Um das Thema Sexarbeit ranken sich viele Mythen. (c) Leonie Münch
Um das Thema Sexarbeit ranken sich viele Mythen. (c) Leonie Münch

Im Kampf gegen Mythen: Über die Pressearbeit eines Sexarbeiterverbands

Im Oktober 2013 wurde der Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen gegründet, er zählt heute rund 100 offizielle Mitglieder. Undine de Rivière ist Pressesprecherin der Interessenvertretung und arbeitet selbst als Prostituierte in Hamburg.
Anne Hünninghaus
 

Frau de Rivière, worin sehen Sie Ihre Hauptaufgabe als Pressesprecherin?

Undine de Rivière: Als Sprecherin des Verbands geht es mir zunächst darum, unsere politischen Forderungen publik zu machen und ein Mitspracherecht bei rechtlichen Regulierungen, die Sexarbeit betreffen, einzufordern. Lobbyarbeit ist aber nur der eine Teil. Zum anderen möchten wir durch unsere Öffentlichkeitsarbeit über die Mythen, die sich um das Thema Sexarbeit ranken, aufklären. Die Vorurteile reichen von „Keine macht so etwas freiwillig“ bis „In einem Verband finden sich nur Dominas oder besser bezahlte Prostituierte zusammen“. Das stimmt natürlich nicht.

Was machen Sie, um die Gerüchte auszuräumen?

Wir geben Interviews, schreiben Texte für Magazine und stehen für Vorträge zur Verfügung. Ende September haben wir einen Sexarbeitskongress in Berlin organisiert. Es ist uns ein großes Anliegen, ganz persönlich für Gespräche zur Verfügung zu stehen. Viele Klischees halten sich nur, weil die Menschen noch nie Kontakt zu einer Sexarbeiterin hatten, die ihnen einen Einblick in ihr Leben und ihre Arbeit gegeben hat.

Liberalisiert sich unsere Gesellschaft in Bezug auf Sexarbeit oder haben Sie das Gefühl, für ein Tabuthema zu sprechen?

Es gibt da gerade ziemlich gegenläufige Strömungen. Positiv ist, dass das Prostitutionsgesetz von 2002 die Sittenwidrigkeit unserer Branche abgeschafft hat. Heute kann eine Sexarbeiterin ihr Honorar einklagen, wenn der Kunde nicht zahlen will, das war ein wichtiger Schritt. Die Umsetzung wird von den konservativeren Kommunen aber immer noch verweigert, da schlägt uns viel Repression entgegen. Ich habe das Gefühl, es gibt im Moment gesellschaftlich und politisch eher einen weltweiten konservativen Backlash.

Wer ist die größte Opposition des Verbands, „gegen“ die Sie kommunizieren?

Da gibt es leider eine recht unheilige Allianz aus konservativen und radikalfeministischen prostitutionsfeindlichen Kräften, die sich in diesem Punkt zusammengeschlossen hat. Wobei ich betonen möchte: Nicht alle Feministinnen haben ein Weltbild wie Alice Schwarzer, es gibt auch viele Strömungen, die uns sehr unterstützen, und Kolleginnen, die sich selbst als Feministinnen bezeichnen.

Woran arbeiten Sie momentan?

Wir haben gerade eine Unterschriftenkampagne gegen die von der regierenden Koalition geplante Zwangsregistrierung von Sexarbeitern abgeschlossen. Eine solche polizeiliche Erfassung hat es zuletzt in den 1940er Jahren gegeben. Das sogenannte „Prostituiertenschutzgesetz“ führt unserer Meinung nach zu Entmündigung, nicht zu Empowerment. Dabei geht es natürlich nicht um die Steuern – die zahlen wir selbstverständlich.

 

Undine de Rivière (c) Privat
Undine de Rivière
Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen
Pressesprecherin

Undine de Rivière ist Pressesprecherin des 2013 gegründeten Berufsverbands erotische und sexuelle Dienstleistungen.

 


randbemerkung

Bitte achten Sie bei Ihren Beiträgen unsere Netiquette.

Weitere Beiträge dieser Serie.

