Bei Bayer-Hauptversammlungen demonstrieren regelmäßig NGOs und Aktivisten. Für Medien ein beliebter Aufhänger für ihre Berichterstattung. (c) picture alliance/SvenSimon/Malte Ossowski
Bei Bayer-Hauptversammlungen demonstrieren regelmäßig NGOs und Aktivisten. Für Medien ein beliebter Aufhänger für ihre Berichterstattung. (c) picture alliance/SvenSimon/Malte Ossowski
PR und Medien

Kein Interesse an der Gegenthese

Christian Maertin wirft Journalisten vor, dass sie immer seltener an Themen unvoreingenommen herangehen. Die Sicht von Unternehmen kommt ihm zu kurz. NGOs seien überrepräsentiert. Die Bayer-Kommunikation ändert deshalb ihre Strategie: Sie will künftig Fragenkataloge nicht mehr jedes Mal mit mehreren Seiten beantworten, sondern häufiger nur noch wenige Sätze liefern, die als griffige Zitate dienen.
Christian Maertin

Die Frage ist so alt wie Journalismus und PR selbst: Wie gestaltet man die Beziehung zwischen beiden Parteien trotz grundsätzlich unterschiedlicher Interessen so, dass sie zu gegenseitiger Zufriedenheit oder gar Wertschätzung führt? In der letzten Ausgabe des „pressesprecher“ haben vier Kolleginnen und Kollegen dazu ihre Position beschrieben. Es war die Rede von gegenseitigem Vertrauen, Fairness und dem Appell, sich gegenseitig professionell zu begegnen.

Als ehemaligem Journalisten spricht es mir aus dem Herzen, wenn Andreas Möller, Leiter der Unternehmenskommunikation von Trumpf, davon spricht, dass ihm „angst und bange wird“, wenn er an den Tag denkt, an dem es einen anspruchsvollen Journalismus, gemacht von „altgedienten und fachlich versierten“ Journalisten, vielleicht nicht mehr geben wird. Er hat völlig recht. Ich vermisse das Bewusstsein für die gesellschaftliche Bedeutung eines kritischen und unabhängigen Journalismus in der PR seit langem.

Zugleich muss es aber auch erlaubt sein, Dinge offen anzusprechen, wenn zumindest in Teilen des Journalismus etwas grundsätzlich falsch läuft. Anfang September habe ich auf Linkedin die häufig voreingenommene und einseitige Recherchepraxis insbesondere von TV-Magazinen kritisiert. Die positiven Reaktionen vieler Kommunikatoren und vereinzelter Journalisten zeigen, dass ich hier einen Nerv getroffen habe.

Um eines deutlich zu sagen: Meine Kritik richtet sich nicht gegen kritische Berichterstattung. Es ist die Aufgabe von Journalisten, das Handeln aller gesellschaftlichen Gruppen skeptisch und mit Distanz zu hinterfragen. Wenn ich allerdings von „allen“ spreche, dann sind wir schon beim Kern des Problems: Mein Eindruck ist, dass genau dieses Grundprinzip des Journalismus immer weniger gilt. Besonders deutlich erkennt das, wer sich anschaut, wie führende Redaktionen es inzwischen regelrecht zum Geschäftsmodell erhoben haben, sich mit den vermeintlich „Guten“ zusammenzutun, um die vermeintlich „Bösen“ an den Pranger zu stellen.

So geschehen zum Beispiel beim „Spiegel“, der gemeinsam mit der hoch umstrittenen Umwelthilfe Abgaswerte von Opel-Fahrzeugen recherchierte. So geschehen im vergangenen Jahr beim SWR, der eine kritische Reportage über das Netzwerk des Bauernverbands drehte – gestützt fast ausschließlich auf eine vom Naturschutzbund (NABU) finanzierte Studie. Und so geschehen bei „Monitor“, wo die Redaktion allein in diesem Jahr zwei Mal kritische Beiträge zu Pflanzenschutzmitteln recherchierte, deren „exklusiver“ Aufhänger Erkundungen der Anti-Pestizid-Aktivisten von Greenpeace, Public Eye und PAN waren. Greenpeace betreibt für diese Art von Zulieferdiensten mit Unearthed übrigens eine eigene „unabhängige Plattform für investigativen Journalismus“. 

