie alles angefangen hat. Deswegen schreibe ich als Service für die Journalisten oft eine nüchterne Chronologie, die die Fakten enthält. Wenn ich mit Journalisten über juristische Themen spreche, dann sind über den dicken Daumen gepeilt 80 Prozent reine Hintergrundinformation, zehn Prozent zitierfähig und zehn Prozent „unter drei“, was bedeutet, der Journalist darf es zwar wissen, aber nicht verwenden – auch nicht ohne Quellenangabe.

Frau Leiding, könnte sich die Staatsanwaltschaft hier eine Scheibe abschneiden, was Verständlichkeit in der Kommunikation angeht?

Anne Leiding: Das ist eine hohe Kunst und tatsächlich auch die Aufgabe der Pressestelle der Staatsanwaltschaften und Gerichte. Wir sind ja Teil des demokratischen Rechtsstaats und müssen den Bürgern erklären, was wir machen und warum wir es machen. Nur so können wir das Vertrauen der Bürger gewinnen. Es handelt sich oft um wahnsinnig komplexe Sachverhalte. Und die müssen Sie jemandem erklären, der sich zu Recht dafür interessiert, was in seiner Stadt passiert. Eine schwierige Aufgabe, die durch die Online-Berichterstattung zudem erschwert wird. Im Internet tummeln sich selbsternannte Experten, die Kommentare abgeben und Sachverhalte oft falsch darstellen. Meine Aufgabe ist es dann, die Dinge wieder geradezurücken und zu erklären. Die Staatsanwaltschaft hat überhaupt nichts dagegen, dass die Gegenseite einem Prozess auf Journalisten zugeht und Sachverhalte klar und deutlich darstellt. Was ich aber problematisch sehe, ist, dass manchmal versucht wird, gezielt Einfluss auf das Gericht zu nehmen.

Empt: Das hat für mich nichts mit Litigation-PR zu tun. Wenn ein Kunde zu mir kommt und sagt: „Verschaffe mir ein besseres Urteil!“, dann sage ich ihm: „Nimm dir einen besseren Anwalt! Das ist nicht meine Aufgabe.“ Meine Zielgruppe ist die Öffentlichkeit und sind nicht die Richter. Mir geht es nicht darum, dass jemand ein besseres Urteil bekommt. Mir geht es darum, der Deutungshoheit der Ermittlungsbehörde etwas entgegenzusetzen. Wenn Sie als Laie über eine Anklageschrift in der Zeitung lesen, dann machen Sie gleich einen Haken dran und denken sich: Der Angeklagte ist schuldig.

Leiding: Na ja, wenn wir bei der Staatsanwaltschaft nicht von einem hinreichenden Tatverdacht ausgingen, dürften wir ihn auch gar nicht anklagen.

Empt: Das ist mir schon klar. Ich versuche, vor allem das Prinzip der Unschuldsvermutung zu leben. Mir geht es darum, die Reputation und die Rehabilitationsfähigkeit eines Angeklagten weitgehend zu erhalten. Nehmen wir zum Beispiel den Fall Uli Hoeneß. Ich habe diesen Prozess nicht begleitet. Er war aber so öffentlich, dass ich ein wenig dazu sagen kann. Zur Zeit der Hauptverhandlung wurde Uli Hoeneß nur auf die Tatsache der Steuerhinterziehung reduziert. Er hat aber in seinem Leben mehr geleistet, als Steuern zu hinterziehen. Der Mann hat viel Positives bewirkt. Es geht darum, das komplette Bild zu zeichnen.

(c) Oliver Rehbinder

„Mir geht es darum, der Deutungshoheit der Ermittlungsbehörde etwas entgegenzusetzen“, bekräftigt Litigation-PR-Experte Thomas Empt.

Litigation-PR-Spezialisten ziehen wirklich nicht ins Kalkül, durch die Öffentlichkeit Einfluss auf die Urteilsfindung zu nehmen?

Empt: Es gibt bestimmt Kollegen, die so denken. Natürlich ist mir bewusst, dass die öffentliche Meinung Einfluss auf Richter und Staatsanwälte hat. Aber es ist nicht mein Kalkül, ein besseres Urteil zu bekommen. Ich sage dem Kunden: „Durch meine Arbeit bist du in der Lage, deinen Standpunkt klarzumachen und deine Reputation so weit wie möglich zu schützen.“ Aber ich bin kein Spindoktor, der irgendwelche Einfälle unter der Dusche hat und überlegt, wie er sie unters Volk bringt.

