Foto: Thinkstock/yganko
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Kolumne

Konkret statt abstrakt

Klare Ansagen vermeiden Missverständnisse. Der freie Journalist und Redenschreiber Claudius Kroker mit einer Kolumne über konkrete Botschaften, "Blabla-Kommunikation" und einer Hitliste des Ungefähren in Pressemitteilungen.
Claudius Kroker

Unter Juristen gibt es eine wunderbare Formulierung, es ist die des „Abstrakt-Generellen“. Ein Gesetzestext soll auf möglichst viele Fälle anwendbar sein. Bloß nicht zu viel Konkretes hineinschreiben, sonst kann sich im Fall des Falles jeder Ganove, jede Streitpartei, jeder Anwalt darauf beziehen, dass sich diese oder jene Formulierung nur auf einen bestimmten Einzelfall beziehe – aber ganz sicher nicht auf den eigenen.

Abstrakt-Generelles hat also in vielen Lebensbereichen etwas Gutes. Die Bereiche Information und Kommunikation gehören nicht dazu. Leider tun wir uns aber schwer mit dem Konkreten im zwischenmenschlichen kommunikativen Austausch. Gründe dafür gibt es viele, meist geht es um eine überzogene prophylaktische Vorsicht.

Erstens: Bloß nichts Einschränken, lieber für alles offen sein. Ein Highlight dieser kommunikativen Vernebelung ist für mich der Satz aus einer Pressemitteilung, mit der ein Unternehmen darüber informierte, dass es „für zukunftsorientierte Themen vieler unterschiedlicher und langfristiger Kundenprojekte viele qualifizierte Mitarbeiter“ suche. Na, da ist doch schon alles gesagt. Leider können wir uns als Leser und potenziell Angesprochene nichts darunter vorstellen.

News-Weichmacher für das Ungefähre

Schön sind auch die gern gewählten News-Weichmacher wie „kann sinnvoll sein“, „wäre möglich“ oder „schauen wir mal“. Wer dergleichen Allgemeinplätze in seiner Pressearbeit verwendet, darf kein gesteigertes Interesse auf Journalistenseite erwarten. Allenfalls investigatives Interesse, und das ist dann für den Absender solcher verquasten Blabla-Kommunikation im Extremfall auch nicht ideal.

Platz zwei in der Hitliste des Ungefähren sind Pressemitteilungen von Wissenschaftlern, die das Interesse von Medien an der eigenen Person und der eigenen Forschung wecken wollen, ohne sich dabei über die Schulter, geschweige denn in die Karten schauen zu lassen. Schreib über mich und meine Forschung, aber schreib nicht über meine Forschungsergebnisse. Wasch mich, aber mach mich nicht nass. Da ist im Einzelfall verständlich, denn Geheimnisse, die ich hinausposaune, sind keine Geheimnisse mehr. Und Alleinstellungsmerkmale, die ich zum Kopieren freigebe, sind nicht mehr allein. Aber wer Interesse erwartet, muss Interesse wecken. Je abstrakter, desto weniger.

Als weiteres Argument gegen die klare Kante wird oft eine rücksichtsvolle Höflichkeit angeführt. Aus „Bitte senden Sie mir die Informationen“ wird dann „Falls möglich wäre es nett, wenn mir jemand…“ – Bloß nicht jemanden direkt um etwas Konkretes bitten, das könnte als Affront aufgefasst werden. Warum? Sind wir so empfindlich und misstrauisch in unserer Kommunikation geworden, dass wir hinter jeder klaren Aussage, hinter jeder konkreten Bitte unberechtigte Kritik vermuten?

Joseph Pulitzer: Schreibe klar und bildhaft

Dass Kommunikation konkret statt abstrakt sein soll, gilt – wie bei vielen Themen der Kommunikation – natürlich nicht nur für die Pressearbeit und den Kontakt zwischen Pressestellen und Journalisten. Es gilt in jeder Kommunikation, der internen wie der externen. Im Newsletter für Kunden, im Mailing an Mitarbeiter und genauso auch in der Personalführung: Klare Ansage vermeidet Missverständnis. Konkretes statt Abstraktes gilt fürs geschriebene Wort und noch viel wichtiger für das gesprochene. Wer nur den Redner sieht, aber ansonsten aufgrund des abstrakten Gequassels kein Bild vor Augen entwickeln kann, dem fallen dieselben zu – die Augen. Die Zuhörer schalten ab.

Angela Merkel, von den Medien im jüngsten Wahlkampf als Meisterin des Ungefähren gekürt, hat ihre besten Kommunikationsmomente, wenn sie spontan ist. Weil sie dann auf den Punkt kommt. Viele ihrer für die mediale Verwertung vorbereiteten Polit-Sprech-Ansagen wurden vorher über Stunden, Tage und Wochen von ganzen Kommunikationsarmeen aufgesetzt, abgestimmt und weichgespült, um dann schließlich frei von rhetorischer Tiefe vorgelesen zu werden. Das Publikum möchte aber nichts Weichgespültes vorgelesen bekommen. Es möchte eine Rede hören, ach was: erleben! Mit Bildern, direkter Ansprache und konkreten Botschaften. 

 

 
 


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