Da wundert es auch nicht, dass der preisgekrönte Investigativ-Journalist Mark Lee Hunter schon seit Jahren die Ansicht vertritt, dass sich Journalisten für Recherchen durchaus von Lobbyorganisationen bezahlen lassen dürften: „Die Frage ist nicht mehr, ob, sondern wie investigative Reporter mit NGOs zusammenarbeiten können. Wenn wir uns im Krieg befinden, brauchen wir Verbündete, die unsere Ziele und Werte teilen.“

Journalismus kann nicht neutral sein

Ich teile übrigens vollkommen die Überzeugung vieler Medienmacher, dass Journalismus niemals neutral sein kann – und auch nicht sein sollte. Was wären das für todlangweilige Beiträge, die wir Tag für Tag lesen, sehen und hören müssten, wenn unser Anspruch an Journalisten wäre, nur noch nüchterne Fakten abzubilden, eigene Eindrücke, Gefühle und Interpretationen aber wegzulassen. Nein, Journalismus darf nicht neutral sein. Aber: Er muss unvoreingenommen sein. Und: Er muss den Anspruch haben, das Zeitgeschehen nicht nur aus einer, sondern aus verschiedenen Perspektiven abzubilden.

Sehen wir mal vom grundsätzlichen Streben nach Frieden, Freiheit und Demokratie ab, verdient und erfordert fast jedes Thema, gesellschaftlich kontrovers diskutiert zu werden. Zu fast jeder These gibt es auch eine legitime Gegenthese. Kommt Journalismus seiner Pflicht nicht mehr nach, unterschiedliche Blickwinkel einzunehmen, läuft er Gefahr, die Komplexität der Welt in gefährlichem Ausmaß zu vereinfachen. Wird täglich nur darüber berichtet, wie schön und bequem Weg A zum Ziel führt, kommt schließlich kaum mehr jemand auf die Idee, dass Weg B, C oder gar eine Kombination aus verschiedenen vielleicht die bessere Wahl gewesen wäre.

Bestes Beispiel: Fast täglich predigen uns Redaktionen, wie wichtig und richtig es ist, auf chemische Pflanzenschutzmittel zu verzichten und biologisch angebaute Lebensmittel zu kaufen. Dass diese Empfehlung, konsequent umgesetzt, mit dramatischen Ernteeinbußen und Ertragsrückgängen einherginge, während zugleich die Zahl hungernder Menschen dramatisch stiege – kaum jemand nimmt es zur Kenntnis.

Es mag auch dem wirtschaftlichen Druck, dem Zwang zu eingängigen Thesen und zur Schnelligkeit im Journalismus geschuldet sein, dass mir Kolleginnen und Kollegen immer wieder erzählen, was auch wir zunehmend erleben: Der Wunsch nach echter, ergebnisoffener Recherche wird seltener.

Dagegen häufen sich extrem kurzfristige Anfragen, bei denen schnell klar ist, dass die Geschichte längst steht und der Anruf nur dazu dient, sich journalistisch nicht angreifbar zu machen. Die Erfahrungen der vergangenen Jahre haben mich gelehrt: Es macht in solchen Fällen keinen Sinn, tagelangen Aufwand in die Beantwortung umfangreicher Fragenkataloge zu investieren, wenn wir am Ende sowieso nur mit einem oder zwei Sätzen zitiert werden.

Eine Antwort gibt es immer

Unser Prinzip heißt daher: Eine Antwort gibt es immer – immer häufiger allerdings kurz zusammengefasst in wenigen Sätzen, mit denen wir gerne zitiert werden wollen. Ähnliches gilt auch für TV-Interviews. Natürlich geht das Management von Bayer vor die Kamera. Voraussetzung ist allerdings, dass es ein ehrliches und wirklich aufrichtiges Interesse an unserer Perspektive gibt.

Zugleich ist und bleibt es eine der obersten Aufgaben von PR-Verantwortlichen, für eine faire Berichterstattung zu kämpfen. Ich appelliere daher regelmäßig an Journalisten: Hinterfragen Sie alle Akteure gleich kritisch! Machen Sie sich die Mühe, komplexe Themen unvoreingenommen anzugehen! Fordern Sie uns auf der Basis wissenschaftlicher Fakten heraus! Bei Bayer danken wir es dann mit einem offenen, intensiven und vertrauensvollen Dialog.

 

 
 


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