Sich mit anderen auszutauschen, halte uns frisch und mache unser Denken schneller, sagt Neurowissenschaftler Henning Beck. (c) Getty Images/MissTun
Sich mit anderen auszutauschen, halte uns frisch und mache unser Denken schneller, sagt Neurowissenschaftler Henning Beck. (c) Getty Images/MissTun
Neurowissenschaftler Henning Beck

„Kommunikation ist das beste Gehirnjogging“

Wie lernen Menschen eigentlich am besten? Was behindert den Lernprozess? Und warum macht Scheitern klug? Henning Beck, Neurowissenschaftler, Autor und Science Slammer, im Gespräch über gehirngerechte Arbeitswelten, den positiven Effekt von Fehlern und Neuro-Mythen.
Hannah Petersohn

Herr Beck, welche Schritte geht das Gehirn beim Lernen?

Henning Beck: Zuerst einmal brauche ich ein Problem, das mich nervt. Ich muss unzufrieden sein. Ich muss mich in das Problem einarbeiten, Fragen stellen und dann zu einem Punkt kommen, an dem ich keine Lust mehr habe. Dann gehe ich auf Distanz zum Thema. Währenddessen wird unterbewusst mein Wissen kombiniert. Das ist die passive Phase, der Zustand des aktiven Wartens.

Was stört den Prozess des Lernens?

Unkontrollierbare Ablenkung und wenn Chefs ihre Mitarbeiter zu sehr kontrollieren: Je mehr Kontrolle, desto schlechter das Ergebnis. Das belegen auch Tests. Tatsächlich werden dann Gehirnregionen aktiv, die das Denken blockieren. Dann muss man viel Energie dafür aufwenden, die Beobachtung zu ignorieren. Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser.

Trifft das auf jede Form der Arbeit zu?

Das spielt insbesondere bei Wissensarbeit eine Rolle. Wenn es darum geht, kreativ zu sein, Ideen zu haben. Wird man dabei kontrolliert, muss das Gehirn unheimlich viel Energie dafür aufbringen, die Kontrolle auszublenden. Es hat dann weniger Energie übrig für die kreative Leistung. Kontrolle bedeutet immer auch eine Form von Bewertung. Man quantifiziert seine eigene Handlung sofort, weil es das Außen ja auch tut.

Was behindert, außer der Kontrolle, den Weg zu neuen Ideen noch?

Angst. Gerade dann, wenn man Neues wagt und scheitern könnte. Das Gehirn bewertet diese Situation als potenziell gefährlich. Man exponiert sich, macht sich angreifbar. Deswegen ist angstfreier Raum wichtig. Und man muss den Mitarbeitern klarmachen, dass es in Ordnung ist, dass viele Ideen erst einmal Schrott sind. Ohne diesen Schrott kann aber nichts Neues und Großes entstehen.

„Man muss den Mitarbeitern klarmachen,
dass es in Ordnung ist, dass viele Ideen erst einmal Schrott sind.
Ohne diesen Schrott kann nichts Neues entstehen.“

 

Ist die deutsche Unternehmenskultur davon nicht noch weit entfernt?

Das ist weniger eine Frage der Kultur als der Branche. Es gibt solche, in denen man auf Korrektheit, Konformität, Effizienz und Fehlerfreiheit Wert legt. Dort ist es schwer, eine offene Atmosphäre zu schaffen, in der neue Ideen entstehen.

Warum gibt es diesen Wunsch nach Konformität überhaupt?

Kreative und querdenkende Menschen sind unbeliebt, die mag man nicht, weil sie all das infrage stellen, was man sonst immer auf eine bestimmte Art tut. Sie stellen Autoritäten und Abläufe infrage, ecken an und widersprechen. Das ist anstrengend. In vielen Branchen hasst man dieses Querdenken.

Sie haben einmal gesagt: „Die Schwächen unseres Gehirns sind unsere Stärken.“

Wir sind so oft von unseren Schwächen genervt. Wir hassen es, dass wir uns nicht an alles erinnern können, dass wir Zeit schlecht einschätzen, dass wir uns ablenken lassen, unkonzentriert sind oder dass wir schlecht rechnen können. Aber dahinter steckt eine Stärke. Würden wir nie etwas vergessen, wäre eine bedeutungsvolle Gewichtung des Inhalts schwer. Nur durch Vergessen können wir Wichtiges von Unwichtigem unterscheiden. Würden wir uns nie ablenken lassen, könnten wir nicht über den Tellerrand schauen. Könnten wir die Zeit wie ein Uhrwerk einschätzen, wären wir nicht zu Gedankenexperimenten in der Lage.

Fehlerfreiheit als das Ende des Menschen?

