Von den Tweets einzelner Journalisten aus dem Gerichtssaal lässt sich auf die Berichterstattung schließen, sagt Armin Sieber (c) Thinkstock/TLFurrer
Von den Tweets einzelner Journalisten aus dem Gerichtssaal lässt sich auf die Berichterstattung schließen, sagt Armin Sieber (c) Thinkstock/TLFurrer

Litigation-PR auf dem neuesten Stand der Technik

Beeinflussen Live-Tweets von Journalisten Gerichtsprozesse, fragte Rechtsanwalt Thomas Klindt in der vergangenen Ausgabe unserer Kolumne "Alles was Recht ist". PR-Experte Armin Sieber sieht eine technische Aufrüstung bei allen Prozessbeteiligten und rät Pressesprechern, die Tweets von Gerichtsreportern als Seismographen für die folgende Berichterstattung zu sehen.   
Armin Sieber

Lieber Herr Klindt,

alles was Recht ist – aber dass Journalisten live aus dem Gericht twittern kann Sie doch nicht wirklich überraschen. Die sogenannten „Sozialen Medien“ haben schon vor Jahren die traditionellen Vorstellungen von Marketing und PR revolutioniert. Inzwischen ist Social Media längst ein fester Bestandteil der Content Vermarktung von Medienhäusern und Journalisten geworden - und aus der Unternehmenskommunikation sind sie sowieso kaum mehr wegzudenken. Als letzte Bastion werden nun seit geraumer Zeit auch die Gerichtssäle geschleift – endlich möchte man sagen.

Zugegeben: Zu Anfang war es schwer vorstellbar, dass man soziale Medien auch bei „seriösen“ Kommunikationsthemen einsetzt. Für Verkaufsförderung und Markenkommunikation gab es schnell Anwendungsfelder. Aber wo es auf jede Nuance und jedes abgestimmt Jota ankommt, schienen Twitter und Co mit ihrer Pointiertheit und Unschärfe kein geeigneter Kanal zu sein – eher der Albtraum jedes Justitiars.

Das hat sich geändert. Inzwischen gehören Blogs und Tweets längst zum festen Repertoire der Corporate Communications. Auch bei Litigation-PR-Kampagnen spielen sie eine immer größere Rolle. Ein abgestimmtes Social-Media-Monitoring gehört vielfach schon zum Standardprogramm – nicht nur während der Prozesstage sondern für die gesamte Kampagnenlaufzeit.

Vor allem der Prozess um Amanda Knox hat hier Maßstäbe gesetzt. Die amerikanische Studentin soll im Jahr 2007 ihre Mitbewohnerin in Florenz unter fragwürdigen Umständen ermordet haben. Der Fall ist zu einem Musterbeispiel für Litigation-PR geworden, denn längst wird das Verbrechen an der britischen Studentin Meredith Kercher nicht mehr allein im Gerichtssaal verhandelt, sondern in der größtmöglichen Öffentlichkeit. Kurz nach ihrer Verhaftung haben Knox’ Eltern einen professionellen PR-Feldzug gestartet – mit Erfolg. Geschickt wurden Zweifel am italienischen Schuldspruch gesät und Amanda Knox zum Opfer der italienischen Justiz stilisiert. Seit 2011 ist die Studentin wieder auf freiem Fuß.

Der (Rechts-)Streit um die Schuldfrage wird hingegen weiter diskutiert. Auch der Gegenseite macht inzwischen mobil. Freunde und Familie des Opfers Meredith Kercher haben eine Litigation-PR-Seite aufgesetzt, der es manchmal an Distanz, nicht aber an Engagement und Detailtiefe mangelt. Ein Wiki zum Ablauf des Prozesses wird von verschiedenen Seiten kontinuierlich aufgefüllt: Beweismittel, Gutachten, Auslegungen des italienischen Rechts, eine Count-Down-Uhr bis zum nächstinstanzlichen Prozess – alles fein säuberlich für das internationale Publikum auf Englische aufgearbeitet. Über soziale Medien wird die Berichterstattung kanalisiert. So kann man beispielsweise über @PMFdotNet aktuell jedes Detail und jede neue Entwicklung des Falls mitverfolgen. Ein Netzwerk von Twitterern treibt die Botschaften in die Öffentlichkeit – und hält die Debatte am Laufen. Ist das ein Kuriosum oder doch Litigation-PR auf dem neuesten Stand der Technik?

Die Digitalisierung der Kommunikation macht vor dem Gerichtssaal nicht halt. Das stellt Kommunikationsmanager vor große Herausforderungen, denn twitternde Gerichtsreporter bedeuten auch: Immer mehr Transparenz, immer kürzere Reaktionszeiten, immer mehr Kanäle, alles öffentlich, alles live. Oft genug müssen PR-Profis deswegen am offenen Herz operieren. Darin liegt aber auch eine Chance, denn der schnelle Tweet aus dem Gerichtssaal nimmt oft die News vorweg. Das soll dem Leser Lust auf die folgenden Medienbeiträge machen und liefert uns wertvolle Informationen über die kommende Berichterstattung. Dadurch können wir quasi live verfolgen, wie und woran die Journalisten arbeiten. Wir können auf diese Weise rechtzeitig neue Argumentationsketten vorbereiten, Sprecher  briefen oder gleich direkt in die Diskussion mit den Journalisten einsteigen. Das macht die Arbeit nicht leichter – aber auf lange Sicht effektiver und glaubwürdiger.

Apropos Glaubwürdigkeit: Seit gestern scheint es ja ein Lösung im Streit um den unlängst verstorbenen Münchner Kunstsammlers Cornelius Gurlitt zu geben. Die Staatsanwaltschaft und die Behörden haben sich da ja nicht gerade Lorbeeren erworben. Eigentlich ist das doch ein klassischer Fall, wie Litigation-PR zur Deeskalation einer Auseinandersetzung beigetragen hat – meinen Sie nicht? 

 

Alles was Recht ist – Streitfälle, die Pressesprecher bewegen
In unserer neuen Online-Kolumne widmen sich PR-Experte Armin Sieber (@absieber) und Rechtsanwalt Thomas Klindt (@TomKlindt) aus kommunikativer und juristischer Perspektive Rechtsfällen, die uns 2014 bewegten. 
 
 


randbemerkung

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