Jurymitglieder geben ihre Bewertung ab (c) Thinkstock/Andrey Popov
Jurymitglieder geben ihre Bewertung ab (c) Thinkstock/Andrey Popov
Glosse

#dpok: Inside the Jury

Am 8. Juni wird wieder der Deutsche Preis für Onlinekommunikation in Berlin verliehen. Jurymitglied Patrick Kammerer hat für uns eine Glosse verfasst, in der er seine Eindrücke von der Juryarbeit und von den Bewerbern mit einem Augenzwinkern schildert.
Patrick Kammerer

Leute, die in Jurys für Kommunikationspreise eingeladen werden, sind auch nur Menschen. Und also genauso eitel oder wurschtig, egoistisch oder hilfsbereit, ehrgeizig oder faul wie alle anderen. Manche lassen sich gleich für mehrere Jurys nominieren und finden dann doch keine Zeit, sich die Einreichungen anzuschauen und zu bewerten. In den entscheidenden Jurysitzungen liegt die eine Hand dann am Kinn, die andere hält das Smartphone und ständige Verbindung zur Außenwelt. Andere haben viel Energie für Posts aus dem Juryraum. Funktioniert: Sie werden immer wieder eingeladen. Manche haben geprägte Visitenkarten. Und diesen würzigen Berlin-Blend aus guter Laune und wichtig-wichtig.

Andere nehmen nur eine Einladung pro Jahr an und gehen dann an mehreren Abenden während der Auswahlphase für die Shortlist alle Bewerbungen sorgfältig durch. Neben ihrem PC, in den sie ihre Bewertungen eingeben, liegen Notizzettel. Die sind vollgeschrieben mit Stichworten zu jeder Einreichung, klar strukturiert nach den Entscheidungskriterien. Deren Visitenkarten nehme ich nach einer Jurysitzung immer mit. Mit solchen Menschen möchte ich verbunden bleiben.

Ich bin als Juror so ein Mittelding. Nur ein paar Jurys im Jahr. Natürlich die wichtigen. Mittel-eitel, mittel-hilfsbereit, mittel-fleißig. Manchmal peinlich: Für eine Jury habe ich mich neulich selbst angedient. Wenn ich zusage, gilt's dann auch. Aber ich brauche oft zwei Erinnerungen, bevor ich am Tag der Deadline mein Votum für die Vorauswahl einreiche.

So war's auch dieses Jahr bei der Jury für den Online-Kommunikationspreis. Ich habe mir in der Auswahl für die Shortlist mehr als 50 Einreichungen in sieben Kategorien angeschaut. Drei Dinge sind mir aufgefallen:

  1. Nach den Einreichungstexten haben nahezu alle Kampagnen oder Projekte die gesetzten Ziele „um ein Vielfaches“ oder wenigstens „ueit übertroffen“. Wenn das fünf Mal der Fall ist: Respekt. Wenn es aber in fünfzig Fällen behauptet wird, sei die Frage erlaubt: Wer ist eigentlich in den Unternehmen mit der Zielsetzung betraut? Ich kann auch zwei Bier schnell hintereinander austrinken. Wetten?
  2. Die Branche tut sich offenbar nach wie vor schwer, Nenas Erkenntnis, „dass sowas von sowas kommt“, in Zahlen zu übersetzen. Ich habe an die hochgezogenen Augenbrauen meines Finanzvorstands gedacht, wenn ich die Bemerkung, „unzählige Nutzer“ hätten positiv auf ein virales Video reagiert, unter dem Erfolgskriterium „Ergebnis und Effizienz“ nicht für ausreichend befunden habe. Einige Ergebnis-Pitches hatte was vom Samstagskracher bei Netto.
  3. Es gilt offenbar das Prinzip „viel hilft viel“. Einigen identischen Bewerbungen bin ich gleich mehrfach begegnet. Etwa als Einreichung für die Strategie des Jahres. Den besten Social-Media-Auftritt. Und den Preis für Storytelling. Nun ist Selbstbewusstsein durchaus hilfreich. Solange es mehrheitlich für gesund empfunden wird. Ich stelle mir eine Personalabteilung vor, der ich drei identische Bewerbungen schicke. Ich möchte die Stelle als Marketingdirektor. Als Kommunikationschef. Und ebenso gut wäre ich als neuer Compliance Officer. Am besten alles drei zusammen. Supi.

Du eitler, miesepetriger Besserwisser! Langsam: Die Juryarbeit hat auch dieses Jahr wieder Freude gemacht. Sehr gute Projekte habe ich gesehen. Viel Kreativität und Leidenschaft. Starke Ergebnisse. Ich war so in Fahrt, dass ich schließlich auch über Einreichungen für zwei weitere Kategorien abgestimmt habe, zu denen die Organisatoren gar nichts von mir wissen wollten. Tut mir leid, wenn der Preis für die „Disruptive Kampagne“ des Jahres nun nicht jemandem zufallen sollte, den ich besser in der Kategorie „Event & Live Experience“ aufgehoben sehe. Womöglich ignoriert das Festkomitee des Veranstalters aber einfach alles, was mir hierzu eingefallen ist. Nichts für ungut.

 

 
 


randbemerkung

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