(c) Getty Images/SergeyNivens
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Psychologe René Proyer über Spaß bei der Arbeit

„Karaoke mit Kollegen? Die Hölle!“

Psychologe René Proyer über echten und verordneten Spaß im Job und die acht Arten von Humor.
Anne Hünninghaus

Herr Professor Proyer, arbeiten wir effizienter, wenn wir Spaß an unserem Job haben?

René Proyer: Spaß bedeutet, dass positive Emotionen geweckt werden, wie Freude, Interesse oder Zufriedenheit. Geschieht das bei der Arbeit, wirkt sich dieser Zustand motivierend aus und setzt Ressourcen frei. Freude kann uns produktiver und konzentrierter machen. Wenn wir unter Spaß allerdings verstehen, dass alle dauerhaft in Karnevalsstimmung sind und eine Polonaise durchs Unternehmen tanzen, lenkt das natürlich ab und hemmt die Produktivität. Generell ist die noch immer verbreitete Vorstellung, dass Spaß in die Freizeit und Ernsthaftigkeit ins Berufsleben gehört, eine künstliche Dichotomie.

Was bedeutet das für Arbeitgeber und Führungskräfte?

Für viele heißt das, sie sollten in puncto Spaß einen Kulturwechsel anstreben, auch in ihrem eigenen Sinne. Ich war an mehreren Studien beteiligt, in denen es darum ging, welchen Einfluss Verspieltheit im Erwachsenenalter auf innovatives Denken hat. Diese haben bestätigt, dass uns ein spielerisches Herantasten an Probleme kreativer macht. Wenn ich Firmenchefs diesen Rat gebe, verdrehen die allerdings oft die Augen, nach dem Motto: „Ich brauche keinen Kasper in meinem Team, sondern ernsthafte Leute.“ Um innovativ zu sein, muss man in der Lage sein, intellektuell auszubrechen. Es geht darum, Szenarien gedanklich durchzuspielen – das darf Spaß machen. Nur so kommt man auf unkonventionelle Lösungen. Auch in einem Meeting darf gelacht werden. Wenn Sie im gemeinsamen Brainstorming feststecken, sollten Sie etwas Überraschendes oder Unkonventionelles sagen oder tun. Das kann helfen.

In der New Economy sind spielerische Herangehensweisen an Probleme bereits weit verbreitet. Bei der jungen Generation scheint es ein Umdenken zu geben – zumindest im kreativen Bereich.

Diesen Wandel sehe ich grundsätzlich positiv. Es ist gut, dass es inzwischen erlaubt ist, auch bei ernsthaften Tätigkeiten Spaß zu empfinden. Wir sind keine Roboter, die einer Tätigkeit mit vollem Fokus acht, neun Stunden am Tag nachgehen können. Auch im OP-Saal sprechen Ärzte und Helfer zwischendurch mal über Fußball oder tauschen Klatsch und Tratsch aus – auch wenn man sich als Patient wünschen würde, dass der Chirurg sich stundenlang nur auf seine Arbeit konzentriert. Das kennen wir alle: Um mit Belastungen fertig zu werden, müssen wir uns zwischendurch ablenken. Spaß sorgt für eine gewisse Entspannung und die brauchen wir, um unsere Aufgaben bewältigen zu können. Kritisch wird es, wenn Spaß von oben verordnet wird.

Was passiert, wenn der Chef seine Mitarbeiter zu Spaß zwingen möchte?

Das hat negative Effekte und kann zu Abwehrreaktionen führen. Wenn ich nur über eine Rutsche in mein Büro komme, würde mir das irgendwann furchtbar auf die Nerven gehen. Oder wenn jeder zu Beginn einer Gesprächsrunde erst einmal eine witzige Anekdote erzählen soll – das gibt es ja tatsächlich. Viele Menschen fühlen sich in solchen Situationen extrem unbehaglich. Es ist ein guter Schritt, Mitarbeitern Freiräume zu geben. Aber es darf kein Pflichtprogramm sein. Nicht jedem ist gleichermaßen wohl dabei, Persönliches preiszugeben.

Zum Prototyp eines Start-ups gehört zwangsläufig ein Kicker, in manchen Büros gibt es sogar Schaukel oder Bällebad. Ist es klug, den Mitarbeitern solche Spaß-Hilfsmittel zur Verfügung zu stellen?