Hat die Medienberichterstattung wirklich Einfluss auf Richter und Staatsanwälte, Frau Leiding?

Leiding: Auf jeden Fall! Umfragen in dieser Gruppe haben das klar gezeigt. Sie sind auch nur ganz normale Menschen, die Zeitung lesen, Fernsehen schauen, und einige von ihnen verfolgen vermutlich auch die Online-Berichterstattung über ihre Fälle. Da kann es schon sein, dass das Forum der Öffentlichkeit Einfluss nimmt auf das eigentliche Forum im Gerichtssaal. Dessen muss man sich bewusst sein und es sich immer vor Augen halten. Richter und Staatsanwälte müssen zum Beispiel aufpassen, dass sie nicht extra milde oder extra scharf entscheiden, nur um der Öffentlichkeit zu beweisen, dass sie unabhängig sind. Ich habe allerdings auch erlebt, dass in Verfahren massiv versucht wird, Einfluss zu nehmen und für Stimmung zu sorgen. Das gilt vor allem für Verfahren mit einem politischen Twist. Vergessen Sie auch nicht, dass zu einer Gerichtsbesetzung manchmal auch Schöffen gehören. Das sind Laienrichter, die keine juristische Vorbildung haben. Für diese spielen emotionale Faktoren oft eine größere Rolle.

Vor allem zu Beginn eines Prozesses wird von der Verteidigung oft moniert, Staatsanwälte hätten bei den Medien einen Vorsprung. Stimmt das?

Leiding: Es wird oft behauptet, die Staatsanwaltschaft dürfe alles sagen und jeder höre genau zu. Ihre Aussagen hätten zudem ein besonderes Gewicht. Was stimmt, ist: Die Staatsanwaltschaft ist eine sogenannte privilegierte Quelle. Das heißt, Journalisten müssen unsere Informationen nicht gegenchecken. Das ist zunächst einmal vor allem praktisch. Trotzdem sprechen Journalisten natürlich auch mit der Gegenseite. Die ist allerdings weit weniger zu Objektivität verpflichtet als wir. Der Verteidiger darf alles sagen, was seinem Mandanten nutzt. Der Mandant darf lügen, dass sich die Balken biegen. Das ist sein gutes Recht. Die Staatsanwaltschaft hingegen ist immer an die Grundsätze der Objektivität gebunden. Also können wir in unseren Formulierungen nie so plakativ werden wie die Gegenseite. Ich muss mich rein an die Fakten halten. Als Staatsanwältin weiß ich oft viel mehr, als ich den Journalisten sagen darf. Ich muss mich dann manchmal etwas kryptisch ausdrücken. Da bin ich klar im Nachteil.

 

Seite 2: „Journalisten haben einen Anspruch auf Auskunft.“

 
Anne Leiding (c) Oliver Rehbinder
Anne Leiding
Staatsanwaltschaft München I
Pressesprecherin

Oberstaatsanwältin Anne Leiding ist seit Mai 2017 Pressesprecherin der Staatsanwaltschaft München I. Die gebürtige Französin studierte in Tübingen, Lausanne, Straßburg und München und arbeitete zunächst als Staatsanwältin, Zivilrichterin und Ermittlungsrichterin. Anschließend war sie in der bayerischen Staatskanzlei in der Abteilung für Internationale Beziehungen und in der Protokollabteilung tätig. Von dort wechselte die 46-Jährige zurück zur Anklagebehörde, wo sie nun eine Abteilung für allgemeine Strafsachen leitet.

Thomas Empt (c) Oliver Rehbinder
Thomas Empt
CNC
Managing Director

Thomas Empt ist Managing Director im Münchner Büro der internationalen Kommunikationsberatung CNC. Er ist einer der führenden Experten in Deutschland für Litigation Communication, also PR bei Rechtsstreitigkeiten. Empt hat in den vergangenen zehn Jahren weit mehr als 50 Unternehmen und Einzelpersonen in straf- und zivilrechtlichen Fällen quer durch alle Rechtsdisziplinen (Kapitalmarktrecht, Arbeitsrecht, Schadenersatzklagen, Patentrecht, Kartellrecht) beraten. Rund zehn Jahre lang arbeitete er auf Unternehmensseite und als Journalist.

 

 


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