Eingriffe bei Interview-Autorisierungen häufen sich. (c) Getty Images / natasaadzic
Eingriffe bei Interview-Autorisierungen häufen sich. (c) Getty Images / natasaadzic
Gabor Steingart vs. „Journalist“

Keine Interview-Autorisierung? Kein Problem!

Ex-„Handelsblatt“-Chef Gabor Steingart gab dem „Journalist“ ein Interview – und verweigerte dann die Autorisierung. Das Medienmagazin fand jedoch eine kreative Lösung aus der Misere.
Aus der Redaktion

Der Journalistenberuf ist für viele ein Traumjob – temporeich, kreativ, immer am Puls der nächsten Story. Die Realität sieht jedoch oft anders aus. Ein spezielles Ärgernis: Interviewpartner, die die übliche Autorisierungsschleife als Einladung sehen, sich selbst noch einmal schriftstellerisch an dem Text abzutun. Mit einem solchen Fall sah sich jüngst auch Catalina Schröder, Autorin des Medienmagazins „Journalist“, konfrontiert.

Im September führte Schröder ein Interview mit dem Ex-Handelsblatt-Chef Gabor Steingart. Unter anderem sprach sie mit dem als meinungsstark bekannten Medienmacher über sein Ausscheiden aus dem Holzbrinck-Verlag, seine Pläne zur Gründung eines neuen Medienunternehmens sowie seine Haltung als Journalist. So weit, so alltäglich.

Im Anschluss sollte Steingart – wie vereinbart – das Interview zur Veröffentlichung freigeben. Wohlgemerkt: Der Autorisierungsprozess ist für Medien nicht verpflichtend. Rechtlich gilt grundsätzlich das gesprochene Wort. Im vorliegenden Fall blieb die Autorisierung durch Steingart jedenfalls aus. Stattdessen schrieb dieser seine Antworten um, griff sogar in die Fragen der Autorin ein. Schließlich ließ Steingart über seinen Anwalt mitteilen, dass er seine im Rahmen des Interviews getätigte Aussagen komplett zurückziehe.

Zwischen den Zeilen lesen

Was also tun? Der „Journalist“ ließ sich durch die unschöne Wendung nicht aus der Ruhe bringen und fand eine recht kreative Lösung für das Dilemma. Kurzerhand veröffentlichte das Magazin das Interview trotzdem auf seiner Webseite – allerdings ohne Steingarts Antworten.

Auf den ersten Blick mutet das Ergebnis zwar wie eine Passage aus einem absurden Theaterstück an. Schröders Frage ist jeweils in Gänze dokumentiert; wo eigentlich Steingarts Antwort stehen sollte, klafft jedoch stets ein auffälliges Loch. Trotzdem ist die Lektüre nicht ganz ohne Wert. „Auch so kann man viel über Gabor Steingart und seine journalistische Haltung erfahren“, wie das Magazin in einem einleitenden Absatz erklärte.

Insgesamt hätte ein wenig Kontext dem Interview sicher nicht geschadet. In Ermangelung anderer Optionen hat der „Journalist“ jedoch wohl das bestmögliche Vorgehen gewählt: Demonstration journalistischer Integrität auf der einen Seite (und das Fehlen der solchen auf der anderen), gepaart mit der Generierung von Aufmerksamkeit.

Zwar stellt die Autorin an einigen Stellen durchaus kritische Nachfragen. Warum genau Steingart das Interview jedoch partout nicht freigeben wollte, wird nicht ganz klar. Massive Eingriffe in Interviewtexte sind heute leider keine Seltenheit mehr. Immer öfter ginge es darum, „für den Interviewten genehme Gespräche zu veröffentlichen“, so der DJV-Bundesvorsitzende Frank Überall. Umso wichtiger sei es, dass führende Köpfe der Medienwelt mit gutem Beispiel vorangingen.

 

 
 

Kommentare

"Das Medienmagazin fand jedoch eine kreative Lösung aus der Misere." Fand es? Ich denke, es ist nur eingeschränkt kreativ, wenn man auf zahlreiche Vorbilder zurückgreifen kann (u.a. Wirtschaftsminister Philipp Rösler in der TAZ/September 2013, Ex-AfD-Chef Bernd Lucke im "Westfalen-Blatt"/2014, SPIEGEL-Chef Klaus Brinkbäumer in Planet Interview/Juli 2018, und kürzlich erst AfD-Spitzenkandidat Björn Höcke in der "Thüringer Allgemeine"/Oktober 2019). Wenn schon keine kreative, so hat das Magazin doch wenigstens eine gute Lösung gefunden...

Das Handelsblatt selbst hat diese Technik schon angewendet: nach einem Gespräch mit Baudoin Prot, dem Chef der BNP. Erscheinungstermin: 12.10.2011. Chefredakteur: na, raten Sie mal...


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