Die K-Frage zwischen Annalena Baerbock und Robert Habeck soll sich am 19. April entscheiden. (c) Picture Alliance/dpa/Kay Nietfeld
Die K-Frage zwischen Annalena Baerbock und Robert Habeck soll sich am 19. April entscheiden. (c) Picture Alliance/dpa/Kay Nietfeld
Bündnis 90/Die Grünen

Hoffnung auf Platz eins

Am 19. April soll sich entscheiden, ob Annalena Baerbock oder Robert Habeck die Spitzenkandidatur der Grünen für die Bundestagswahl übernimmt. Unterstützt wird die Partei im Wahlkampf durch die für die Kampagne zusammengestellte Agentur „Neues Tor 1“.
Volker Thoms

Am Sonntag, 26. September 2021, findet die Bundestagswahl statt. Das Coronavirus wird bis dahin weder medizinisch noch aus der öffentlichen Diskussion verschwunden sein. Die Pandemie wird den Bundestagswahlkampf nicht nur inhaltlich, sondern auch organisatorisch beeinflussen. Kann es zentrale Abschlussveranstaltungen mit tausenden von Zuhörenden geben? Können Kandidierende wie in anderen Jahren auf Marktplätzen sprechen? Sicher ist das nicht.

Die Frage, wie man sich in einem von Corona geprägten Wahlkampf Gehör verschafft, beschäftigt natürlich auch Bündnis 90/Die Grünen. Die Partei hat noch nicht entschieden, ob sie mit Annalena Baerbock oder Robert Habeck an der Spitze in den Bundestagswahlkampf ziehen wird. Am 19. April will der Bundesvorstand dazu einen Vorschlag machen. Bereits im September gaben die Grünen bekannt, welche Agentur sie im Wahlkampf unterstützt. Sie heißt „Neues Tor 1“. Es handelt sich um eine Projektagentur, die für den Bundestagswahlkampf und die parallel stattfindenden Landtagswahlkämpfe gegründet wurde. 2017 hatten die Grünen mit „Ziemlich beste Antworten“ ebenfalls auf eine extra für den Wahlkampf geschmiedete Beratung gesetzt.

Ein Unterschied: „‚Neues Tor 1‘ besteht aus einem festen Team. 2017 haben uns viele freie Kreative unterstützt“, erklärt Matthias Riegel. Der 35-Jährige ist Geschäftsführer der Agentur und als Berater des Bundesvorstands der strategische Kopf hinter der Kampagne.

Er ist seit 2009 bei Bundestagswahlkämpfen mit an Bord und sammelte vorher Erfahrung in für die Grünen erfolgreich verlaufenden Landtagswahlkämpfen wie 2016 in Baden-Württemberg und 2017 in Schleswig-Holstein. „Mit dem jetzigen Parteivorstand arbeite ich von Beginn an zusammen; mit Robert Habeck sogar schon seit etwa zehn Jahren“, sagt Riegel. Seine Tätigkeit bei der Berliner Kampagnenagentur Wigwam ruht für die Zeit des Wahlkampfs. Parteimitglied ist er nicht. Acht Personen umfasst das Kernteam aktuell. Einige kommen aus dem Marken-, andere aus dem Politikbereich. Bis zum Wahltermin soll das Team aufgabenbezogen verstärkt werden. Zwei Monate vor dem Wahltermin soll das Team in die Bundesgeschäftsstelle der Grünen einziehen. „Platz vor dem Neuen Tor 1“ lautet die Adresse.

Als Team auftreten – das ist eine zentrale Idee, mit der Riegel die Grünen zum Erfolg führen will. „Das Team ist ein Alleinstellungsmerkmal“, so Riegel. „Starkes Team“ heißt es denn auch auf der Website. Zu sehen sind die beiden Parteivorsitzenden Annalena Baerbock und Robert Habeck. Beim digitalen Parteitag im November 2020 hatte die Partei auf der Bühne ein Wohnzimmer eingerichtet, in dem das Duo mit Corona-Abstand auf einem Sofa Platz nahm. Die Reden der beiden bildeten den dramaturgischen Höhepunkt der Veranstaltung. Während Baerbocks Auftritt saß Habeck auf dem Sofa – bei seiner Rede war es andersherum. „Jede Zeit hat ihre Farbe“ lautete das Parteitagsmotto, das im Hintergrund in grüner Schrift omnipräsent leuchtete. „Neues Tor 1“ war für die Gestaltung des Parteitags verantwortlich.

