Ralf Husmann über Humor im Leben und im Beruf (c) Privat
Ralf Husmann über Humor im Leben und im Beruf (c) Privat
Interview mit Ralf Husmann

„Humor ­funktioniert wie ein Schlag in die Fresse.“

Er hat „Stromberg“ und „Dr. Psycho“ erfunden, schuf Gags für Harald Schmidt, Anke Engelke und Oliver Pocher. Er schreibt für den „Kulturspiegel“, den „Playboy“ und jede Menge Bücher, außerdem bringt er anderen bei, witzig zu sein: Drehbuchautor und Produzent Ralf Husmann über Kompetenzvortäuschung, unlustige PR-Kampagnen und warum Humor vor allem ein Symptom für Haltung ist.
Hilkka Zebothsen

Herr Husmann, versuchen Journalisten in Interviews mit Ihnen, besonders witzig zu sein?
Ralf Husmann: Nö, eigentlich nicht. Ich rede ja inzwischen nur noch mit seriösen Medien, die versuchen das gar nicht erst. Mitte der 90er, zur Zeit der Schmidt Show, gab es noch viel Erstaunen darüber, dass es Witzeschreiber als Berufsbild überhaupt gibt und man vom Lustigsein leben kann. Das war für die Medien ungewöhnlich. Aber die Erkenntnis, dass bei Late Nights und Comedians im Hintergrund Schreiber arbeiten, hat sich längst durchgesetzt. Früher habe ich bei Gesprächspartnern den unbedingten Willen, witzig zu sein, noch häufiger erlebt. Die haben gerne auch mal versucht, mir Witze zu verkaufen.    

Klingt stressig.
Die Gagdichte in der Gesellschaft ist gestiegen. Selbst die Werbung probiert es heute mit Humor und jeder Kreissparkassenkasper versucht, einen Witz unterzubringen. Gerade durch die sozialen Medien hat sich das verbreitet. Egal was passiert, Print bringt dazu die lustigsten Twitter-Kommentare – das hat den allgemeinen Gag-Zwang erhöht.

Würde man heute also eher von Ihnen erwarten, lustig zu sein, als von Harald Schmidt?
Das weiß ich nicht, aber es gibt heute quer durch die Gesellschaft eine Art Vereinbarung, an bestimmten Stellen mit einem Gag zu reagieren. Ironie im Mainstream hat es früher so nicht gegeben. Zu Beginn der Schmidt Show standen wir noch oft auf der ersten Seite der „Bild“ mit der Frage „Darf der das?“. Das wäre heute nicht mehr denkbar, weil sich niemand mehr darüber aufregen würde, was wir damals gemacht haben.

Eines Ihrer Bücher heißt ­„Vorsicht vor Leuten“. Vor ­welchen besonders?
Das stand mal auf einem Schild in Spanien und war gedacht als Warnung vor Taschendieben. Eine missglückte Übersetzung, die im Roman eigentlich nur am Rande vorkam, aber der Lektor fand das gut als Titel.

PRler haben ja kein so gutes Image. Muss man sich vor ­denen auch vorsehen?
Och, die sind da noch relativ weit oben auf der Liste. Am Ende stehen heute eher Banker und Politiker. Und Journalisten sind zu schlecht bezahlt, um noch ernst genommen zu werden.

Ich weine gleich …
Ich weiß. Alle Ihre Kollegen weinen bei Interviews gerne in den Milchkaffee, den ich am Ende zahlen muss.

Können Sie persönlich noch über andere Menschen lachen oder ist Ihre Humorschwelle inzwischen unerreichbar hoch?
In Bezug auf die professionellen Spaßmacher bin ich mit meinen Vorlieben wenig originell. Ich bin zum Beispiel Fan von Josef Hader und Rainald Grebe. Andere Bereiche von Comedy haben sich in Deutschland nicht durchgesetzt. Das Genre der Sitcoms hat sich hier nicht etabliert und Late Night hat es auch schwer. Vom großen Comedy-Boom der 90er ist eigentlich nur Stand-up übrig geblieben, weil es sich am Kabarett orientiert, und das kennt man hier seit 100 Jahren.

