Henning Krumrey (c) Julia Nimke
Henning Krumrey (c) Julia Nimke
"Jetzt werde ich, Albaner‘"

Henning Krumrey: Nach 27 Jahren Journalismus geht er in die PR

27 Jahre lang arbeitete Henning Krumrey als Wirtschaftsjournalist. Anfang Januar wird er in die PR gehen. Was ihn auf die andere Seite lockt, was er erwartet und was gute Kommunikation für ihn ausmacht, verrät er im Interview.
Felicitas Ernst

Herr Krumrey, Sie werden zum 1. Januar 2016 neuer Leiter der Abteilung für Politik und Kommunikation beim Recycling­spezialisten Alba Group. Vor welchen Herausforderungen in Ihrer neuen Position haben Sie am meisten Respekt?
Henning Krumrey: Man muss sicher – mehr als in der Vergangenheit – die eigenen Worte wägen. Ich hatte bisher das große Glück, vor allem dank meiner Chefredakteure Roland Tichy und Helmut Markwort, dass ich immer schreiben konnte, wie und was ich wollte. Jetzt muss ich zurückhaltender sein, auch weil Alba eine börsennotierte Tochter hat. Der Reiz und die Herausforderung an dieser neuen Position ist das große Spektrum, das hier zu bearbeiten ist. Dieses umfasst klassische und Börsenkommunikation, das Bespielen der Social-Media-Kanäle, Marketing, Sponsoring und politische Lobbyarbeit – es gibt also genug zu tun.

Der Chefredakteur vom „Wirtschaftsjournalist“, Markus Wiegand, schrieb in seinem Artikel „Was Journalisten falsch machen“ diesen Satz: „Wenn Spitzenpolitiker ohne Karenzzeit in die freie Wirtschaft wechseln, ist das sehr anrüchig. Wenn Spitzenjournalisten ohne Unterbruch auf die PR-Seite gehen, suchen sie einfach mal nach ­einer neuen Herausforderung.“ Ihre Unterbrechung beträgt ­einen Monat. Ist das genug?
Mein Vertrag läuft Ende November aus. Aber aus dem Hauptstadtbüro bin ich schon am 30. April ausgeschieden. 

Ist ein halbes Jahr genug?
Mich haben in der Tat schon einige Politiker darauf angesprochen und gefragt: „Wie verhält sich das eigentlich bei euch Journalisten? Da sieht man’ s doch wieder.“ Ich halte diese Diskussion in der Politik allerdings für etwas übertrieben: Zu meinen, ein Politiker hätte nach einem Jahr seine gesamten Kontakte verloren, ist Quatsch. Richtig ist es, in den Fällen hinzuschauen, in denen ein Amtsträger mit aktuellen Vorgängen beziehungsweise Akten befasst war, die seinen neuen Arbeitgeber betreffen könnten. Das ist bei einem Journalisten anders. Wir haben keine hoheitlichen Funktionen, wir treffen keine Entscheidungen. Von daher finde ich den Vergleich mit den Medien etwas schief.

Wie bereiten Sie sich auf Ihren neuen Job vor? Werden Sie sich coachen lassen?
Von Coaching halte ich wenig. Ich kenne die beiden Alba-Eigentümer Axel und Eric Schweit­zer schon einige Jahre und hoffe, sie haben sich Krumrey ausgeguckt, weil er ist, wie er ist. Wenn man dann durch einen Coach versuchen würde, ein Anderer zu werden, dann stimmt etwas nicht. Deshalb bin ich diesbezüglich zurückhaltend. Natürlich mache ich mich mit den Details noch vertrauter, als ich das ohnehin schon bin. Wichtig sind vor  allem die anstehenden großen umweltpolitischen Entscheidungen, gerade was den Recycling-, den Entsorgungsbereich oder das Wertstoffgesetz anbelangt.

Kurz zurück zum Coaching. Coaching heißt ja nicht, dass man sich um 180 Grad dreht und ein anderer Mensch wird.
Meiner Ansicht nach ist es besser, wenn man versucht, den richtigen Weg selbst zu finden.    In meiner 27-jährigen Tätigkeit im Wirtschafts- und Politikjournalismus habe ich viele, viele Kommunikationsleistungen von unternehmer­ischer und anderer Seite be­­obachtet. Da entwickelt man ein Gefühl dafür, was gut beziehungsweise schlecht war. Und  was den Kommunikationsbereich meiner neuen Aufgabe angeht, will ich mich bemühen, diese Arbeit aus der Sicht des Journalisten zu machen. Das heißt: Was ist für den Medienvertreter ein sinnvolles Angebot? Was will er oder sie wissen?

