Ladenschluss

Seit Anfang des Jahres wehrte sich die insolvente ­Drogeriemarktkette Schlecker gegen das endgültige Aus. ­ Für die begleitende Kommunikationsarbeit erntete der Insolvenzverwalter Lob. Doch nach dem Beschluss zur Abwicklung übte auch Geiwitz Kritik.

Es ist vorbei. Als Arndt Geiwitz am 1. Juni in der Berliner Urania vor die Presse trat, hatte er keine guten Nachrichten für die Mitarbeiter der insolventen Drogeriemarktkette Schlecker. „Der Gläubigerausschuss [...] sieht nach der heutigen Erörterung der Sachlage keine Perspektive für die wirtschaftlich vertretbare Fortführung von Schlecker oder die Veräußerung des Gesamtkonzerns an einen Investor“, teilte der Insolvenzverwalter den wartenden Journalisten mit. Das Unternehmen werde nun abgewickelt. Damit bestätigte Geiwitz, was seit Wochen in den Medien spekuliert worden war. Die Suche nach einem Investor war gescheitert. Keines der eingegangenen Angebote sei akzeptabel gewesen. Die einst größte Drogeriemarktkette Deutschlands war am Ende. Monatelang hatte der Insolvenzverwalter nach Investoren gesucht und mit Arbeitnehmervertretern und Politik um eine Lösung gerungen. Während Politik und Gewerkschaft dabei öffentlich aufeinander losgingen, erntete die ruhige Kommunikationsarbeit des Insolvenzverwalters und der Schlecker-Presseabteilung Lob. Doch die öffentliche Diskussion um die Frage, an wem die Rettung nun endgültig gescheitert ist, gewann erst nach dem Aus der Drogeriekette an Fahrt. Auch der Insolvenzverwalter teilte dabei kräftig aus.

Als Schlecker Ende Januar zu einer Pressekonferenz in die eigene Konzernzentrale nach Ehingen eingeladen hatte, war das etwas Besonderes. Seit Jahrzehnten hatte das Unternehmen keine Pressekonferenz mehr im eigenen Haus veranstaltet. Das Interesse an der Schlecker-Pleite war groß. Wie groß, hatte der Insolvenzverwalter bereits am Tag des Insolvenzantrags feststellen müssen. Die Internetseite seiner Kanzlei brach unter all den Zugriffen zusammen. Endgültig in der Krise angekommen, trat Schlecker nun kommunikativ die Flucht nach vorne an. Bislang galt die Drogeriemarktkette nach innen wie nach außen als verschlossen. Doch seit Januar führte das Unternehmen seinen Überlebenskampf auch öffentlich. „Insolvenzverfahren werden nicht mehr nur im stillen Kämmerlein geregelt. Die verschiedenen Interessengruppen machen öffentlich Druck“, sagt Christoph Möller, Pressesprecher des Verbands der Insolvenzverwalter und Inhaber der auf Insolvenzkommunikation spezialisierten Agentur möller pr. Ein Insolvenzverwalter müsse daher versuchen, seine Ziele durch gute Öffentlichkeitsarbeit zu unterstützen, die Unternehmenssituation erklären und Informationen bereitstellen.