Und im wahren Leben – sind Schwiegermütter, Taxifahrer oder Metzger witzig?
Ich finde keinen von denen per se lustig. Humor ist ja eher die Bereitschaft, das Lustige in allem zu sehen, dann ist es egal, was einem zustößt. Die Quintessenz von Humor ist für mich die Haltung, mit der man dem Leben begegnet. Darum haben Deutsche auch keinen – weil der Humor hier nicht dafür genutzt wird, um mit Problemen fertig zu werden. Für Deutsche ist Humor die Kirsche auf der Sahne. Für mich ist er die Sahne selbst. Ich kann über mich selbst lachen, was die Grundvoraussetzung ist, auch über andere lachen zu können. Ist doch schön zu sehen, dass man in meinem Alter jetzt auch kurz davor ist, sich ein Kissen aufs Fensterbrett zu legen und runter in den Hof zu brüllen: „Nun macht mal nicht so laut, ihr Lausebengel!“

Drehbuchautoren wissen beim „Tatort“ ab Minute acht, wer der Mörder war. ­Analysieren Sie auch im Vorbeigehen Witze?
Humor funktioniert sehr direkt, wie ein Schlag in die Fresse. Den kann man zwar auch im Nachhinein analysieren, aber erst einmal trifft er – oder eben auch nicht. Ich selbst bin kein guter Witzeerzähler, aber ich kenne sie fast alle. Wenn man mir einen Witz erzählt, ahne ich, in welche Richtung er gehen wird, da gibt es ja nicht viele Varianten. Lustig ist für mich ohnehin nicht der Gag, sondern die Art, wie er vorgetragen wird. Auch die berühmte Torte oder Tür im Gesicht kann lustig sein, wenn es gut gemacht ist. Ich finde es spannend, auch mit Humor eine Art Gesamtkunstwerk zu erschaffen. Hader hat ja keine Pointen, die sonst keiner hat – aber er bringt sie mit einer Haltung, in der viel Wahrheit und Ehrlichkeit steckt. In der Idealform hat Humor also etwas mit Kunst zu tun.

Sie als „Playboy“-­Kolumnist werden es wissen: Macht ­Humor sexy?
Ja, unbedingt. Denn alles, was über das Witzeerzählen hinausgeht, ist ein Zeichen von großer Souveränität. Ein Sixpack trägt ja nur für eine Weile und erschöpft sich irgendwann. Humor kann einen dagegen lange tragen. Wer über sich selbst lachen kann, braucht eine gewisse Form von Souveränität und Selbstbewusstsein. Und das finden Frauen gut. Es reicht aber nicht, sich als Mann nur drei lustige Sprüche auszudenken, das hat noch nie funktioniert. Man haut nicht einen Satz raus und die Frau fällt um und sagt: „Bitte nimm mich mit ins Bett.“

Haben Sie alle Frauen gekriegt, die Sie wollten?                                                                                                                                                                                                           

Ich brauche da eine gewisse Anlaufzeit. Es hat für mich nie funktioniert, in einem Club zu stehen, mega auszusehen und mit dem Porsche-Schlüssel zu wackeln. Dafür fehlen mir sowohl das Aussehen als auch der Porsche. Wenn das bei mir klappen soll, muss ich mich mit der Frau länger unterhalten und tatsächlich über Humor an einen Punkt kommen, an dem sie gerne mit mir reden will. Schon die Mädchen früher haben sich nicht für mich interessiert, weil ich Fußball spielen oder Musik machen konnte, sondern weil ihnen beim fünften Treffen auffiel, „dem fällt immer noch was ein“.

Würde ihre Liebste das auch so sehen?
Ich glaube, das würde sie so unterschreiben.