Sie sagten gerade, Sie haben 27 Jahre lang Kommunikationsleistungen beobachtet. Was hat Sie am meisten genervt an Kommunikatoren?
Einzelfälle möchte ich nicht nennen. Was mich immer gestört hat, war das gedankenlose Zumüllen des Journalisten mit irgendwelchen Dingen.

Das habe ich mir gedacht…
Ich sage das mal bewusst bösartig: Gerade bei Agenturen merkt man oft, dass die dem Praktikanten das Verzeichnis der Bundespressekonferenz geben mit dem Auftrag: „Jetzt rufst du die alle an und sagst, dass wir übermorgen eine Veranstaltung zu Thema X haben.“  

Ein Beispiel?
Na gut, eines. Ich erinnere mich an eine Agentur, die im Auftrag der deutschen Milchwirtschaft anrief. Sie lud das Hauptstadtbüro der „Wirtschaftswoche“ zu einer Pressekonferenz ein, um die Milchleistung des vergangenen Jahres zu präsentieren. Das ist allerdings für das „Wiwo“-Hauptstadtbüro, das sich mit der Wirtschaftspolitik befasst, kein zentrales Thema. Das habe ich dem armen jungen Mann am Telagen zuschicken. Ich lehnte ab. Dann fragte er, ob er in zwei Tagen nochmal anrufen dürfte… Ich merkte so richtig, unter welchem Druck dieser Mann stand. Diese Telefondrückerkolonnen tun mir leid, aber auch die Auftraggeber, die dafür zahlen müssen.

Aber Sie erinnern sich doch hoffentlich auch an eine gute Kommunikationsleistung.
Positiv finde ich, wenn es eine ehrliche Kommunikation ist. Mir hat es immer gut gefallen, wenn jemand bei mir angerufen hat und sagte: „Ich habe hier eine Information. Und die gebe ich Ihnen, weil…“ Man muss sich nichts vormachen: Niemand erzählt einem Journalisten etwas, weil der Medienvertreter so schöne blaue Augen hat. Es steht immer ein Interesse dahinter. Und das ist legitim. Kennt der Journalist das Interesse des Absenders, kann er immer noch entscheiden, ob die Information für sein Publikum interessant ist oder eben nicht. 

Können Sie das mit einem ­Beispiel belegen?
Lieber nicht. (lacht)

Wenn Sie drei Schlagworte nennen müssten, die einen ­guten Kommunikator aus­machen, wie würden sie lauten?
Ehrlichkeit, Verlässlichkeit und Präzision.

Was werden Sie am ­Journalistendasein vermissen?
Die Freiheit. Ich könnte mir niemanden vorstellen, der mehr Freiheit hatte als ich. Aber alles hat seine Zeit. Meine neue Aufgabe ist durch dieses enorm breite Spektrum eine spannende Sache. Zudem bin ich niemand, der zurück schaut. Jetzt kommt eine neue Phase. Bei Helmut Kohl hat man gesagt, 16 Jahre sind genug. Da müssen bei Krumrey 27 reichen. (lacht)

Könnten Sie sich irgendwann eine Rückkehr in den ­Journalismus vorstellen?
In ein paar Jahren – warum nicht? Jetzt ­werde ich „Albaner“.

Der Personalberater Jörg ­Busenbender, der Unternehmen bei der Rekrutierung und ­Entwicklung von Führungskräften begleitet,  fasste die Verlockungen der PR-Branche einmal so ­zusammen: „Deutlich mehr Gehalt, ­sichere ­Altersvorsorge, bessere ­Aufstiegschancen.“ Was lockt Sie in die PR?
Diese drei Dinge haben mich ehrlich gesagt überhaupt nicht interessiert. Ich finde es spannend, Kommunikation auf der anderen Seite so zu gestalten, dass sie dem Unternehmen nützt und dem Journalisten vermittelt: Hier wird ordentlich gearbeitet, auf unsere Kommunikation kannst du dich verlassen. Und das wird bei Alba gut funktionieren, weil die beiden Eigentümer auch so ticken wie ich. Für mich ist ganz klar: Ich werde nicht lügen. Und so wollen das die beiden Schweitzer-Brüder auch. Wäre das anders gewesen, hätte ich die Aufgabe nicht übernommen.

 

 
Henning Krumrey (c) Julia Nimke
Henning Krumrey

Henning Krumrey war stellvertretender Chefredakteur und Leiter des Hauptstadtbüros der „Wirtschaftswoche“ in Berlin. Zudem gehörte er zur Gründungsmannschaft des „Focus“. Krumrey studierte Volkswirtschaft und Politik in Berlin und Köln und absolvierte parallel dazu die Kölner Journalistenschule.

 

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