Julia Klöckner, Bundeslandwirtschaftsministerin, startete zwei umstrittene Kampagnen. / Julia Klöckner: (c) BMEL/Imo/Photohek
Julia Klöckner, Bundeslandwirtschaftsministerin, startete zwei umstrittene Kampagnen. / Julia Klöckner: (c) BMEL/Imo/Photohek
"Dorfkinder" und "Du entscheidest"

Klöckner tritt mit zwei Kampagnen ins Fettnäpfchen

Zwei Kampagnen aus dem Hause Klöckner erhitzen die Gemüter auf Twitter: "Dorfkinder" und "Du entscheidest". Darum geht es.
Toni Spangenberg

Julia Klöckner (CDU), Bundeslandwirtschaftsministerin, schiebt Verbrauchern den Schwarzen Peter in Sachen Tierwohl und Landwirtschaft zu. Die Kampagne "Du entscheidest", die während der gerade stattfindenden Grünen Woche in Berlin besondere Aufmerksamkeit erfährt, soll sie für einen bewussteren Einkauf sensibilisieren. Kritiker sehen in der Kampagne den Versuch, die Verantwortung für die Missstände in der Lebensmittelindustrie auf Konsumenten abzuwälzen. Ihrerseits kritisiert Klöckner einen romantisierten, wenig differenzierten Blick der Gesellschaft auf die Landwirtschaft. 

"Wir werden nicht mit romantisierenden Bullerbü-Vorstellungen zurück zu einer vormodernen Landwirtschaft kehren, weil man sich ein Idyll sucht, weil der eigene Alltag vielleicht zu hektisch ist. Damit werden wir die Menschen nicht ernähren können", sagt Julia Klöckner zur Eröffnung der Grünen Woche in Berlin. Sie fordert einen differenzierten Blick auf die Landwirtschaft. Städter kritisierten Bauern häufig, ohne differenzierte Recherche, so Klöckner. Man solle sachlich über neue Züchtungen von Pflanzen diskutieren und offen für Methoden wie die Genschere Crispr/Cas sein. Romantisiert und undifferenziert wirkt allerdings auch eine andere Kampagne aus Klöckners Ministerium: "Dorfkinder".

Vier Fotos, die verschiedene Szenen eines Dorfidylls zeigen, erhitzen die Gemüter auf Twitter. Zu sehen sind "Dorfkinder", die einen Dorfladen eröffnen, im Fußballverein oder der Freiwilligen Feuerwehr sind – eine romantisch verklärte Szenerie eines scheinbaren Dorfidylls, wie Gegner der Kampagne meinen. Sie halten ihr vor, "Dorfkinder" gegen "Stadtkinder" auszuspielen. Statt die Gräben zu überwinden und Stadt und Land zu einen, spalte die Kampagne. 

Die Doppelmoral der CDU

Einige User wollen eine Doppelmoral der CDU erkennen. Sie instrumentalisiere Kinder für die Kampagne. Dabei hat zuletzt Armin Laschet (CDU), Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, denselben Vorwurf gegenüber den Machern der Umweltsau-Satire erhoben. 

Außer Acht gelassen werde in der Klöckner-Kampagne auch größere Intoleranz und mehr Rassismus auf dem Land. "#Dorfkinder ziehen in die Stadt, weil aufm Dorf niemand was gegen die Faschos macht, im Fußballverein und in der Feuerwehr nur gesoffen wird und schwul das beliebteste Schimpfwort ist, ohne Ende geklüngelt wird und sich nicht mal die Jungen für besseren Netzausbau interessieren", schreibt ein Twitter-User

"Du entscheidest" im "Dorfkinder"-Schatten

Während Twitter über "Dorfkinder" debattiert, scheint die andere Kampagne des Landwirtschaftministeriums in den Hintergrund zu rücken. "Finde das immer faszinierend, wie alle bei #Dorfkinder abgehen, dabei ist die eigentlich miese Kampagne "Du entscheidest"", schreibt ein anderer User. 

Die Ministerin nimmt Verbraucher in die Pflicht. "Von einem Euro für Fleisch kommen beim Landwirt 20 Cent an, das wird auf Dauer nicht so weitergehen", sagte sie und fordert Kunden zum Umdenken auf. Ganz im Sinne der "Du entscheidest"-Kampagne kritisiert sie die "verbale Aufgeschlossenheit bei gleichbleibender Verhaltensresistenz".

Kritik von Greenpeace und Grünen

Auf Twitter schlägt ihr dafür Widerstand unter anderem von Greenpeace entgegen. "Über 73.851760 gequälte Ferkel seit Julia Klöckners Amtsantritt. Doch statt die tierschutzwidrigen Zustände zu beenden, verschleppt sie längst überfällige Reformen und gibt mit ihrer ‘Du entscheidest’ Kampagne die Verantwortung einfach ab", twittert die NGO. 

Auch Grünen-Chef Robert Habeck lässt kein gutes Haar an "Du entscheidest" und Klöckner. Dem Redaktionsnetzwerk Deutschland sagte er: "Sie zeigt auf die Verbraucher: Macht ihr mal, dann muss ich nichts machen."

 

 
 


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