Auch für Texte gilt: Weniger ist häufig mehr. (c) Getty Images/Bychykhin_Olexandr
Auch für Texte gilt: Weniger ist häufig mehr. (c) Getty Images/Bychykhin_Olexandr
Formulierungsblasen und Co.

Kürzen für Fortgeschrittene

Unsere Kolumnistin liebt Aufräumen. Sprachberge entrümpelt sie nach dem Prinzip: Was nicht gebraucht wird, kommt weg. 
Juliane Topka

Neulich sagte ein Kunde, der mir einen Artikel zum Lektorat schickte: „Der Text hat jetzt 8.435 Zeichen, das Limit sind 8.500. Er sollte also nicht länger werden.“ Ich erwiderte schmunzelnd: „Habe ich jemals einen von euren Texten länger gemacht?“

Tatsächlich ist es in der Regel so, dass Texte nach dem Lektorat kürzer sind als vorher. Denn zu meinem Job gehört auch viel Aufräumarbeit: Je länger ein Text ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass er inhaltliche Dopplungen enthält, von denen die meisten nicht notwendig sind. Gerade in der Unternehmenskommunikation liegt in der Kürze oft die Würze. Wer stringent argumentiert und präzise formuliert, braucht keine inhaltlichen Wiederholungen, um sicherzustellen, dass die Botschaft ankommt. Und auch auf sprachlicher Ebene gibt es meist noch einiges auszumisten.

Partizipien ohne Informationswert

„Wir danken Ihnen für das entgegengebrachte Vertrauen.“ Diese Formulierung lese ich ziemlich oft. Wenn es ein Lektoratsauftrag ist, den ich gerade vor mir habe, streiche ich sofort das Wort „entgegengebrachte“. Natürlich kann man mit Vertrauen auch andere Sachen anstellen, als es irgendwem entgegenzubringen, aber in der Kombination mit einem Dank ist die Sache klar. „Wir danken Ihnen für Ihr Vertrauen“ reicht vollkommen. Und schon ist der Text um 18 Zeichen (einschließlich des Leerschritts) kürzer.

Mit solchen kleinen Handgriffen kommt schnell ein erhebliches Kürzungsvolumen zusammen: Denken Sie an „gemachte Angaben“, „gesteckte Ziele“, „durchgeführte Studien“ und ähnliche Ungetüme – in Fällen dieser Art können Sie meist das vorangestellte Partizip ersatzlos streichen, ohne dass die Aussage etwas von ihrer Bedeutung einbüßt. Und wieder wird die Sicht auf das, was Sie sagen wollen, klarer.

Pleonasmen: doppelt gemoppelt

Ganz ähnlich ist es mit Konstruktionen, die in der Sprachwissenschaft Pleonasmen heißen. Das Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft (2007) beschreibt sie als „Wortreichtum ohne Informationsgewinn“: Ein Begriff wird um einen weiteren ergänzt, dessen Bedeutung im Ausgangswort aber schon enthalten ist. So wird Angela Merkel häufig als „erste weibliche Bundeskanzlerin“ bezeichnet. Wenn man dieser vermeintlichen Logik folgt, was war Gerhard Schröder dann – die (bislang) letzte männliche Bundeskanzlerin?

Genauso verhält es sich mit „qualitativ hochwertig“: Das Adjektiv „hochwertig“ bedeutet, dass etwas eine hohe Qualität hat. Der Bezug ist also schon eingebaut, ein zusätzlicher Hinweis „qualitativ“ ist nichts anderes als eine Dopplung und fällt unverzüglich meinem virtuellen Rotstift zum Opfer. Gleiches gilt für „erfolgreich“, wenn jemand eine Prüfung „erfolgreich bestanden“ oder Herausforderungen „erfolgreich gemeistert“ hat. Haben Sie schon mal etwas ohne Erfolg gemeistert? Anders wäre es zum Beispiel, wenn es hieße, dass ein Unternehmen sich einer Herausforderung gestellt hat – das kann man durchaus auch ohne Erfolg tun, sodass die zusätzliche Information sinnvoll ist.

Formulierungsblasen: viele Buchstaben, wenig dahinter

Und dann gibt es noch die Formulierungen, die einfach unnötig kompliziert sind. Mein Paradebeispiel ist „darstellen“, das ebenfalls gern im Zusammenhang mit Herausforderungen auftaucht: „Die demografische Entwicklung stellt für uns eine Herausforderung dar.“ Ein schlichtes „ist“ erfüllt denselben Zweck, ist viel klarer – und um einiges kürzer. Herrlich, aufräumen tut so gut!

Möglichkeiten und Fähigkeiten sind ebenfalls Begriffe, bei denen sich ein zweiter Blick lohnt: Beide laden offenbar dazu ein, Sprache unnötig aufzublähen. In gefühlt zwei Drittel aller Fälle sind sie nämlich mit einer Konstruktion verbunden, in der das Verb „können“ vorkommt, etwa: „Wir schaffen die Möglichkeit, Dokumente digital austauschen zu können.“ Auch hier gilt dasselbe wie bei den oben genannten Beispielen: Überlegen Sie, was ein Begriff schon alles mitbringt. „Möglichkeit“ und „Fähigkeit“ drücken immer aus, dass etwas sein kann respektive dass jemand etwas tun kann. Sprachlich korrekt – und außerdem kürzer und klarer – ist „die Möglichkeit, Dokumente digital auszutauschen“.