Ungeklärte K-Frage

Offen ist die Frage der Spitzenkandidatur. „Das entscheiden wir zwischen Ostern und Pfingsten, wenn die Bäume wieder richtig grün sind“, erklärt Riegel abwehrend. Im März wurde der Entwurf für das Wahlprogramm vorgestellt. Im Juni soll der Programmparteitag stattfinden. Das sind kommunikative Meilensteine. „Es ist in einer Wahlkampagne nicht mehr möglich, alles auf den Wahltag hin auszurichten. Eine Kampagne braucht mehrere Peaks“, sagt Riegel auch mit Blick auf die zunehmende Zahl der Briefwählenden. „Wie gelingt es uns, im Gespräch zu bleiben?“

In Umfragewerten lagen die Grünen längere Zeit zwischen 18 und 21 Prozent; weit abgeschlagen hinter CDU/CSU. Die schlechte Performance der Bundesregierung in der Corona-Pandemie und die Skandale einiger Unions-Politiker rund um die Maskenbeschaffung gab den Grünen einen Schub, so dass die Partei jetzt schon mal mit 23 Prozent in Umfragen auftaucht, während CDU und CSU schwächeln. „Angela Merkel tritt im September nicht mehr an. Je mehr sich die Vorstellung konkretisiert, dass dieser Halt nicht mehr gegeben ist, desto drängender wird sich die Frage stellen, wem die Menschen stattdessen zutrauen, dieses Land zu führen und durch Veränderung neuen Halt zu schaffen“, sagt Riegel.  

Aktuell ist die Pandemie das dominierende Thema in Medien und Gesellschaft. Der Aufschwung der Grünen resultierte vor allem daraus, dass der Klimawandel vor Corona die Agenda bestimmte. Brennende Wälder in Kalifornien und Australien, schmelzendes Eis in der Arktis, extreme Hitze- und Trockenwellen in Deutschland – die Auswirkungen des Klimawandels sind deutlich sichtbar. Riegel sieht in der Gesellschaft eine große Lust auf Veränderung. „Viele sind mit dem festgetretenen Status quo nicht mehr zufrieden. Die Pandemie bietet Möglichkeiten, Veränderungen herbeizuführen, die vorher nicht realisierbar gewesen sind.“ Offenkundig ist in Deutschland der Nachholbedarf in Sachen Digitalisierung – vor allem im Bildungsbereich. Die schlechte Bezahlung im Gesundheits- und Pflegebereich tritt seit Corona ebenso offen zutage wie Defizite in der Verwaltung. 

Die Grünen regieren in elf Bundesländern mit. Die Partei hat die wesentlichen Beschlüsse und Maßnahmen der Bundesregierung mitgetragen. Es sei nicht die Zeit, aus Prinzip gegen alles zu sein, meint Riegel. Baerbock und Habeck haben beide kein Ministeramt. Sie können lediglich kommentieren, sich in Interviews und Social Media zu Wort melden oder in Talkshows mitdiskutieren. Baerbock und Habeck äußerten sich zu Defiziten in der Pflege oder zu Kindern aus sozial schwächeren Familien, die besonders unter den Schul- und Kita-Schließungen leiden. Im Rahmen ihrer Neujahrsklausur forderten sie mehr öffentliche Investitionen: „Schulen, Kitas, aber auch die Innenstädte, die jetzt zunehmend veröden, all das, was fehlt –  die Schwimmhallen, die Sporthallen – all das hält eine Gesellschaft zusammen“, sagte Habeck. Inhaltliche Akzente fehlten. Von Baerbock ließ vor allem der Satz in der „Bild am Sonntag“ aufhorchen, dass sie sich das Kanzleramt zutraue. Rückenwind gibt der klare Wahlsieg in Baden-Württemberg.

Fullservice-Agentur

Bei der Formulierung griffiger Botschaften soll „Neues Tor 1“ helfen. Die kreative Supervision liegt in den Händen von Kurt Georg Dieckert, Chef der Berliner Agentur Dieckertschmidt. Als Fullservice-Anbieter wird sie Kampagnendesign, Spots, Plakate und Online-Tools entwickeln. Das Ziel: besonders im Internet stark sein und dort herausstellen, warum die Menschen den Grünen Vertrauen schenken sollen. Riegel sieht die Partei im Digitalen gegenüber den Wettbewerbern im Vorteil. Bewegtbild werde eine deutlich stärkere Rolle als in früheren Wahlkämpfen spielen. Wie in allen Parteien vermutlich.

Im Vergleich zu CDU/CSU und SPD verfügen die Grünen mit zehn Millionen Euro über ein deutlich geringeres Wahlkampfbudget. Ein weiteres Manko: Bündnis 90/Die Grünen hat deutlich weniger Stammwählerinnen und Stammwähler als CDU/CSU und die SPD. Sie müssen also neue Zielgruppen für sich gewinnen. Einen Beitrag sollen freiwillige Unterstützerinnen und Unterstützer leisten, die auf der Straße und online Gleichgesinnte überzeugen sollen. „Super-Freiwillige“ heißen die Aktiven parteiintern. Ein Haustür- oder „Gartenzaun-Wahlkampf“, wie Riegel ihn nennt, dürfte ebenfalls wieder ein Element im Wahlkampf sein.

Der Artikel ist eine aktualisierte Fassung des Artikels aus "pressesprecher" Ausgabe 1/2021. 

 
 


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