Auf der Pressekonferenz im Januar gab sich Geiwitz über den Verlauf des Insolvenzverfahrens zunächst optimistisch. Bis Pfingsten wollte er einen Investor gefunden haben. Auch für Fragen und Kritik zeigte sich das Unternehmen offen und mitarbeiternah. Auf dem eigenen Firmenblog informierten Mitarbeiter der Agentur komm.passion, die Schleckers Presse- und Öffentlichkeitsarbeit betreut, Angestellte und Öffentlichkeit über die aktuelle Situation. Sie beantworteten Fragen und reagierten auf Kritik. Auf Facebook und Twitter trat das Unternehmen Gerüchten und Anschuldigungen entgegen. „Sie versuchen damit, die verloren gegangene Glaubwürdigkeit ein Stückweit zurückzugewinnen, und machen das meiner Meinung nach sehr gut“, sagte PR-Blogger und Kommunikationsberater Klaus Eck über Schleckers Blogaktivitäten dem Magazin „Lead digital“. Doch schon einen Monat nach Beginn seiner Arbeit erhielt Geiwitz‘ anfänglicher Optimismus einen Dämpfer. Er ruderte öffentlich zurück: „Die Situation ist so dramatisch, dass das Unternehmen nicht nachhaltig am Markt bestehen kann“, sagte er und kündigte einen „herben, schmerzhaften Schnitt“ an, machte jedoch deutlich, eine Auffanggesellschaft für die Mitarbeiter anzustreben. Denn mögliche Kündigungsschutzklagen würden die Suche nach einem Investor weiter erschweren. Auch in der Öffentlichkeit gewann die Diskussion an Schärfe. Besonders hitzig wurde dabei die Möglichkeit einer Transfergesellschaft diskutiert. Als Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler die Arbeitssituation für Schlecker-Mitarbeiter als günstig bezeichnete und eine Bundesbürgschaft für die Transfergesellschaft ablehnte, war das Maß voll. Vom Verdi-Vorsitzenden Frank Bsirske erntete er harsche Kritik. „Die FDP spielt Roulette mit den Schlecker-Mitarbeiterinnen“, polterte Bsirske. Doch die Aufregung half nicht. Die Transfergesellschaft scheiterte trotz allem. Rund 11.000 Mitarbeiter wurden gekündigt. Doch mehr als 4.000 Schlecker-Mitarbeiter klagen gegen ihre Kündigung. „Wenn während eines Insolvenzverfahrens Kündigungsschutzklagen auf ein Unternehmen zukommen, ist das bei der Investorensuche fatal. Viele schrecken dann zurück“, sagt Christoph Möller. Als Medienberichte im Mai dann Karstadt-Eigentümer Nicolas Berggruen als möglichen Investor ins Spiel brachten, hielt sich der Insolvenzverwalter mit Äußerungen zurück. Die öffentliche Diskussion beruhigte das nicht. Denn die Arbeitnehmervertreter machten weiter öffentlich Druck. Sie forderten von den Gläubigern mehr Zeit bei der Investorensuche und stärkere Mitwirkung und Einsicht in die Investorenpläne. Gleichzeitig boten sie die Verschiebung tariflicher Leistungen an, machten aber gleichzeitig deutlich, dass man nicht alle Forderungen des Insolvenzverwalters erfüllen würde. Genützt hat es nichts. Berggruen zog in der Nacht zum 1. Juni sein Angebot zurück. Die Kündigungsklagen und auch das mediale Interesse hätten Berggruen abgeschreckt, sagte Geiwitz später. Die Gläubiger entschieden sich für die Abwicklung.

Noch kein Feierabend
Doch damit ist die Diskussion noch nicht beendet. Im Gegenteil: Noch am Tag der Entscheidungsverkündung brach Streit aus. Gestritten wurde vor allem darüber, wer Schlecker auf dem Gewissen hätte. Gegenüber  dem „Spiegel“ übte auch Insolvenzverwalter Geiwitz Kritik. Demnach habe er die Familie noch kurz vorm Beschluss über die Zerschlagung um eine Verlustfinanzierung gebeten. Doch die Familie „war entweder nicht bereit oder nicht in der Lage“, diese Summe zu zahlen. Doch auch an der Verhandlungstaktik der Gewerkschaft Verdi, am alten Unternehmensmanagement und der FDP übte Geiwitz Kritik. Diese seien mitverantwortlich, dass die Rettung des Unternehmens nicht glückte, sagte Geiwitz dem „Spiegel“. Mit diesem Rundumschlag in der Öffentlichkeit wich Geiwitz von seinen bisherigen Bemühungen um einen ruhigen Verlauf des Insolvenzverfahrens ab. Doch damit war er nicht allein. Bereits am Mittag hatte auch Frank Bsirske, ähnlich wie Geiwitz, erneut die FDP attackiert. Doch die Partei feuerte zurück und wies jegliche Schuld von sich. „Dass Schlecker jetzt pleite ist, liegt zuallererst an unternehmerischen Fehlentscheidungen“, sagte FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle dem „Tagesspiegel“. Aber auch die Gewerkschaften hätten „mit ihren wiederholten Aufrufen zum Käuferstreik“ dazu beigetragen. „Erst trommeln und dann Krokodilstränen über das Ergebnis vergießen, ist scheinheilig.“ Ein Vorwurf, den die Gewerkschaft nicht auf sich sitzen ließ. Gegenüber der dpa wies Verdi-Pressesprecherin Christiane Scheller die Vorwürfe zurück und gab sich weiter kämpferisch. Zu einem Boykott habe man nie aufgerufen, doch die Arbeitnehmervertreter würden erneut für eine Transfergesellschaft kämpfen. Der Feierabend in der Schlecker-Diskussion ist damit noch nicht in Sicht.

 
 

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