Macht es einen Unterschied, ob Sie für einen Mann oder eine Frau Scherze schreiben?
Erst einmal nicht. Das ist eher davon abhängig, wer derjenige als Person ist und für welches Format das sein soll. Ich kann nicht für Christoph Maria Herbst oder Anke (gemeint ist Anke Engelke, Anm. d. Red.) die gleichen Gags schreiben. Den Unterschied macht aber nicht aus, dass Anke eine Frau ist, sondern dass Anke Anke ist. Ich weiß ja in der Regel, wer meine Rollen spielt. Das hilft, damit ich denen nichts auf den Zettel schreibe, was sie am Ende nicht transportieren können.

Wie lernen Sie die ­Schauspieler kennen?
Indem ich beim Casting dabei bin und extra dafür Texte schreibe, die später im Drehbuch gar nicht vorkommen. Dann schreibe ich mir selbst die Rolle als Ansprechpartner hinein. Man lernt im Casting viel über den anderen, es herrscht ein gewisser Druck, das ist ja eine Ausnahmesituation. Natürlich schaue ich mir an, was die Schauspieler vorher gemacht haben, und treffe sie zum Gespräch. Dabei geht es mir auch um ihren Sound. Wie spricht der im Privaten, welche Färbung hat er – so bekomme ich ein Gefühl für die Melodie. Manche Schauspieler haben Probleme mit langen Sätzen, dann kriegen sie von mir nur kurze. Andere dagegen können noch zwei Nebensätze im Kopf haben und die Pointe am Ende trotzdem sicher landen. Das kann nicht jeder.

Wer ist schwerer zu ­bespaßen – Harald Schmidt oder Oli Pocher?
Harald ist viel geschulter im Performen von Witzen, weil er aus dem Kabarett kommt und etliche Jahre vor seinem Durchbruch im TV auf allen Kleinkunstbühnen stand. Ich kenne niemanden, der einen geschriebenen Gag besser und schneller zu seinem eigenen machen kann. Harald weiß immer: Da ist die Pointe, da muss ich hin.
Oli muss man den Gag eher untermogeln, so dass er das Gefühl hat, er hat den Witz quasi selbst entdeckt. Olis Talent ist das Enter-­tainment-Gen: Der ist in der Lage, Menschen auch mit einem nur halb nach Hause gebrachten Gag zu amüsieren. Er hat den unbedingten Willen, Menschen zu unterhalten, obwohl er handwerklich nicht dasselbe Level hat wie Harald. Der wiederum hat das Emotionale nicht so, den Willen, dem Zuschauer zu zeigen, „ich will, dass du gut findest, was ich hier mache“. Das ist Harald am Ende wurscht.

Diese Freiheit im Kopf ist sicher auch praktisch. Ihr Job ist – ähnlich wie der des Kommunikators – dienend. Ist es mit Humor leichter zu ertragen, wenn es die Essenz Ihrer Aufgabe ist, andere gut aussehen zu lassen?
Ich habe damit nie ein Problem gehabt. Man muss sich eingestehen, dass man nicht alles gleichermaßen gut kann. Der, der rausgeht und den Witz macht, muss auch gut aussehen. Er braucht deswegen eine gute Maske, vernünftige Klamotten, schönes Licht und die passende Deko – das ist immer Teamarbeit, alles muss ineinander greifen. Wenn Schmidt einen schlimmen Anzug anhat und die Haare nicht liegen, gehen zehn Prozent vom Gag runter. Aber den Gag braucht er am Ende natürlich auch.
Ich fand es nie seltsam, dass alle über Schmidt lachen, obwohl der Gag von mir war. Ich habe früher ja selbst auch Kabarett gemacht und damals ausprobiert, einen Gag, der für Schmidt geschrieben war, selbst zu machen. Da war schnell klar: Er kann es besser. Ich sehe das wie bei Otto Rehagel oder Jürgen Klopp, die waren selbst als Spieler eher so mittel. Aber sie wurden gute Trainer, und das ist ja eine eigenständige Leistung. Ich könnte Stromberg nicht spielen und Christoph (gemeint ist Christoph Maria Herbst, Anm. der Red.) könnte ihn nicht schreiben.

