Foto: Getty Images/iStockphoto/Torsakarin
Foto: Getty Images/iStockphoto/Torsakarin
Kommentar

HeidelbergCement: Es hat jemand die Absicht eine Mauer zu bauen

Bereits die Ankündigung des Baus einer Mauer zwischen den USA und Mexiko sorgte im US-Wahlkampf für Aufregung. Bernd Scheifele, CEO des Baustoffkonzerns HeidelbergCement, griff das Thema nun bei der Verkündung der Quartalszahlen auf und erntete entsprechende Reaktionen. Dirk Popp, Experte für Krisenkommunikation, kommentiert für pressesprecher das Geschehen.
Dirk Popp

Vielleicht war beim Verkünden der Quartalszahlen einfach zu wenig los. Oder aber Bernd Scheifele, Chef des deutschen Dax-Konzerns HeidelbergCement, langweilte der ewig gleiche, leicht fade Rhythmus aus Zahlenkolonnen. Möglicherweise überlegte er auch, wie man für das Q3-Ergebnis spontan doch mehr Aufmerksamkeit fürs Zementgeschäft erzielen könne.

Was auch immer den Boss von HeidelbergCement umtrieb, ausgerechnet am 9. November, dem Tag des Mauerfalls, vom Bau einer Mauer zu schwadronieren - es funktionierte. Und so ließ Bernd Scheifeles die Öffentlichkeit an seinem visionären Tagtraum teilhaben. Der wiederum hat mit keinem geringeren als Donald Trump zu tun: Falls eine Mauer an der Grenze zu Mexiko gebaut werden würde, werde sie "nicht aus Holz gebaut, sondern aus Zement", frohlockte der Konzernchef. Und bei einer Mexiko-Mauer "wären wir in Texas und Arizona nicht schlecht bedient", man habe dort schließlich eigene Zementwerke.

Leider waren die Menschen da draußen nicht ganz so verständnisvoll wie erhofft. Vielleicht konnten sie auch einfach die unbändige Vorfreude eines Betonherstellers über eine dermaßen einzigartige Geschäftsgelegenheit nicht begreifen. Denn entgeistert über den, für viele Deutschen wohl eher geschmacklosen Gedankengang, stürzten sich Medien und Netzgemeinde auf das schmissige Zitat. "Endlich mal wieder eine große Mauer", ätzte das Manager Magazin. Die taz meinte, dass "ein solch gigantisches Geschäft nichts ist, was sich Scheifele – etwa aus moralischen Gründen – entgehen lassen würde." In der Kolumne "Brief der Woche" schreibt SWR-Redakteur Jan Seidel an den "lieben Bernd" und bestärkt ihn in seinem Vorhaben, denn "Wer könnte besser eine lange, hohe Mauer zwischen zwei Staaten bauen als wir Deutsche?" Zynismus pur. Auch die IG Bau meinte sich äußern zu müssen. Ihr Vorsitzenden Robert Feiger ließ sich per Nachrichtenagentur zitieren: "Nicht alles, was für ihr Unternehmen Umsatz verspricht, ist legitim. Es gibt rote Linien."

Selbstredend war der Aufruhr in den sozialen Netzwerken ebenfalls groß. Beschämung, Unverständnis, Hohn und Spott allerorten. "Willkommen in Trumpworld: Wenn normale Nachrichten sich wie Satire anhören", war in einem Tweet zu lesen. Oder "Keine Ente von Der Postillion: Endlich mal wieder eine große Mauer." Ein anderer Nutzer brachte es so auf den Punkt: "HeidelbergCement will Trump's Mauer bauen? Mehr Fremdschämen geht nicht." Mühelos könnte man zahllose ähnliche Posts zitieren.

War es das nun wert?

Die persönliche Reputation und die des Unternehmens wegen einer knackigen Aussage zu riskieren? Wohl nicht. Auch wenn manch ein PR-Profi nach dem Wahlkampf in den USA meint, es wäre auch in Deutschland an der Zeit, markigere Töne anzuschlagen.

