Nicht immer willkommen. (c) Thinkstock/wahahaz
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Asylbewerberheime in Deutschland

Kommunikation unter Nachbarn

In Deutschland werden dringend neue Unterkünfte für Asylbewerber gebraucht. Doch wo auch immer diese geplant werden, ist die Kritik der Anwohner laut. Über die Notwendigkeit von Transparenz und einer guten Kommunikation unter Nachbarn.
Anne Hünninghaus

Auf den Diagrammen des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge steigen die Kurven in ungeahnte Höhen. Im vergangenen Jahr hat das Bundesamt insgesamt 173.072 Asylanträge entgegengenommen. Im Vergleich zum Vorjahr sind die Antragszahlen damit dem Bundesamt zufolge um stolze 57,9 Prozent gestiegen. Der Großteil der Antragsteller flüchtet vor dem syrischen Bürgerkrieg.

Alle diese Menschen brauchen eine Unterkunft, einen Rückzugsort. Doch diese sind knapp und wo immer neue Einrichtungen geplant werden, im näheren Umfeld herrscht meist große Skepsis vor. Eine planvolle Kommunikation ist für die Betreiber daher unverzichtbar.

Manfred Nowak, Kreisvorsitzender der Arbeiterwohlfahrt (AWO) in Berlin-Mitte, weiß um den hohen Stellenwert der Öffentlichkeitsarbeit. „Wir müssen die Menschen vorbereiten, direkt und durch die Medien. Als Betreiber haben wir die Aufgabe, den Asylbewerbern eine bestmögliche Betreuung angedeihen zu lassen.“ Dazu zähle auch, ihnen Kontakte in die neue Nachbarschaft zu vermitteln, sie in der ungewohnten Umgebung willkommen zu heißen. „Wir wünschen uns, dass die Nachbarn eine emotionale Beziehung zu den Bewohnern unserer Häuser herstellen.“ Was diese Zielsetzung erschwert, sind unter anderem interkulturelle Hindernisse und die hohe Fluktuation innerhalb der Erstaufnahmeeinrichtungen. Zudem ist ein Großteil der Bewohner traumatisiert, hat mit den Folgen von Krieg und Elend zu kämpfen.

Sechs Containerdörfer sollen innerhalb kurzer Zeit in Berlin errichtet werden, eines davon betreibt die AWO. Der Standort Berlin-Buch bereitet Nowak besonderes Kopfzerbrechen: „Da gibt es im Vorfeld bereits eine sehr heftige Protestbewegung, die auf rechtsradikale politische Organisationen zurückführt. Auch der Vorsitzende der NPD soll in unmittelbarer Nähe wohnen. Hier wird nun der Versuch unternommen, die Bürger, die verunsichert sind, zu instrumentalisieren.“

Um die Willkommenskultur zu stärken, wurde jüngst ein „Beirat für Zusammenhalt“ gegründet, eine Gruppe Berliner Polit-Persönlichkeiten, die für Mitmenschlichkeit werben soll. Ihr gehören neben dem ehemaligen Regierenden Bürgermeister Eberhard Diepgen (CDU) die Ex-Sozialsenatorinnen Ingrid Stahmer (SPD) und Heidi Knake-Werner (Linke) sowie der ehemalige Justizsenator Wolfgang Wieland (Grüne) an. Ihre Aufgabe soll darin bestehen, Bürgersinn zu bündeln, die Berliner Hilfsgruppen zu unterstützen und bei Konflikten zu vermitteln. Eine lange Agenda für vier Personen.