Husmann mit "Stromberg"-Hauptdarsteller Christoph Maria Herbst (c) picture alliance / dpa

Husmann mit "Stromberg"-Hauptdarsteller Christoph Maria Herbst (c) picture alliance / dpa

Ein tröstlicher Ansatz, wenn Kreativität Handwerk ist. Ist Humor harte Arbeit?
Es ist auf jeden Fall Arbeit … (lacht) Ich bin ein großer Anhänger der Handwerktheorie. Und finde es komisch, wenn bei einer Sendung wie „Sing meinen Song“ alle auf der Couch so wahnsinnig gerührt sind und so tun, als wäre das ein Wunder. Würde man dasselbe Sendekonzept für Klempner machen und alle wären so emotional, weil der eine so schön klempnert, wäre das merkwürdig. Aber auch singen, malen, schreiben, schauspielern ist erst mal Handwerk.

Sie brauchen also am ­Beginn des Arbeitstags ­keine ­magischen Handlungen zur ­Vorbereitung großer­ Kunst?
Nee. Man macht ja selten große Kunst, und selbst wenn, setzt die voraus, dass man die Basis beherrscht. Auch Picasso musste gegenständlich malen lernen, bevor er abstrahieren konnte. Man bemalt ja auch nicht gleich die Sixtinische Kapelle, sondern arbeitet sich erstmal an Engeln ab, damit die am Ende nicht aussehen wie Barbapapa. Ich unterrichte auch an Hochschulen und die Studenten scheitern da nicht an der Witzigkeit, sondern an der Struktur des Drehbuchs. Mit den alten Griechen muss man sich als Autor auch heute noch beschäftigen: Drei Akte, ein Held und Widerstände – da muss man schon durch.

Hilft Hingabe dabei oder ­hindert die eher?
Die hilft unbedingt. Es unterscheidet den guten vom mittleren Handwerker, dass er gerne und mit Hingabe dabei ist.

Ist es schwieriger, Menschen zum Weinen zu bringen oder zum Lachen?
Letzteres. Beim Weinen kann man Tricks einsetzen. Menschen dahin zu bringen, gerührt zu sein, ist relativ einfach. Lustigsein ist schwieriger, weil man das eben nur bedingt lernen kann: Timing und Humorverständnis hat man oder eben nicht. Man kann auch als mittelbegabter Schauspieler Menschen zum Weinen bringen, aber beim Humor kann man nicht mogeln.

Bleiben wir beim Weinen: Sie haben Journalistik studiert. Warum sind Sie heute kein Kollege von mir?
Ich habe Journalismus studiert, weil ich als Arbeiterkind dachte, man braucht etwas Solides. Ich wollte immer schon schreiben und davon leben können. Als Kind hatte ich ein Buch aus dem Bertelsmann-Lesering, „Autoren in Wort und Bild“, mit Kurzbiografien berühmter Autoren. Und als ich herausfand, dass etliche von ihnen als Journalisten angefangen haben, dachte ich: „Das ist gut, das kann ich auch meinen Eltern verkaufen.“ Aber ich bin schon zu Unizeiten auf die schiefe Bahn geraten, habe Bühnenkram, Einspieler und Hörfunkstücke für den WDR gemacht. Irgendwie kam mir also quasi der Erfolg dazwischen.

Schweres Schicksal … Wer waren denn Ihre Vorbilder?
Johannes Mario Simmel oder auch Hemingway zum Beispiel, die beide anfangs eben auch für Zeitschriften gearbeitet haben. Mir war klar, dass ich nicht mit 18 gleich meinen ersten Roman schreiben werde. Journalismus schien deswegen ein guter Einstieg zu sein.

Deutsche sind also humorlos. Sie reisen morgen ins Schreibexil nach Mallorca. Gibt es im Ausland mehr zu lachen?
Mallorca ist ja nicht Ausland (lacht). Spanier haben aber einen ganz anderen Humor als wir. Wenn ich sehe, was es dort ins Kino schafft – das macht mich ratlos, weil ich es weder sprachlich noch kulturell verstehe. Die Engländer und Amerikaner schon eher. Im angelsächsischen Raum wird Humor eingesetzt, um mit dem Leben fertig zu werden. Wegzufahren, um zu schreiben, hat für mich aber einfach den Vorteil, dass mich die Leute in Ruhe lassen. Nach einer Woche hören die Telefonate auf.

