Der Futurist Ben Hammersley appellierte an die Kommunikatoren, die Debatte über die postdigitale Ära anzuführen. (c) Jana Legler
Der Futurist Ben Hammersley appellierte an die Kommunikatoren, die Debatte über die postdigitale Ära anzuführen. (c) Jana Legler
Keynote von Ben Hammersley

Immer wieder dumme Fragen

Unterhaltsam, amüsant, aber hochrelevant: Wie Keynote-Speaker und Futurist Ben Hammersley über das Zeitalter einer postdigitalen Gesellschaft denkt und welchen Appell er an professionelle Kommunikatoren richtet.
Jens Hungermann

Mindestens zwei Aspekte am Job eines Futuristen sind beneidenswert. Erstens: Kein Beruf hat mehr Zukunft als dieser. Zweitens: Die Leute hören einem zu – weil sie wissen wollen (oder zumindest erahnen), was da kommen wird (oder zumindest: könnte). Insofern ist Ben Hammersley in einer komfortablen Position, wenn er vor ein Publikum wie auf dem Kommunikationskongress tritt, dem man gemeinhin besonders viel Neugier auf künftige Entwicklungen unterstellen darf.

Als „real blockbuster“ war der Engländer vor seiner Keynote zum Abschluss des ersten Kongresstages angekündigt worden. Und tatsächlich erfüllte der 41-Jährige diese Kriterien: unterhaltsam, spannend, lustig – all das war sein Vortrag zum Thema „What happens in a Post-Digital Society?“ Oder anders: Was blüht uns im postdigitalen Zeitalter, wenn wir weiterwurschteln wie bisher?

„Ich quatsch' jetzt 20 Minuten, dann ist Zeit für ein paar Fragen – und danach können Sie sich betrinken gehen“, flachste Hammersley und hatte die ersten von vielen Lachern auf seiner Seite im Kuppelsaal des BCC in Berlin („der hipsten aller Hipster-Städte“). Das englische Wort „Rogue“ auf seinem grauen T-Shirt passte übrigens prima zu ihm. Es kann Schelm bedeuten oder Filou, aber auch Schurke oder Schlaumeier.

Abschied vom Neuland

Am Morgen war der Times-Journalist noch in der Schweiz gewesen auf einer Veranstaltung mit Unternehmern. Wenn man dem Digitalexperten glauben darf, hielt der Trip ebenso amüsante wie erschreckende Begegnungen bereit. „Ein Herr fragte mich: Mister Hammersley, denken Sie, es wäre gut für uns, eine digitale Strategie zu haben?“

Hammersley grinste, als er davon erzählte: „Die Leute stellen noch immer solche Fragen. Über den Sinn einer digitalen Strategie zu reden, ist wie zu fragen: Wie ist deine Sauerstoff-Strategie?“ Ironisch fügte er an: „Also, das Internet wird grooooß werden“ und hielt dann sein Smartphone in die Höhe: „Diese Dinger sind sehr populär unter jungen Menschen.“

Hammersleys Wunsch an die Kommunikatoren im Saal war eindeutig. Sprecht nicht über das Internet, als wäre es etwas Neues, sondern nutzt es! Nutzt die technischen Möglichkeiten, die es längst gibt, und wehrt euch nicht gegen das, was unvermeidlich kommen wird! Zumal die Entwicklung ohnehin unaufhaltsam ist. Tools und Technik würden praktisch jedes Jahr ihre Leistungsfähigkeit verdoppeln.

Als grundsätzliches Problem sieht Hammersley „die Diskrepanz zwischen der digitalen Welt, wie sie heute ist, und der Welt der Regierungen, der Institutionen, der Gesellschaft im Allgemeinen“. Denn die ist, zumal im alten Europa, aus seiner Sicht unendlich langsam. Die Skepsis ob der Begleitumstände digitaler Innovationen – Stichwort Big Data, Datenschutz – irritiert den Futuristen.

Gefordert sind die Kommunikatoren

Ein Beispiel ist die Einführung von Google Street View. Als Hammersley, der mit seiner Familie in Los Angeles lebt, Amerikanern von einschränkenden deutschen Gesetzesvorschriften erzählte, blickten diese ihn verständnislos an: „Aber, das ist neu! Und im Internet! Sie müssen es erlauben in Deutschland.“

Anderes Beispiel: Eine Brille mit Mikrofon und Kamera, mithilfe derer sich ein KI-Sprachassistent wie Alexa per Zuruf kontaktieren ließe. Alexa würde dann ein Produkt nicht nur erklären, sondern es auch sofort ordern und nach Hause liefern lassen. „Im Silicon Valley denken sie: Cool! Aber für den Rest der Gesellschaft ist es eben überhaupt nicht cool.“

So kurzweilig seine Keynote auch war, Hammersleys abschließender Appell an alle professionellen Kommunikatoren regte zum Nachdenken an. „Eines der Versprechen der digitalen Revolution lautet Data. Ihr müsst euch diese Daten anschauen und beurteilen, ob die Technik sinnvoll ist oder nicht. Ihr müsst euch auch auf Debatten einstellen. Es liegt an euch, fundiertes Wissen an die Menschen weiterzugeben. Ihr seid die Experten für diese Diskussion, ihr müsst sie anführen in der postdigitalen Ära.“

Keine leichte Aufgabe, aber eine hochspannende. Und aller Wahrscheinlichkeit nach eine unausweichliche.

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Lesen Sie mehr Berichte und Interviews vom Kommunikationskongress 2017 in unserem Dossier (hier klicken).

 

 
 

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