Transparenz als Gegenmittel

Vor anderthalb Jahren wurde im Berliner Bezirk Reinickendorf ein ehemaliges Pflegeheim in eine Flüchtlingseinrichtung umgewandelt, das Marie-Schlei-Haus. Daraufhin bildete sich eine Bürgerinitiative, die vehement gegen den Neubezug protestierte. Nowak und seine Kollegen luden deren Anhänger zu einer großen Informationsveranstaltung, richteten regelmäßige Sprechstunden ein und boten ihnen an, bestehende Einrichtungen der AWO zu besuchen, um vor Ort zu sehen, wie ein solcher Betrieb läuft. Mit Erfolg? „Die Angebote sind von vielen wahrgenommen worden, aber bei einigen waren die Sorgen vor Kriminalität und sinkenden Grundstückswerten leider manifest.“

Grundsätzlich hat Nowak Verständnis dafür, dass in der Nachbarschaft anfangs auch Sorgen existieren. „Die Ängste der Anwohner muss man als Betreiber ernst nehmen. Die Situation ist für sie neu und sie werden im Vorfeld leider nicht immer sachgerecht informiert."

Es habe eine Weile gedauert, aber inzwischen besuchten auch zahlreiche Nachbarn die Veranstaltungen im Marie-Schlei-Haus. Zudem habe sich ein Netzwerk aus Organisationen und Einzelpersonen gebildet, das das Haus unterstützt – mit Vereinsmitgliedschaften für die Kinder oder ehrenamtlichem Deutschunterricht. „Bedenken haben sich bis auf wenige Ausnahmen zerstreut“, glaubt Nowak. „Für uns ist das ein Positivbeispiel, der Beweis, dass man mit offenem Zugehen, Information und Transparenz in der Nachbarschaft viel erreichen kann.“ Dennoch gebe es offenbar generell nach wie vor einen harten dogmatischen Kern. Dieser gelange besonders dann in den Mittelpunkt, wenn die Neueröffnung eines Hauses an einem bestimmten Standort noch diskutiert werde und die geringe „Hoffnung“ bestehe, sie zu verhindern, sagt Nowak.

Der erste Kontakt

Ende Mai zogen die ersten Flüchtlinge in ein Wohnheim des Betreibers Gierso mitten in Berlin Charlottenburg. Für ein Medienecho sorgten vor allem die abwehrenden Reaktionen vieler Anwohner. Inzwischen gilt das Wohnheim in der Soorstraße mit seinen 244 Bewohnern dank konstruktiver Gespräche mit den Nachbarn jedoch beinahe als Vorzeigeobjekt.

Mitverantwortlich dafür ist Suada Dolovac. Ursprünglich hatte sie bei Gierso die Leitung der sozialen Dienste übernommen, ihre Zuständigkeit für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit stellte sich kurz darauf als unabdingbar heraus. Dolovac pflegt sowohl die Kontakte zu Politik und Ehrenamt als auch die zu den Anwohnern. Gierso hat in den vergangenen Jahren fünf Wohnheime in Berlin eröffnet, zwischen denen sie hin und her pendelt.

„Meistens kommt die Eröffnung eines neuen Heims plötzlich. Die Geschäftsführung sucht eine Unterkunft und erst wenn die Verträge unterschrieben sind und alle Vorbereitungsmaßnahmen geklärt, heißt es dann für uns: In drei Wochen eröffnen wir“, so Dolovac. Ist dieser Satz ausgesprochen, startet sie mit ihrer Arbeit, informiert das Bezirksamt, die Schulen, das Gesundheitsamt. Wenn kleinere Umbauten gemacht und die Zimmer vorbereitet werden, gibt es meistens den ersten Kontakt mit den neuen Nachbarn. Viele sind neugierig und suchen das Gespräch, möchten wissen, was auf sie zukommt. „Wir haben Befürworter, aber natürlich auch Gegner. Diese lassen sich aber leider nicht blicken, suchen keinen Dialog.“

Bringen harte Fakten Einsicht?