Auf einem Merchandising-­Kaffeebecher der von Ihnen entwickelten Serie „Stromberg“ steht: „Zu viel Kompetenz macht unsympathisch.“ Von welcher Ihrer Kompetenzen würden Sie imagetechnisch lieber weniger verstehen?
(Lacht) Menschen mögen lieber Leute, die sie sympathisch finden, denen sie aber nur knapp mehr zutrauen als sich selbst. Jemand, der extrem kompetent ist, wird nicht gemocht. Kompetenzvortäuschung kommt bei den Menschen am besten an. Ich bin ehrlich gesagt in fast nichts wirklich kompetent, abgesehen davon, dass ich in etwa weiß, wie man einen geraden Satz schreibt. Ich weiß von allem nur ein bisschen und stehe daher nicht im Verdacht, in vielen Bereichen zu viel zu wissen.

Ist Authentizität gut oder nur ein Synonym für „schlecht ­erzogen“?
(Lacht) Authentizität ist für mich ein ähnliches Wort wie Kreativität – es nervt wahnsinnig schnell. Es hat viele Vorteile, nicht authentisch zu sein. Der Mensch der 50er Jahre, der noch sehr in seiner gesellschaftlichen Rolle verhaftet war, hatte aus heutiger Sicht auch etwas sehr Angenehmes: Er hat einen nicht mit seiner eigentlichen Person belästigt. Ich will von den meisten Menschen gar nicht privat behelligt werden. Ich bin kein Riesenfan davon, dass jeder sein Innerstes auf den Tisch legt. Das will man ja meistens gar nicht sehen.

Können Sie auch schweigen oder wird alles aus Ihrem ­Alltag verwurstet?
Ja, alles wird verwurstet.

Moderieren Sie das Ihrem ­Gegenüber dann auch an?
Nein, das wissen eh alle. Zwar sagen sie anfangs immer: „Oh, bei Ihnen muss man bestimmt aufpassen, was man erzählt“, aber das hält keiner durch. Die Kamera bei Big Brother vergisst man ja auch nach einer halben Stunde. Und ich sage ja auch nicht zwischendurch: „Ah, das war eine tolle Geschichte, die kommt ins nächste Drehbuch.“ Als Autor, der relativ viel schreibt, bin ich darauf angewiesen, dass andere etwas für mich mit erleben. Das eigene kümmerliche Leben reicht da auf Dauer nicht aus.

Ihre Gesprächspartner geben also ihr Urheberrecht am Eingang ab?
Immer. Das Recht am eigenen Leben hat man im Gespräch mit mir direkt verwirkt. Das gab auch schon Unstimmigkeiten. Leute sind beleidigt, und ich verstehe das auch. Aber da gibt es leider kein Entkommen.

Als Autor geht man ­manchmal unglaubliche ­Umwege, um diese eine ­tolle Formulierung unterzubringen. Warten Sie auch schon lange auf ­diesen einen Satz?
Ich habe sehr lange darum gerungen, bei Stromberg eine Tortenschlacht unterzubringen. Ich wollte in diesem pseudodokumentarischen Format immer eine Szene einbauen, in der wie bei Dick und Doof glaubwürdig eine Torte fliegt. Fünf Staffeln lang habe ich es nicht geschafft, aber im Kinofilm gezielt darauf hingearbeitet. Und am Ende gibt es zumindest so etwas Ähnliches, wenn einer dem anderen am Buffet den Lachs um die Ohren haut. Es gibt noch zwei, drei andere Ideen, das schaffe ich auch noch.