Das ist tatsächlich eine gute Idee. Der Kicker gefällt mir in der Aufzählung am besten, weil man miteinander spielt und es einen Austausch gibt. Auch dem hartgesottensten Vorstandsvorsitzenden sollte inzwischen klargeworden sein, dass kein Mitarbeiter von morgens bis abends hochkonzentriert und ohne Ablenkung arbeitet. Ein Kicker auf dem Flur oder in einem Gemeinschaftsraum kann bewirken, dass wir nicht immer mit denselben Menschen unsere Zeit verbringen, sondern auch mit Kollegen aus anderen Abteilungen. Auch hier gilt das Gebot der Freiwilligkeit: Die Forderung, „jeder muss täglich eine halbe Stunde ins Bällebad, um dann mit kreativen Ideen wieder herauszukommen“, wäre nun wirklich nicht zielführend.


Acht Humorstile

 

  1. Spaß (scherzhaft, gut gelaunt)

  2. Witz (spontan, geistreich)

  3. Humor (wohlwollend)

  4. Nonsens (spielerisch, sinnfrei)

  5. Ironie (das Gegenteil sagen von dem, was man meint)

  6. Satire (korrektiv ggü. Missständen)

  7. Sarkasmus (kritisierend, bissig)

  8. Zynismus (spöttisch, verhöhnend)


Eine solche Ansage ist wahrscheinlich selten. Aber gerade auf Firmenevents kommt es vor, dass Mitarbeiter zu Spaßaktionen gedrängt werden. Sei es die Karaoke-Veranstaltung auf der Weihnachtsfeier, seien es Kennenlernspiele mit neuen Kollegen …

In der differentiellen Psychologie unterscheiden wir Ausprägungen von Persönlichkeitsmerkmalen, zum Beispiel Offenheit für neue Erfahrungen oder Extraversion. Geselligen Extravertierten fällt es leichter, solche Späße mitzumachen, als Introvertierten, für die das die sprichwörtliche Hölle ist. Wenn ich auf einer Firmenfeier zum Karaoke-Singen gezwungen würde, wäre ich spontan krank. Und ich mache nie blau.

Ich verstehe den Gedanken dahinter, ein inklusives Element schaffen zu wollen und außerhalb des Arbeitskontexts gemeinschaftliche Dinge zu unternehmen. Anbieten und ermöglichen sollten Arbeitgeber solche Aktionen unbedingt. Wir profitieren davon, gemeinsam positive Erinnerungen zu erschaffen. Wenn ich bei solchen Events mit der Kollegin aus der Buchhaltung ins Gespräch komme, mit der ich vorher nie etwas zu tun hatte, werde ich sie später eher anrufen, wenn ich eine Frage habe. Das zusammen Erlebte schafft einen netteren Gesprächseinstieg.

Gibt es humorlose Menschen?

Wir unterscheiden acht verschiedene Humorstile (siehe Kasten, Anm. d. Red.). Aus wissenschaftlicher Sicht hat jeder Mensch für jeden dieser Stile eine hohe bis niedrige Empfänglichkeit. Einen ganz humorlosen Menschen, der weder Ironie noch Nonsens witzig finden kann, gibt es vermutlich nicht. Humor drückt sich dabei aber nicht nur darüber aus, ob jemand selbst witzige Kommentare produziert, sondern auch, worüber er lacht.

Selbstsicht und Fremdwahrnehmung müssen nicht übereinstimmen: Oft werden Menschen, die sich wahnsinnig witzig finden, von anderen überhaupt nicht so wahrgenommen. Das Phänomen kennen wir alle von jeder größeren Familienfeier. Auf der anderen Seite gibt es Menschen, die sich selten humorvoll äußern und wenig lachen, weil sie ängstlich oder zurückhaltend sind. Zu den unterschiedlichen Präferenzen kommt aber auch unsere temperamentelle Verfassung: Wer heiter gestimmt ist, wird in den meisten Fällen eher zu Witzen aufgelegt sein. Wobei Humor und Spaß nicht zwangsläufig verknüpft sind. Sarkasmus beispielsweise hat mit guter Laune nichts zu tun.

Kann schwarzer Humor in Krisenzeiten ein Team zusammenschweißen, das sich beispielsweise ungerecht behandelt fühlt?