Direkte Nachbarn der neuen Unterkunft im Berliner Westend sind das Technische Hilfswerk und die Deutsche Rentenversicherung. Mit einem Schreiben vom Amt für Gesundheit und Soziales suchte Dolovac sie auf, warf auch Flugblätter in die Briefkästen der Privatpersonen in der Nachbarschaft. Kurz darauf tauchte in einem Café in unmittelbarer Nähe ein Aushang auf, in dem um Unterschriften gegen das Heim gebeten wurde.
Dolovac kennt die Ängste, die in solchen Aktionen aus der Nachbarschaft anklingen: „Die klassischen ersten Aussagen sind: Unsere Immobilien verlieren an Wert, unsere Gegend wird beschmutzt, die Kriminalität wird ansteigen.“ Besonders ältere Leute seien oft skeptisch, aber auch Eltern kleiner Kinder, die darum fürchten, deren Entwicklung werde durch die neuen Mitschüler gebremst.
Das einzige Mittel, solchen Reaktionen entgegenzuwirken ist Kommunikation. „Ich kann schon verstehen, dass Menschen Ängste haben. Ich würde mir nur wünschen, dass sie uns eine Chance geben, uns erst mal kennenzulernen“, sagt Dolovac.

Bevor sich die Unruhe ausbreitet, organisiert sie mit ihren Kollegen eine Infoveranstaltung. In der Soorstraße besuchten diese rund 300 Menschen, die Befürworter waren in der Überzahl. Mit dabei sind auch Polizisten der Abteilung für Migration und Integration. Sie präsentieren Statistiken: Was hat sich in der Umgebung geändert, seit die neuen Nachbarn da sind? Die Antwort lautet meistens: Nichts – kein einziger Diebstahl oder Raubüberfall. Bringt die Gegner der Heime diese Information zur Einsicht? „Jein“, antwortet Dolovac. „Eine Zeit lang geben die Kritiker Ruhe, aber dann bekommen wir doch wieder E-Mails und Briefe mit Beschwerden und Anfragen.“ Auf jedes der Schreiben reagiere Gierso sofort.

Offene Türen

Wichtiger als der schriftliche Kontakt ist aber natürlich der persönliche, wenn Hürden eingerissen werden sollen. Einmal im Jahr gibt es für Bewohner, Nachbarn und Unterstützer ein großes Sommerfest in den Asylbewerberheimen. „Das Haus ist absolut transparent, unsere Türen stehen immer offen. Jeder kann einen Blick in die Küche oder die Gänge werfen, ins Gespräch mit den Bewohnern kommen“, bekräftigt Suada Dolovac. Die meisten der Anwohner hielten sich nicht lang auf, werfen nur einen flüchtigen Blick in die Wohnheime. Dennoch gelte: „Jeder der kommt, egal ob Freund oder Kritiker, bekommt Respekt und die Möglichkeit, sich zu äußern.“ Das schönste Erfolgserlebnis für die Leiterin der sozialen Dienste: Wenn sich dank des Austauschs ein Skeptiker in einen ehrenamtlichen Helfer verwandelt.

Ja, es gibt sie, diese Geschichten, die traurig beginnen und ein glückliches Ende finden. Auch Manfred Nowak von der AWO kann eine solche erzählen. In unmittelbarer Nachbarschaft des Marie-Schlei-Hauses gebe es eine Wohnsiedlung mit einem Spielplatz. Die Kinder aus dem Heim hätten kurz nach dessen Gründung dort spielen wollen, doch die Anwohner zogen den Zaun höher und sprachen ein Verbot aus. Das Marie-Schlei-Haus sammelte Spenden und finanzierte sich einen eigenen großen Spielplatz. Auch die Kinder der Nachbarschaft entdeckten diesen für sich – heute toben sich dort alle gemeinsam aus. „Deren Eltern sehen das als positives Zeichen“, sagt Nowak. „Kinder wärmen eben die Herzen.“

Auf eine ähnliche Entwicklung vermag Nowak im Falle des Containerdorfs in Buch noch nicht zu hoffen. „Da kommt einiges auf uns zu.“ Auch hier wird es ein organisiertes Kennenlernen mit den Nachbarn geben, sobald die neuen Bewohner einziehen. Einen Tag der offenen Tür, um die Einrichtung vorzustellen. Doch in dem Heim in Berlins nördlichstem Ortsteil wird auf eine Großveranstaltung verzichtet. Nowak seufzt. „Dort warnen davor auch unsere Befürworter, weil sie befürchten, dass rechte Gruppen diese stören könnten.“

 
 

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