Pressesprecher übernehmen im Berufsalltag vielfältige Rollen. (c) Getty Images/Sergey_Nivens
Pressesprecher übernehmen im Berufsalltag vielfältige Rollen. (c) Getty Images/Sergey_Nivens
Kommunikator, Organisator, Moderator

Tausendsassa Pressesprecher

In Kommunikationsabteilungen landen oft Projekte, die auf den ersten Blick nichts mit den Kernaufgaben zu tun haben. Für die Mitarbeiter bedeutet das: Sie müssen Allrounder sein – und sie finden sich immer öfter auch auf der Bühne wieder.
Carola Hug

Dass Urban Gardening zu den Kernkompetenzen von Tim Proll-Gerwe zählt, lässt sich nicht gerade behaupten. Und doch beschäftigte sich der Pressesprecher von Thyssenkrupp vergangenen Sommer beruflich intensiv mit Kräutern, Blumen und Gräsern – mit urbanem Gärtnern eben. Grund für den Ausflug in die Botanik war ein Projekt seines Unternehmens im Rahmen der EU-Initiative „Grüne Hauptstadt Europas“ in Essen.

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Anstatt nur als Sponsor aufzutreten, hatte sich Thyssenkrupp dazu entschlossen, ein ganzes Areal zu begrünen. Unverhofft fand sich Proll-Gerwe in diesem Kontext auf der Bühne wieder: Er moderierte die große Abschlussveranstaltung. Für den Juristen war es Neuland, im Alltag ist er vornehmlich für die Recht- und Compliance-Kommunikation des Konzerns zuständig.

Proll-Gerwe nahm es gelassen. Er meint: „Für uns Pressesprecher sind solche Moderationen eine gelungene Abwechslung. Sie haben den Vorteil, dass man sich in fremde, aber interessante Themen einarbeiten muss.“

Für viele seiner Berufskollegen gehört die Moderation von Events – abseits von Pressekonferenzen oder Medienveranstaltungen – mittlerweile zum Arbeitsalltag. Es sind Zusatzaufgaben, die in Kommunikationsabteilungen immer mehr zuzunehmen scheinen.

All inclusive: von Catering bis Hotelbuchung

Der Pressesprecher als Tausendsassa, der auf jedem Terrain zu Hause ist? Hermann Hofmann findet, das hat seinen Reiz. „Wir fördern das aktiv und loggen uns in laufende Projekte ein. Schließlich sind wir im Haus die Spezialisten und beraten die Fachabteilungen. So vermeiden sie auch Fehler in Sachen Kommunikation“, sagt der Leiter der Konzernkommunikation bei Sandoz Deutschland. In dem Pharmaunternehmen übernimmt er mit seiner Abteilung dann manchmal gleich das ganze Projekt – beispielsweise ein jährliches großes Mitarbeiterevent.

Das geht weit über die Planung der Inhalte hinaus. Von der Auswahl des Caterings bis hin zur Hotelbuchung liegt alles in der Hand der Kommunikationsabteilung. Es sind Aufgaben, die sonst eigentlich ein Eventmanagement erledigt. Doch für Hermann Hofmann gehört das dazu: „Events und die dazugehörige Moderation haben ein ganz klares Kommunikationsziel und gehören damit in unseren Bereich.“

Kommunikatives Navigationssystem

Auch für Silvana Herold, Leiterin der Unternehmenskommunikation beim Versicherer Axa, ist der generalistische Ansatz wichtig. Sie beobachtet, dass in den vergangenen Jahren die Grenzen zwischen den Aufgabengebieten der einzelnen Bereiche verschwimmen. Diese Entwicklung sei aber keine Einbahnstraße. Nicht nur die Kollegen der Kommunikationsabteilung stellen sich neuen Herausforderungen. Auch die Mitarbeiter anderer Abteilungen beschäftigen sich zunehmend mit Kommunikation. „Die Digitalisierung ermöglicht, dass jeder Einzelne zum Kommunikator und damit zum Corporate Influencer wird. Aber nur die Unternehmenskommunikation hat den übergeordneten Blick über Stakeholder und sollte daher immer mit im Boot sein.“

Oder wie es Hermann Hofmann von Sandoz ausdrückt: „Wir sind das kommunikative Navigationssystem des Unternehmens.“ Und statt nur die Richtung in Sachen Kommunikation vorzugeben, rudern seine Mitarbeiter eben manchmal mit.

