Gegen die Verwendung von zu vielen Substantiven gibt es ein effektives Mittel: Verben. (c) Getty Images/TShum
Gegen die Verwendung von zu vielen Substantiven gibt es ein effektives Mittel: Verben. (c) Getty Images/TShum
Kolumne

Hilfe, Substantivitis!

Achtung, Ansteckungsgefahr! Nicht nur in Behörden greift sie um sich: die Substantivitis. Charakteristisch sind lange Sätze, gespickt mit möglichst vielen Substantiven. Doch es gibt ein einfaches Gegenmittel, wie unsere Kolumnistin zu empfehlen weiß.
Juliane Topka

Auch nach 14 Jahren als freie Lektorin bin ich manchmal noch beeindruckt, wie viele Substantive und Substantivierungen sich in einem Satz unterbringen lassen. Schauen Sie mal:

 

Der Schlüssel zu diesen Erfolgen sind die Steuerung der angestrebten Veränderungen, eine fortlaufende Unterstützung und aktive Kontrolle der mit Veränderungen einhergehenden kritischen Entwicklungen sowie die Einbindung der verschiedenen Mitarbeiterebenen.

 

Donnerwetter! Mit 29 Wörtern ist dieser Satz auf jeden Fall schon mal eins: ziemlich lang. Das ließe sich zur Not verschmerzen, wenn er gut fließen würde, aber tut er das für Sie? 

Lesen Sie ihn noch einmal – am besten laut. Sie werden merken, dass Sie jedes großgeschriebene Wort ein wenig mehr betonen als die anderen. Vielleicht gehören Sie auch zu den Menschen, die dabei jedes Mal ganz leicht den Kopf nach vorn neigen. Da haben Sie gleich ein bisschen Bewegung, aber Lesefluss entsteht dabei nicht.

Substantive geben Orientierung im Text. Beim Lesen betonen wir sie und halten dazu kurz inne, so wie auf der Straße vor einem Stoppschild. Wir schauen nach links und rechts, und dann kann es weitergehen. In Maßen ist das sehr sinnvoll, um den Inhalt gut erfassen zu können.

Nun sind unter den 29 Wörtern im oben zitierten Satz aber nicht nur ein paar Substantive, sondern zehn, also ein gutes Drittel. Erschwerend kommt hinzu, dass sechs dieser zehn Substantive auf
„-ung“ enden, was das Kopfnicken verstärkt – und die Lektüre doppelt eintönig macht.

Wenn wir mal bei dem Bild bleiben, ist der oben zitierte Satz wie eine lange Straße voller Stoppschilder. Stellen Sie sich vor, Sie haben mit dem Auto 29 Kilometer zu fahren, aber alle 2,9 Kilometer steht ein Stoppschild. Anstrengend, nicht wahr?

So tun Sie doch was!

Wenn ein Text gut fließen soll, sind Verben eine viel bessere Idee. Verben beschreiben Tätigkeiten, und wo etwas getan wird, ist Bewegung, da geht es voran – im wörtlichen wie im sprachlichen Sinn.

Suchen Sie mal in unserem Beispielsatz nach Verben, das ist gar nicht so einfach. Nach längerer Fahndung finden Sie – tataaa! – ein Verb. Und das ist dann auch noch eines, dessen Aussagekraft außerordentlich überschaubar ist, nämlich „sind“. Dynamik ist was anderes.

Wenn Sie nach dem Prinzip „Substantive raus, Verben rein“ mal kräftig durchfegen, kann das Ganze zum Beispiel so aussehen:
 

Der Schlüssel zu diesen Erfolgen liegt darin, die angestrebten Veränderungen zu steuern und fortlaufend zu unterstützen. Darüber hinaus gilt es, die schwierigen Entwicklungen, die mit Veränderungen einhergehen, aktiv zu kontrollieren und alle Mitarbeiterebenen einzubinden.

 

Jetzt haben wir zwar 35 Wörter und damit mehr als vorher, aber die verteilen sich auch auf zwei Sätze. Und: Es ist ordentlich Aktion reingekommen – es gibt nun sieben Verben, der Fokus ist also deutlich in Richtung der Tätigkeiten verschoben. Da stört es dann auch nicht mehr, dass man bei den sieben noch vorhandenen Substantiven kurz anhält.

Schmerzhaft, aber heilbar: Substantivitis

Für die übermäßige Produktion von Substantiven hat jemand mal den scherzhaft gemeinten Namen „Substantivitis“ erfunden, wobei die Endung „-itis“ angelehnt ist an die medizinischen Begriffe für entzündliche Erkrankungen. Der Schmerz, den sprachsensible Menschen bei diesem Namen quasi gleich mitfühlen, trifft zwar selten diejenigen, die solche Texte produzieren, dennoch finde ich den Begriff sehr treffend.

Die Substantivitis scheint ansteckend zu sein – wenn es in einem Unternehmen jemanden gibt, der deutliche Symptome zeigt, gehen diese häufig auf andere über. Und sie ist durchaus nicht nur in Behörden verbreitet. Vorsicht ist bereits geboten, wenn jemand häufig Wendungen gebraucht wie „in Erfahrung bringen“ (statt: herausfinden), „in Erwägung ziehen“ (statt: erwägen) oder „in Rechnung stellen“ (statt: berechnen).

Einfache, klare Verben lindern die Symptome und sorgen für mehr Wohlbefinden auf allen Seiten.

 

 
 


randbemerkung

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