Sorgen Sie für klare Sicht!

Auch geübten Schreiberinnen und Schreibern passieren solche Ungenauigkeiten gelegentlich. Das ist ganz normal – wenn man sich auf den Inhalt konzentriert, rutscht so etwas leicht durch. Mit etwas (zeitlichem) Abstand zum Schreibprozess entdeckt man Dopplungen leichter. Wenn die Zeit dafür nicht reicht, empfiehlt sich das Vier-Augen-Prinzip: Lassen Sie eine Kollegin oder einen Kollegen über den Text schauen, die beziehungsweise der nicht in dessen Erstellung involviert war. Sie werden staunen, was sich da noch alles findet!

Es ist, als würden Sie die Scheiben Ihres Schaufensters noch mal putzen, bevor Sie den Laden eröffnen: So kommt Ihr Angebot erst richtig zur Geltung.

 

 
 

ps/NEWS: Der Newsletter für PR-Profis

 

Ob wichtige Nachrichten, Hintergründe, Case Studies oder aktuelle Debatten: Mit den ps/NEWS erhalten Sie die wichtigsten Informationen der Kommunikationsbranche kostenlos in Ihre Mailbox.
 

CAPTCHA

This question is for testing whether or not you are a human visitor and to prevent automated spam submissions.



randbemerkung

Bitte achten Sie bei Ihren Beiträgen unsere Netiquette.

Das könnte Sie auch interessieren.

Unternehmen sollten wissen, wofür sie stehen. (c) Getty Images / 3D_generator
Foto: Getty Images / 3D_generator
Lesezeit 2 Min.
Kolumne

Ohne Sinn bleibt nur Unsinn

Der Begriff „Purpose" wird vielerorts bereits als Buzzword verschrien. Künftig wird das Thema jedoch eher noch an Bedeutung gewinnen. Unternehmen sollten sich also klar darüber werden, welche Werte sie vertreten. »weiterlesen
 
Unternehmen verteilen Pressemitteilungen häufig nach dem Gießkannenprinzip./ Stop: (c) Getty Images/VladimirFLoyd
Pressemitteilung mit der Gießkanne. Foto: Getty Images/VladimirFLoyd
Gastbeitrag

Verschont mich mit euren Pressemitteilungen!

Agenturen und Institutionen verteilen Pressemitteilungen häufig mit der Gießkanne. Das bringt nichts, meint unser Gastautor Dominik Ruisinger. »weiterlesen
 
Zeitgemäße Bewegtbildproduktion in der Unternehmenskommunikation benötigt ebenso viel Sachverstand wie Strategie und Planung. / Bewegtbild: (c) Getty Images/guruXOOX
Videos in PR. Foto: Getty Images/guruXOOX
Bericht

Wie Unternehmen von Videos profitieren

Nie gab es vielfältigere, bessere Möglichkeiten, die Bewegtbildkommunikation in Unternehmen zu „strategisieren“, sie also mit einer konsistenten Kommunikationsstrategie zu unterfüttern. Belohnt wird dieser Mut mit einer Stärkung des eigenen Markenkerns. »weiterlesen
 
Boehringer Ingelheim porträtiert CFO Michael Schelmer. / Boehringer Ingelheim: (c) Boehringer Ingelheim
Foto: Boehringer Ingelheim
Gastbeitrag

Wie Boehringer Ingelheim Videos für die PR nutzt

Wie gelingt ein Videoporträt eines Vorstands ohne mehrfach redigierte, abgestimmte Skripts und Teleprompter? Boehringer Ingelheim wagte mit „Die Summe meiner Teile“ viel – und wurde nicht nur mit dem Gewinn des Deutschen Preises für Onlinekommunikation belohnt. »weiterlesen
 
Die Vorproduktion eines Films ist der wichtigste Schritt im ganzen Projekt. / Video: (c) Getty Images/kckate16
Produktion von Videos. Foto: Getty Images/kckate16
Gastbeitrag

Worauf es bei Bewegtbildformaten ankommt

Worauf es bei Bewegtbildformaten wirklich ankommt: Ein Erfahrungsbericht, der die entscheidenden Fragen stellt (und beantwortet). »weiterlesen
 
Der Streisand-Effekt beschreibt einen Kontrollverlust über Informationen im öffentlichen Raum. (c) Getty Images / tupungato
Streisand-Effekt (c) Getty Images / tupungato
Lesezeit 2 Min.
Meldung

Wer hat Angst vorm Streisand-Effekt?

Um die Veröffentlichung eines in den 80er-Jahren verfassten Manuskripts zu verhindern, ging Grünen-Politiker Volker Beck bis vor den EuGH. Diese Vehemenz machte das umstrittene Schriftstück in den Medien jedoch erst recht zum Thema: der Streisand-Effekt. »weiterlesen