Wenn wir alles fehlerfrei und effizient machen würden, wären wir so leistungsfähig wie ein monokultiviertes Getreidefeld: Bei dem ist es gut, wenn alles gleich bleibt. Aber sobald sich etwas ändert, stirbt es. Wir müssen veränderungsfähig sein, um überleben zu können.

Wie können wir unser Gehirn und Denken wachhalten?

Indem wir uns viel mit anderen austauschen. Mit anderen zu kommunizieren ist das beste Gehirnjogging überhaupt. Das hält uns frisch und macht unser Denken schneller.

Sie sagen, es gebe keine unterschiedlichen Lerntypen. Welche Neuro-Mythen gibt es noch?

Wir nutzen zum Beispiel nicht nur zehn Prozent unseres Gehirns. Das ist kompletter Unsinn. Unser Gehirn arbeitet immer als Ganzes. Ein anderer Mythos ist der vom angeblichen Reptiliengehirn, das sich im innersten Kern unseres Gehirns befände und unsere Triebe steuern würde. Es gibt nicht die eine Region, die vernünftig arbeitet, und die andere, die archaisch funktioniert. Ein anderer Mythos ist der, dass Männer und Frauen unterschiedlich denken würden.

Es gibt keinen Unterschied zwischen männlichem und weiblichem Denken?

Zumindest nicht so, wie es populärwissenschaftlich oft dargestellt wird. Es gibt einfach generell unterschiedliche Denkweisen, auch unabhängig vom Geschlecht. Es ist außerdem nicht so, dass Frauen mehr sprechen als Männer: Beide verwenden im Durchschnitt täglich die gleiche Anzahl von Wörtern. Allerdings gibt es anatomische Unterschiede: Ich finde Frauengehirne optisch schöner. Sie sind meist symmetrischer, kleiner und kompakter. Männliche Gehirne sind oft etwas ausgebeulter.

Wie lernen Sie denn eigentlich?

Das kommt darauf an, was ich lerne, wann ich es lerne und zu welchem Anlass. Beim Auswendiglernen muss es einen Rhythmus geben aus Wiederholungen und Pausen. Wenn man einen Vortrag halten und ihn einüben will, geht es weniger darum, den Inhalt eins zu eins zu vermitteln. Ich muss mir den Inhalt eines Vortrags konzeptionell erschließen.

„Es ist nicht so, dass Frauen mehr sprechen als Männer. 
Beide verwenden im Durchschnitt täglich 
die gleiche Anzahl von Wörtern.“

 

Wie würde eine gehirngerechte Arbeitswelt aussehen?

Wie ein mittelalterliches Kloster, in dem die drei verschiedenen Arbeitsmodi im Einklang stehen: Es muss Räume geben, in denen man konzentriert und ungestört arbeiten kann. Dann braucht man Räume, in denen man sich mit anderen austauschen kann. Und schließlich sind Räume zur Entspannung wichtig. In einem Kloster gibt es meist einen zentralen Garten, der der Entspannung dient. Dieser Garten wird umrundet von einem Kreuzgang, in dem man sich mit anderen austauschen kann. Von dem Gang abgehend befinden sich Schreibstuben für den Rückzug. Der physische und aktive Raumwechsel fördert das Denken und lenkt es in andere Richtungen.

Das Gehirn ist selbst beim Nichtstun immer in Aktion. Es schläft nie.

Es legt sich nie auf seine faule Hirnhaut. Es ist immer aktiv, auch wenn wir Pausen machen und schlafen. Während dieser Zeit verdaut man Informationen zu Wissen, und zwar nur dann. Dafür ist eine reizfreie Umgebung dringend notwendig.

Wie sollte ein Arbeitsplatz gestaltet sein, damit wir gut lernen können?

Jede Arbeit benötigt ein anderes Umfeld. Es kann sinnvoll sein, einen individuell gestalteten Schreibtisch zu nutzen oder aber in einer Art offenem Büro ohne feste Arbeitsplätze zu sitzen. Gerade wenn man projektbezogen arbeitet, muss man nicht unbedingt an einem Tisch verankert sein.

In der Regel wollen Menschen Wurzeln schlagen, wenn auch nur temporär.

Das ist oft der Fall. Das ist aber weniger eine Abgrenzung gegenüber Kollegen oder anderen Abteilungen. Es geht um die Definition des eigenen Bereichs. Um eine Rückzugsmöglichkeit, eine Art Basisstation, von der ausgehend man agiert.


Dieser Beitrag ist in voller Länge zuerst im Fachmagazin Human Resources Manager erschienen.

 

 
Henning Beck (c) Marc Fippel
Henning Beck
Neurowissenschaftler, Autor und Science Slammer

Der studierte Biochemiker, promovierte Neurowissenschaftler und Buchautor unterstützte bereits Start-ups in Kalifornien darin, innovativer zu werden.

 

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