Entertainerqualitäten dank Internet

Silvana Herold glaubt, dass die Digitalisierung weitere Effekte hat, die nicht nur bei Axa die Kommunikationskultur prägen. Viele Mitarbeiter etwa haben inzwischen dank Smartphone-Videos eine gewisse Erfahrung mit Kamerapräsenz. Sie trauen sich dadurch eher zu, auch auf einer größeren Bühne zu moderieren. Das Ergebnis hat dann gar nicht den Anspruch auf Perfektion.

In den sozialen Medien sind Spontaneität und Individualität gefragt. Herold glaubt, dass Versprecher und Nervosität nicht nur verziehen werden, sondern positive Akzente setzen. „Pressesprecher sind zwar keine perfekten Moderatoren, wirken dafür aber authentisch und genießen eine besondere Glaubwürdigkeit, weil sie Teil des Teams sind“, sagt sie. Herolds Meinung nach ein klarer Vorteil gegenüber einem externen Moderator. Denn der hat sich das Fachwissen nur angelesen.

Aus diesem Grund ermuntert auch Hermann Hofmann die Mitarbeiter seiner Abteilung zum Einsatz auf der Bühne. Sogar dann, wenn das Thema seine Abteilung gar nicht direkt betrifft. „Wir sind ja die Spezialisten in Sachen Storytelling. Wenn wir Sachverhalte und Inhalte vermitteln, hat es ein Maximum an Effekt.“

Auch der Sandoz-Sprecher glaubt, dass Authentizität wichtig ist. Sein Prinzip lautet deshalb „Learning by Doing“. Speziell geschult werden seine Mitarbeiter für die Moderation nicht.

Tim Proll-Gerwe von Thyssenkrupp ist ebenfalls ins kalte Wasser gesprungen. Er sieht seinen Einsatz auf der Bühne als willkommenen Stress-Test: „Das ist ein gutes Training für Spontaneität in Interviewsituationen. Mir hat das großen Spaß gemacht!“ Der Blick über den Gartenzaun hat sich für ihn also gelohnt.

 

Zehn Tipps für Moderations-Laien

 

1. Bleiben Sie authentisch! 
Verstellen Sie sich nicht und spielen Sie keine einstudierte Rolle!


2. Verzeihen Sie sich Fehler! 
Gerade in Zeiten von Youtube sind Zuschauer Auftritte gewohnt, die nicht ganz perfekt sind.


3. Achten Sie auf Ihre Körpersprache! 
Suchen Sie einen festen Stand, binden Sie Ihre Hände mit lockerer Gestik ein.
Suchen Sie Blickkontakt möglichst in jedem Bereich des Publikums.


4. Bewegen Sie sich – aber sparsam! 
Bewegung hilft erfahrungsgemäß gegen Nervosität. Aber bitte langsam und dosiert.


5. Benutzen Sie Moderationskarten! 
Notieren Sie nur Stichpunkte und Schlagwörter, niemals die gesamte Moderation,
um sie abzulesen.


6. Machen Sie Pausen! 
Pausen sind extrem wichtig für die Spannung, fühlen sich für den Moderator aber leider oft länger an, als sie sind.


7. Sprechen Sie langsam, verwenden Sie Alltagssprache und nennen Sie
nicht zu viele Zahlen!
 
Sie überfordern sonst das Publikum mit zu vielen Informationen.


8. Machen Sie beim Üben Videoaufzeichnungen! 
Das bringt mehr, als vor dem Spiegel zu proben.


9. Bauen Sie gleich zu Beginn eine Geschichte in Ihre Moderation ein,
überraschen Sie mit Vergleichen oder bringen Sie ein Gimmick mit auf die Bühne!
 
So fesseln Sie die Aufmerksamkeit der Zuhörer von Anfang an.


10. Enden Sie mit einem Appell oder einem Gedanken! 
Er wird das Publikum auch nach Ende der Moderation noch beschäftigen.

 

 

 
 

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