Ich würde nicht in einem Team arbeiten wollen, in dem hauptsächlich sarkastische oder zynische Humorstile vertreten sind. Auch wenn ich die Ventilfunktion darin erkenne und es Situationen geben kann, in denen diese Arten von Humor durchaus angebracht sind. Auf eine ganz konkrete Moralverletzung kann man kaum anders reagieren, als sich sarkastisch zu äußern. Man kann sarkastische Bemerkungen als Versuch der Korrektur verstehen von etwas, das objektiv gesehen schiefläuft, zum Beispiel einer Ungerechtigkeit.

Statt mich permanent mit aggressivem Humor zu umgeben, würde ich dennoch lieber mit Menschen arbeiten, die ironisch kommentieren, in der Schärfe und Bissigkeit also eine Stufe darunterbleiben. Denn Zynismus ist zweischneidig, er kann kurzfristig entlasten, langfristig aber noch weiter in die Frustration führen, besonders wenn man sich im Team gegenseitig hochschaukelt.

Warum brauchen wir Humor gerade in Krisen und Umbruchszeiten so dringend?

Wenn großer Druck empfunden wird, zum Beispiel eine Deadline bevorsteht, hilft Humor dabei, neue Kraft zu schöpfen. Wir nutzen ihn als Abwehrmechanismus gegen Stress und Angst, stellen eine Distanz her zum akuten Problem.

Der Psychologe Willibald Ruch, mit dem Sie gemeinsam geforscht haben, bezeichnet Freude als mächtigste Antagonistin der Angst.

Dem stimme ich zu, das fasst den Mechanismus gut zusammen. Schlimm finde ich allerdings Sprüche wie „Lachen ist die beste Medizin“. Das glaube ich überhaupt nicht. Wenn ich krank bin, nehme ich lieber Penicillin. Habe ich, zum Beispiel nach einem Unfall, etwas Abstand gewonnen, tut es gut, darüber zu lachen, wie es dazu kam. Das kann positive Emotionen wecken und Anspannung bekämpfen. Das kennen wir auch aus Meetings oder Vorstellungsgesprächen: Ab dem Zeitpunkt, zu dem man gemeinsam über etwas lachen kann, ist die Stimmung gelöst, wir entspannen uns. Einen solchen Moment bewusst herzustellen, ist aber schwierig. Es ist eine Frage der Identifikation, ob man über dieselben Dinge lachen kann oder nicht.

Spaß mit Kollegen ist ein Faktor, Spaß an der Arbeit garantiert er aber noch nicht. Verspüre ich eher Freude, wenn ich tue, worin ich sicher bin, oder wenn ich mich aus meiner Komfortzone herauswage?

Wenn Sie komplett überfordert sind in dem, was Sie tun, werden Sie wenig Spaß an Ihrer Tätigkeit haben. Dasselbe gilt, wenn Sie sich langweilen und unterfordert sind. Sind Sie routiniert und arbeiten an etwas, das Sie gut können, fällt es Ihnen leichter, in die Tagträume abzugleiten – was auch Spaß machen kann. Es lohnt sich also, auf die Extreme zu schauen.

Wenn Sie ins kalte Wasser geschubst werden und eine neue Kompetenz erwerben, hat das auch einen sozialen Effekt. Plötzlich kommen Kollegen auf Sie zu und wollen an Ihrer Expertise teilhaben, das kann Freude in uns auslösen. Hinzu kommt eine situative Komponente. Wenn Sie ein Telefongespräch führen und irgendjemand kommt mit roter Clownsnase herein und ist gerade total lustig drauf, reagieren Sie wahrscheinlich genervt. Verstärkt wird das, wenn Sie ohnehin jemand sind, der eher über einen guten Baudelaire-Spruch lachen kann als über Nonsens-Humor. Es kann aber in anderen Momenten so sein, dass Sie sich über die Ablenkung freuen.


++ Lesen Sie auch: Elf Tipps für mehr Humor in der internen und externen Kommunikation ++

 

 
René Proyer (c) Maike Glöckner
René Proyer
Universität Halle-Wittenberg
Professor für Psychologische Diagnostik und Differentielle Psychologie

René Proyer ist Professor für Psychologische Diagnostik und Differentielle Psychologie. Er lehrt an der Universität Halle-Wittenberg. Zu seinen Forschungsinteressen gehören Verspieltheit im Jugend- und Erwachsenenalter sowie Dispositionen zum Lachen und Ausgelachtwerden. 

 

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