Porträt eines Verkäufers vom Straßenmagazin Hinz & Kunzt (c) Benne Ochs
Foto: Benne Ochs
Lesezeit 2 Min.
Interview

Den Armen eine Stimme geben – Kommunikation für ein Straßenmagazin

1993 hörte der damalige Hamburger Diakoniechef Stephan Reimers vom Straßenmagazin „Big Issue“ aus London – und gründete mit „Hinz & Kunzt“ prompt ein eigenes. Ein Magazin von Journalisten. Die Verkäufer: Obdachlose. Das Projekt wuchs und wuchs, Sozialarbeiter und Verantwortliche fürs Spendenmarketing kamen hinzu. Pressesprecherin Isabel Schwartau über ihre Aufgaben bei dem Hamburger Straßenmagazin. »weiterlesen
 

Das könnte Sie auch interessieren.

(c) Thinkstock/macgyverhh
Foto: Thinkstock/macgyverhh
Lesezeit 3 Min.
Kolumne

5 Regeln für Pressemitteilungen in der Online-PR

Im vierten Teil seiner Kolumne erklärt der freie Journalist und Redenschreiber Claudius Kroker, welche Regeln es beim Einstellen von Pressemitteilungen in Online-Portalen zu beachten gilt. »weiterlesen
 
Fotos: Rolf Poss, Trialon/Thomas Kläber, Bündnis 90/Die Grünen; Collage: Laurin Schmid
Fotos: Rolf Poss, Trialon/Thomas Kläber, Bündnis 90/Die Grünen; Collage: Laurin Schmid
Lesezeit 2 Min.
Meldung

Wagenknecht führt Facebook-Ranking an

Gerade im anstehenden Bundestagswahlkampf gilt es für Spitzenpolitiker, auch in den sozialen Netzwerken Punkte zu sammeln. Laut einer Studie sind noch längst nicht alle dafür gerüstet, auf Facebook den Nerv ihrer Zielgruppe zu treffen.
 
(c) Getty Images/iStockphoto/robertsrob
(c) Getty Images/iStockphoto/robertsrob
Lesezeit 2 Min.
Studie

Die zehn größten Hindernisse für Storytelling in der PR

news aktuell und Faktenkontor haben erneut Kommunikationsfachleute aus Unternehmen und PR-Agenturen für ihren PR-Trendmonitor befragt. Das Thema dieses Mal: Die größten Hindernisse für Storytelling in der PR. »weiterlesen
Essay: Und führe uns in Versuchung, Chef! (c) Getty Images/iStockphoto/emarto
Bild: Getty Images/iStockphoto/emarto
Lesezeit 5 Min.
Essay

Und führe uns in Versuchung, Chef!

Bevor sie andere leiten können, brauchen gute Chefs zuerst Selbstführung: Christof Ehrhart von der Deutsche Post DHL Group ist „besessen von der Idee der Empathie“. Und Philipp Schindera von der Telekom lässt seine Mitarbeiter wählen, von wem sie geleitet werden wollen. Führung, wie wir sie bisher kannten, verschwindet. »weiterlesen
 
Hinter den Kulissen der Deutsche Post DHL Group (c) Getty Images/iStockphoto/3D_generator
Foto: Getty Images/iStockphoto/3D_generator
Lesezeit 5 Min.
Interview

Das Ende hierarchischer Führung

Christof Ehrhart ist "besessen von der Idee der Empathie": Der Executive Vice President und Direktor Konzernkommunikation und Unternehmensverantwortung (der) Deutsche Post DHL Group, über Kommunikation in der Adoleszenzphase, die Herausforderungen der Leitung internationaler Teams aus der Ferne, Kriterien seiner Mitarbeiterauswahl – und wie er abschaltet vom Job. »weiterlesen
 
(c) Deutsche Bahn/Jochen Schmidt
Foto: Deutsche Bahn/Jochen Schmidt
Lesezeit 5 Min.
Interview

Deutsche Bahn: Auf Reisen mit der Community

Mit der Reise-Challenge „Mein abgefahrener Sommer“ setzte die Deutsche Bahn auf die Influencerin Vanellimelli und verlängerte die Online-Kampagne mithilfe von Communitys ins echte Leben. Antje Neubauer und Jens Appelt über die Suche nach dem richtigen Protagonisten, die Macht der Interessengruppen und den neuen Mut des Unternehmens. »weiterlesen