Das Stadion des 1. FC Köln. (c) Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0
Das Stadion des 1. FC Köln. (c) Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0
Fußball-PR in der Corona-Krise

Keine Vorzugsbehandlung, sondern eine faire Chance

Tobias Kaufmann

Fußball-Kommunikation zielt ins Herz, nicht auf den Kopf. Man wird ja nicht aus rationalen Gründen Fan des 1. FC Köln. Fußball muss auch nicht um Aufmerksamkeit kämpfen, es sind eh alle Augen auf uns gerichtet. Beides unterscheidet unsere PR von jener in vielen anderen Branchen. Beides ist ein Privileg.

Im Werben dafür, dass die Bundesliga wieder spielen darf, hat sich das Privileg zwischenzeitlich in einen Nachteil verwandelt. 40 Millionen Deutsche interessieren sich für Fußball, Bundesliga und 2. Liga beschäftigen direkt oder indirekt 56.000 Menschen und zahlen 1,4 Milliarden Euro Steuern und Abgaben. Dennoch hätte es in einer existenziellen Krise Wichtigeres gegeben, über das man hätte streiten müssen. Und wenn schon streiten, dann mit Fakten, statt mit Emotionen. In der Krise war der emotionale und öffentliche Fußball so wie andere Branchen auf Zeit zum Nachdenken abseits der Öffentlichkeit und auf Raum für Sachlichkeit angewiesen. Stattdessen wurde jedes Kind, das nicht in die Kita durfte, gegen Fußballmillionäre ausgespielt, die goldene Steaks essen. Zu denen zählte auf einmal selbst der Ersatztorwart des SV Sandhausen. Und derselbe Millionär, der gefälligst sofort auf mindestens die Hälfte seines Gehalts zu verzichten hatte, wurde zugleich zum Opfer eines Systems stilisiert, das über seine Leiche gehen würde, um die TV-Millionen zu retten.

Ähnlich ausweglos: Vor kurzem noch wurde den Profis vorgeworfen, unter ihnen fehlten „Typen“, alles sei weichgespült und unauthentisch. Wenn heute unser Stürmer Mark Uth ehrlich antwortet, dass zehn Tage quarantäne-ähnlicher Aufenthalt im Hotel für Spieler mit schwangeren Frauen oder kleinen Kindern nicht so toll sind, dann ist Authentizität nicht mehr gefragt. Dann wird den Spielern „Mimimi“ vorgeworfen oder vorgerechnet, wie viele Sterne das leere Hotel hat, in dem sie untergebracht sind. Kaum jemand hinterfragt, für welche andere Berufsgruppe eine Quasi-Quarantäne von nachweislich nicht mit Corona Infizierten als Voraussetzung dafür festgelegt worden wäre, dass sie ihrer Arbeit nachgehen dürfen. Denn darum geht es: Gibt es Gründe des Infektions- und Arbeitsschutzes, die dagegen sprechen, dass Fußballer Fußball spielen?

Eine so nüchterne Betrachtung musste sich der Fußball nun verdienen. Dass in diesem Geschäft viel Geld nicht immer sinnvoll bewegt wird, dass Stars reich werden, während deren ehemalige Betreuer weiter Ehrenamtler sind, dass einst stolze Clubs von der Hand in den Mund leben, während neureiche Konstrukte um die Titel spielen – all dies kann man kritisieren. Aber was hat das mit Corona zu tun? Niemand hat die Wiedereröffnung von Friseursalons mit der Einschränkung verknüpft, die Geschäftsmodelle von Friseursalonketten grundsätzlich neu aufzustellen.

Für den Spielbetrieb werden niemandem Tests weggenommen. Das Risiko, sich während der 90 Minuten anzustecken, ist Studien zufolge gering – und wird dadurch minimiert, dass alle Spieler ständig getestet werden. Die Test-Ergebnisse sowie Antikörpertests stehen der Wissenschaft zur Verfügung und ergeben eine einzigartige Studie im Kampf gegen das Virus. Dass in der öffentlichen Wahrnehmung und selbst bei einigen Sportjournalisten viele solcher Argumente nicht angekommen sind, ist bitter. Aber wer PR macht, muss ertragen können, nicht gehört zu werden. So wie man in Pressemitteilungen Kompromisse eingehen und auf Interessen Rücksicht nehmen muss, die Journalisten oder Fans egal sein dürfen.

