Scharfe Kritik am Landwirtschaftsministerium und seiner Suche nach der "besten Tafel". (c) Getty Images / srdjanns74
Scharfe Kritik am Landwirtschaftsministerium und seiner Suche nach der "besten Tafel". (c) Getty Images / srdjanns74
Umstrittener Wettbewerb

Kreativ oder zynisch? Bayern sucht „beste Tafel“

Mit der Suche nach der „besten Tafel" will Bayerns Landwirtschaftsministerium gegen Lebensmittelverschwendung kämpfen. Die Kritik daran fällt scharf aus.
Aus der Redaktion

Moralische Bankrotterklärung, geschmacklose Idee, lustiges Hunger Games-Spielchen, erbärmlich und menschenverachtend, widerlich, pervers – die Kritik an einem neuen Wettbewerb des bayerischen Ernährungs- und Landwirtschaftsministeriums fällt äußerst harsch aus.

Am 3. Mai hatte das Ministerium per Pressemitteilung den neuen Wettbewerb der bereits 2016 gegründeten Aktion „Gemeinsam Lebensmittel retten“ vorgestellt. Fünf so genannte Tafeln oder andere karitative Einrichtungen in Bayern, die nicht mehr benötigte Lebensmittel an Bedürftige weitergeben, können dabei jeweils bis zu 5.000 Euro gewinnen.

„Wir wollen mit dem Wettbewerb das große Engagement der Ehrenamtlichen und ihren wichtigen Beitrag zur Rettung von Lebensmitteln den Menschen vor Augen führen“, sagte Michaela Kaniber, Staatsministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten. Offensichtlich wird bei der Aktion weniger die Armut bestimmter Bevölkerungsgruppen thematisiert, die auf Unterstützung von Tafeln angewiesen sind. Vielmehr solle laut Kaniber erreicht werden, „die Wertschätzung der Menschen für Lebensmittel weiter zu steigern.“

Der Wettbewerb für Tafeln stieß in ersten Reaktionen praktisch durchweg auf Ablehnung, oftmals in scharfen Worten. Katharina Schulze, Fraktionsvorsitzende der Grünen im bayerischen Landtag, fragte noch vergleichsweise moderat, ob man nicht lieber daran arbeiten sollte, dass es keine Tafeln mehr braucht.

Die Autorin und mehrfach ausgezeichnete Sozial-Unternehmerin Sina Trinkwalder ging weiter. Sie twitterte: „Nach dem Wohlstand kommt die Barbarei, oder: Wenn fremdschämen nicht mehr reicht.“

 

 

Andere Äußerungen in den sozialen Netzwerken fielen noch deutlicher aus. Der Wettbewerb unter den Tafeln wurde als zynisch und pervers bezeichnet, als schäbig und menschenverachtend. Mehrfach wurde eine Parallele zur erfolgreichen Filmreihe „Hunger Games“ gezogen und dem bayerischen Landwirtschaftsministerium vorgeworfen, Initiativen zur Armutsbekämpfung einer „Wettbewerbsideologie“ zu unterwerfen.

 





 

Das Konzept der Tafel wurde 1993 erstmals in Deutschland umgesetzt. Bundesweit enstanden seitdem rund 900 Tafeln mit etwa 3.000 Ausgabestellen. Schätzungen zufolge unterstützen sie jede Woche bis zu 1,5 Millionen Menschen mit Lebensmittelspenden.

Allein in Bayern bestehen laut Ministeriumsangaben mittlerweile rund 170 Einrichtungen mit rund 11.000 überwiegend ehrenamtlichen Mitarbeitern, die jährlich etwa 33.000 Tonnen Lebensmittel verteilen.

 

 
 


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