Haben Sie mal etwas ­völlig Absurdes über sich selbst ­gelesen?
Es gab ein paar Verrisse, die mich aber so runtergeputzt haben, dass es schon wieder gut war. Das ist lange her und war zu einer Serie mit Anke. Ein Verriss stand zum Beispiel in der „Zeit“. Damals leistete sich die noch Fernsehkritik und da stand, ich kann es so gar nicht, natürlich mit viel mehr Worten. Das hat mir gut gefallen.

Weil es frei macht?
Ja. Ich mag es, wenn einer ganz klar sagt: „Der kann es gar nicht.“ Extreme finde ich gut.

 Ralf Husmann (c) Oliver Berg

Preisgekrönt: Ralf Husmann (c) Oliver Berg

Und wann ist Ihnen zuletzt das Lachen im Hals stecken ­geblieben?
Immer dann, wenn mir die unschönen Dinge selbst passieren. Die Intensivstation im Krankenhaus ist zum Beispiel nicht so funky. Meine Exfreundin hatte mal einen Allergieschock, bei dem ihr der Hals zuschwoll. Wir saßen angespannt in der Notaufnahme und sahen gleichzeitig, wie sich vor der Tür ein Obdachloser darum bemühte, aufgenommen zu werden, von dem die Mitarbeiter sagten, der käme immer, wenn es regnet. Meine Exfreundin neben mir röchelte vor sich hin und der Obdachlose dachte sich ständig neue Krankheiten aus, die er angeblich hatte. Das fand ich absurd lustig. Die Szene hat’s dann in den Roman „Vorsicht vor Leuten“ geschafft. Inzwischen ist das bei mir ein Automatismus: Ich gucke gleich, was ich noch verwerten kann.

Treffen sich zwei … In unserer Branche im Idealfall Kunde und Produkt. Hilft Humor da als verbindendes Element?
Humor hilft immer. Ich habe manchmal mit Werbern zu tun und spiele dann immer „Heute versuchen wir mal, zwischen den learnings und wordings drei deutsche Begriffe ins Gespräch einzuschmuggeln“. Da sind die erst mal irritiert, und das ist ja schon mal gut. Zwölf Leute an einem Tisch zum „Kickoff-Meeting vom Team Milchreis“ hat ja auch etwas Absurdes. Die Werbeindustrie arbeitet ja mit noch mehr heißer Luft als das Fernsehen: Da schnurrt eine 30-seitige Powerpoint-Präsentation meist letztlich auf eine kleine Idee zusammen. Das sehen die natürlich anders, schließlich haben da „Kreative“ zwei Wochen dran gesessen.

So wie Sie Humor als Akt der Selbstverteidigung verstehen, können Unternehmen ihn auch als Kriegstaktik einsetzen.
Klar, das ist manchmal sehr befreiend.

Ist dann selbst anarchischer Krawallhumor erlaubt?
(Zögert) Ich mache hin und wieder auch Moderationen oder Vorträge für Firmen und merke, ich muss in bestimmten Branchen den Härtegrad etwas nach unten pegeln, weil der Umgang in vielen „seriösen“ Firmen doch anders ist als der, den wir in der eher flapsigen Medienwelt gewohnt sind. Das anarchische Element ist da wahrscheinlich nicht so gern gesehen. Je größer der Laden, umso mehr Wert legen die meist auf Ordnungen und Strukturen. Und Bürokratie ist ja selten der beste Kumpel des Humors. Aber selbst in meiner alten Produktionsfirma kamen ab einer gewissen Größe Formulare ins Spiel. Und wenn man Mitarbeiter fragen muss: „Wie viele Tage warst Du dieses Jahr im Büro?“ kann man nicht mehr jeden Morgen mit der Wasserpistole durchs Büro rennen.

Gibt es Branchen, die auf ­keinen Fall auf Humor setzen sollten?
Ja. Die Deutschen tun sich schwer, sobald es um Gesundheit geht, ums Essen oder um Tiere. Sobald es um etwas geht, dass das Leben unmittelbar betrifft, sind die Deutschen nicht sehr spaßbereit. Man kann hier nicht mal zu Humorzwecken Kinder schlecht behandeln (lacht). Würde ich nicht empfehlen.