Es ist eine Begleiterscheinung der aktuellen Lage, dass jeder Bundesligist irgendwie für die ganze Liga steht und für sie spricht. Das ist auch für uns Club-Kommunikatoren neu. Daher mit aller Zurückhaltung: Vielleicht hätten wir eine Kampagne mit jenen machen sollen, die mit ihren Familien von der Bundesliga leben. Mit Lohnbuchhalterinnen. Aushilfen im Fanshop, Greenkeepern. Aber hätte das gepasst in einer Zeit, in der so viele Menschen um die Existenz bangen? Ich finde es passender, dass die Bundesliga einen anderen Weg gewählt hat. Klassische Sportkommunikation hätte versucht, die Herzen der Menschen zu erobern. Um die Saison im Notbetrieb zu Ende spielen zu dürfen, war die Zustimmung derjenigen das Wichtigste, die entscheiden müssen: Politik und Behörden.

Als Konsequenz aus und nach der Krise auch dieses Geschäft zu hinterfragen, ist richtig. Aber wenn ich von rücksichtslosem Profifußball oder einem Spiel mit der Gesundheit lese, ist mir das sehr fremd. Weil mein Alltag anders aussieht. Ich bin froh, beim 1. FC Köln zu arbeiten, wir halten zusammen und schauen über den Tellerrand. Dank des Gehaltsverzichts von Führungskräften und Profis haben alle Kollegen in Kurzarbeit ihr volles Gehalt bekommen. Wer durch die Krise nicht arbeiten kann, hilft ehrenamtlich bei Projekten unserer Stiftung für Bedürftige. Alle, die unmittelbar mit den Spielern zu tun haben, werden auf Kosten der DFL und des Clubs regelmäßig auf Corona getestet. Wer kann all dies gerade über seinen Arbeitgeber sagen? Ähnliches gilt für die Branche. Jeder Bundesliga-Pressesprecher findet jederzeit unter den 35 Kollegen Unterstützung und Rat. Trotz der Konkurrenz untereinander kann der Fußball gemeinsam und hoffentlich aus eigener Kraft die Krise meistern. Sicher ist es längst noch nicht. Dasselbe gilt für viele andere, mit denen wir zum weiten Feld der Freizeitbranche gehören: Kneipen, Restaurants, Messen, Theater oder Künste.

Glücklicherweise entscheiden hierzulande Politiker und Experten auf der Grundlage der verfügbaren Fakten. Anders wäre Deutschland nicht so gut durch die Krise gekommen. Das war die Voraussetzung dafür, dass der Profifußball mit seinem Konzept eine faire Chance bekommen hat. Keine Vorzugsbehandlung, sondern eine faire Chance.

Aber gerade weil wir so abhängen von einem funktionierenden System mache ich mir Sorgen darüber, wie wir momentan Debatten führen. Die Dauerempörung und der ständige Wunsch, den Andersdenkenden auf allen Ebenen vernichten zu wollen, sind unerträglich. In solchen Zeiten bleibt PR scheinbar nur der Ausweg über Extreme. Entweder, wir kommunizieren chemisch gereinigt und nur mit dem Ziel, bloß niemandem zu nahe zu treten. Oder wir folgen dem erschreckend erfolgreichen Konzept Donald Trump: Wir wenden uns nur an das treue Publikum – ohne den leisesten Versuch zu unternehmen, außerhalb der eigenen Wagenburg verstanden zu werden. Beide Wege führen in die Irre. Der Fußball hat einen grundlegenden Wert, an dem zu orientieren uns allen vielleicht guttäte. Fairness.

 

 
 

Kommentare

Treffender kann man das Thema nicht überbringen. Diesen Spagat müssen andere Branchen erst einmal hinbekommen. Herzlichen Dank


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