Eine Rede ist immer auch eine Inszenierung – darauf gilt es vor allem in virtuellen Rahmen zu achten. (c) Getty Images/YuliaBuchatskaya
Eine Rede ist immer auch eine Inszenierung – darauf gilt es vor allem in virtuellen Rahmen zu achten. (c) Getty Images/YuliaBuchatskaya
Kolumne

Lasst die Reden beginnen

Die Saison der Hauptversammlungen hat begonnen. Unser Kolumnist Claudius Kroker freut sich auf die Reden der Konzernspitzen. Wer wird überzeugen?
Claudius Kroker

Anfang Februar begann die diesjährige Saison der Hauptversammlungen der Dax-30-Unternehmen. Im Mittelpunkt stehen neben dem reinen Zahlenmaterial immer auch die Reden der Vorstandsvorsitzenden. Wie stellen sie die Unternehmensentwicklung und den Verlauf des Börsenkurses dar? Wie bewerten sie das eigene Tun, das im vergangenen Jahr Erreichte? Und was sind die Strategien für die Zukunft?

Wochen-, gar monatelang wird an diesen CEO-Reden gefeilt. An den Botschaften, an den Worten und, natürlich (hoffentlich!), auch an Ideen für die Präsentation. Denn so, wie wir das aus früheren Jahren kannten – das Rednerpult auf der überdimensionierten Bühne, eine Rede vor Tausenden Aktionären in riesigen Kongresshallen – wird es auch 2021 nicht geben. Corona und die Folgen sorgen dafür.

Nachdem die Pandemie schon im Vorjahr viele Hauptversammlungen, Messen und Kongresse aus den Hallen in virtuelle Welten verlegt hat, darf man in diesem Jahr gespannt sein, wie die Macher sich auf die digitale Kommunikation eingestellt und welche neuen (!) Ideen sie entwickelt haben. Immerhin hatten sie diesmal deutlich mehr Vorlauf, sich auf die Rede-Vermittlung vorzubereiten.

Analysiert und ausgewertet werden die Ergebnisse in diesem Jahr wieder von zahlreichen Kommunikationsprofis, sowohl vom Verband der Redenschreiber deutscher Sprache als auch von einem Team von Rhetorikcheck.de, in dem Redenschreiber und Journalisten (dazu gehöre diesmal auch ich), Medientrainer und Wissenschaftler in Zusammenarbeit mit dem Handelsblatt und dem European Speechwriter Network unter anderem die Redetexte, Argumentationen, Sprache und Inszenierung des Ganzen einer umfangreichen Prüfung unterziehen.

Jede Rede braucht Inszenierung

Siemens hat den Auftakt gemacht, und schon jetzt lässt sich sagen: Liebe CEOs, Redenschreiber, Berater und Kommunikationsverantwortliche in den Unternehmen, lasst bitte die digitalen Rahmenbedingungen nicht außer Acht! Wer in den vergangenen Tagen, Wochen und Monaten (ich habe schon aufgehört zu zählen) Seminare, Schulungen, Vorlesungen oder Diskussionen über Video-Meetings veranstaltet und geführt hat, weiß, dass die digitale Vermittlung eine enorme Kraftanstrengung ist. Vor allem ist sie etwas anderes als Gespräche im selben Raum, im direkt erlebten Miteinander. So gut die Digitalisierung technisch in vielen Fällen funktioniert und vieles in Wirtschaft, Wissenschaft und Bildung ermöglicht: die soziale Distanz kann sie nicht komplett überbrücken.

Und das merkt man insbesondere bei den Reden. Denn jede Rede ist ein Dialog und kein Monolog. Bei jeder Vortragsveranstaltung laufe ich auf der Bühne oder vor dem Rednerpult auf und ab, erkläre den Teilnehmer*innen etwas und aktiviere sie, frage ab, fordere Feedback und habe immer ein Auge auf die nonverbalen Reaktionen (eifriges Mitschreiben, fragende Blicke, Kopfschütteln, Nicken der Zustimmung oder Nicken vor Müdigkeit …) – dadurch ist eine lebendige Kommunikation im Gange. Das ist nicht einfach eins zu eins ins Digitale übertragbar.

Bewegung, Bilder und Betonungen

Für die Hauptversammlungen – wie für alle anderen virtuellen Veranstaltungen – heißt das: Wir können einen Redner oder eine Rednerin nicht einfach vor eine Kamera stellen und 30 Minuten eine Botschaft vorlesen lassen. Es braucht Bewegung, Bilder und Betonungen. Also Überzeugungskraft, die nicht aus dem Redetext kommt, sondern aus anderen Parametern. Darum bewerten wir bei Rhetorikcheck nicht nur den Aufbau und die Formulierung des Redemanuskripts, sondern eben auch die Körperhaltung des CEO, die Stimmlage, die Bühne und die Kameraführung, Bilder parallel laufender Präsentationen und ob das Gesamtkonzept stimmig ist. Aus allem zusammen ergibt sich die Finalversion, die eigentliche Rede. Und ihre Wirkung auf das Publikum.

Zweimal wurde bislang von Meinungsforschern analysiert, was die Wirkung einer Rede ausmacht. Die Ergebnisse sind für Redenschreiber immer etwas ernüchternd, weil nur ein kleiner Teil der Wirkung wirklich auf dem Redetext basiert. Den sehr viel größeren Teil machen Redner*in, Gestik, Mimik, Kleidung, Bühne, Inszenierung und so weiter, also die Gesamtkomposition, aus. Entsprechend viel Mühe und Kreativität muss man auch als Dax-Konzern in diese Punkte investieren. Es ist wie im Theater: Textsicherheit allein reicht nicht, da muss vor der Premiere noch viel geprobt werden. Ob die Unternehmen ihre Probephase genutzt haben, wird die Bewertung der Kommunikations-Juroren zeigen, die nach der letzten der 30 Hauptversammlungen in einigen Monaten vorliegt.

Der Anspruch ans Digitale steigt

Hauptversammlung 2021 ist also etwas anderes als die früher übliche (Selbst-)Darstellung in großen Hallen mit Würstchen für die Privatinvestoren und Texthäppchen für die Presse. Nach einem Jahr Corona ist die Schonfrist vorbei, die Ansprüche an gut gemachte, gut in Szene gesetzte Veranstaltungen steigen. Und da die Reden der Vorstandsvorsitzenden auch nach den Hauptversammlungen online sind, gewinnt die über den Zeitpunkt der Rede hinausgehende Überprüfbarkeit an Bedeutung. Ich jedenfalls bin gespannt auf die kommenden Veranstaltungen.

 

 
 


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