Welche Kampagne brachte Sie zuletzt zum Lachen?
Ich fand die gut mit Kobe Bryant und Messi im Flieger. Der zweite Spot war schon drüber, aber der erste mit dem Kind war prima. Der war zwar nicht brüllend komisch, aber gut auf den Punkt. Und hat auch die Protagonisten nicht überfordert. Wobei – für wen war die eigentlich? Irgendeine Airline?

Turkish Airlines.
Ach ja.

Stichwort „überforderte ­Protagonisten“ – sind ­Schwalbenkönige nicht gerade die weltbesten Schauspieler?
Parallel lief damals ein Spot mit deutschen Fußballern von der Lufthansa. Aber wenn Philipp Lahm auftaucht, wird’s sofort eher uncool. Man weiß ja seit Steffi Graf, wie furchtbar das sein kann, wenn hiesige Sportler ins Bild rennen. Auch bei Nowitzki haben die Macher sicher überlegt, wie sie es schaffen, dass er nichts sagen muss. Als gute Kampagnen fallen mir sonst nur nichtdeutsche ein. Hin- und hergerissen bin ich noch bei den Check24-Spots. Das ist ein bisschen wie dieses billige Marzipangebäck von Aldi. Das ist fies, aber es gibt so Tage, da denkt man sich, „das muss heute sein“.

Welchen lustigen Satz würden Sie gerne mal von einem CEO hören?
Deren Aufgabe ist es ja nicht zwingend, lustig zu sein. Von dem, was sie sagen, hängt unter Umständen Wohl und Wehe ihrer ganzen Firma ab. Wie man bei der Deutschen Bank gegen Kirch sieht: Da sagt der Breuer einen Satz in die Kamera und Jahre später müssen immer noch alle weinen. In so einer Position hat man nicht viel Spielraum für Gags. Ich erwarte  auch von Politikern keine flapsigen Statements, die es ins Aphorismenbüchlein schaffen würden. Im Zeitalter von Youtube, Facebook und Twitter bekommen die jede Form von Humor sofort um die Ohren gehauen. Das Internet versteht auch gar keine Ironie. Darum sprechen Entscheidungsträger nur noch so wie Fußballer nach dem Spiel: In Stanzen halt.

Gibt es Unternehmen oder Branchen, die dringend mehr Humor brauchen?
Ja, die Waschmittelindustrie! Seit 30 Jahren sehe ich da immer dieselbe Scheiße, da ist so gar kein Humor.

Und ist Ihnen mal aufgefallen, dass in Windel- und Waschmittelwerbung die Hand-Models immer Ehering tragen? Da gibt es keine Unverheirateten oder Singles.
(Lacht) Stimmt. Wobei: Selbst bei Windeln sehe ich inzwischen erste humoristische Schlenker. Aber beim Waschmittel passiert nichts.

Aber Klementine und Tilly ­waren doch sehr lustig.
Ja, aber nur im Nachhinein. Die meinten das damals sehr ernst. Oh – und alles von Ferrero ist schwer.

Claudia Bertani und die nicht existente Piemont-Kirsche?
Genau. Wer hat das eigentlich damals durchgewinkt? Oder auch die zwei Frauen, die aktuell mit lustigen Vierzeilern um einen Prinzen buhlen. Ich bin seit Jahren kurz davor, die Produkte von denen zu boykottieren. Ich hatte mit denen auch schon Ärger. Es gab in meiner Karriere nur ganz wenige Unternehmen, die sofort alle Register zogen, wenn man mal was Lustiges machen wollte. Die waren immer ganz vorne dabei. Sie machen sehr leckeres Nutella, aber beschissene Werbung.

 

 
(Drehbuch-)Autor Ralf Husmann (c) Privat
Ralf Husmann

ist Drehbuchautor, Produzent und Autor. Der Deutsche Fernsehpreis war nur eine der vielen Auszeichnungen, die der gebürtige Dortmunder bekam. Es regnete unter anderem Awards für "Stromberg", "Dr. Psycho", "Anke" und "Rent a Pocher".
 

 

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