Das Bauchgefühl, der gesunde Menschenverstand, oder vielleicht einfach nur die Nachfrage bei den eigenen PR-Leuten hätten warnen müssen. Oder auch der Blick über den Tellerrand. Es gab mal einen Deutsche-Bank-Chef, der kurz vor dem Mannesmann-Prozess die Hand zum Victory-Zeichen hob. Das Ganze dauerte nur wenige Sekunden. Das Foto blieb dennoch über die Jahre das personifizierte Sinnbild für raffgierigen Turbokapitalismus. Sicher, Scheifeles Zitat hat nicht diese Dimension. Dennoch erscheint es vielen Beobachtern, dass dem Chef des kurpfälzischen Baustoffkonzerns der moralische Kompass abhanden gekommen ist. Oder dieser doch zumindest nicht richtig geeicht ist. So ein Image hat am Ende noch keinem Unternehmen gut getan. Selbst dann nicht, wenn HeidelbergCement die eigene Schmerzgrenze für sich selbst sehr hoch legt.

 

 
 


randbemerkung

Bitte achten Sie bei Ihren Beiträgen unsere Netiquette.

Das könnte Sie auch interessieren.

Auch die investigative Recherche von Journalisten hat rechtliche Grenzen. (c) Getty Images/Viktor_Gladkov
Foto: Getty Images/Viktor_Gladkov
Lesezeit 3 Min.
Ratgeber

Wie Sie sich gegen Investigative wehren können

Eine Reporterin hat sich als Praktikantin ausgegeben und heimlich Filmaufnahmen in Ihrer Firma gemacht. Müssen Sie nun zusehen, wie die Berichterstattung ihren Lauf nimmt? Mitnichten. Eine Vielzahl von Maßnahmen bietet sich an. »weiterlesen
 
Konsequenter Datenschutz ist immer auch eine Frage des Bewusstseins der Mitarbeiter. (c) Penelope Graßhoff/GettyImages
Foto: Penelope Graßhoff/GettyImages
Lesezeit 3 Min.
Gastbeitrag

So wird die Interne Kommunikation DSGVO-konform

Auf die Datenschutzgrundverordnung der Europäischen Union, die am 25. Mai in Kraft tritt, sollten auch interne Kommunikationsabteilungen gut vorbereitet sein. Worauf unter anderem bei Mitarbeiter-Apps zu achten ist, erklärt Beekeeper-Chef Cristian Grossmann. »weiterlesen
 
Die Auswertung von Pressemonitorings kann strategische Entscheidungen mit beeinflussen, wie Oliver Graßy im Interview erklärt. (c) GettyImages/NorthernStock
Foto: GettyImages/NorthernStock
Lesezeit 2 Min.
Interview

Was leisten Pressemonitorings?

Pressemonitorings helfen beim Steuern von Kommunikationsstrategien. Doch wie lassen sich Fehlinterpretationen von Daten vermeiden? Und kommt Anbietern auf Dauer das Geschäftsmodell abhanden, jetzt, wo klassische Medien an Bedeutung verlieren? »weiterlesen
 
Ob ein Event gelingt, hängt von vielen Faktoren ab. (c) GettyImages/mariakraynova
Foto: GettyImages/mariakraynova
Lesezeit 3 Min.
Ratgeber

Wie man ein Presse-Event in den Sand setzt

Klar, Gast war jeder von uns schon oft. Und Feiern haben wir selbst viele veranstaltet. Aber kennen Sie auch diese Fehler, die den Erfolg einer PR-Veranstaltung gefährden? »weiterlesen
 
Für eine erfolgreiche Liveübertragung bedarf es inhaltlicher Vorbereitung, etwas technischen Verständnisses und einer integrativen Kommunikation über alle relevanten Kanäle.(c) Thinkstock/kicia_papuga
Für eine erfolgreiche Liveübertragung bedarf es inhaltlicher Vorbereitung, etwas technischen Verständnisses und einer integrativen Kommunikation über alle relevanten Kanäle.(c) Thinkstock/kicia_papuga
Lesezeit 3 Min.
Gastbeitrag

Acht Tipps, wie ein Livestream zum Erfolg wird

Für den Kommunikationsmix können Liveübertragungen auf Social Media wertvoll sein. Wie sie gelingen und warum Sie sich von dem Prinzip „kostet nix“ verabschieden sollten. »weiterlesen
 
Viele Fans nehmen die Verlautbarungen ihrer Netz-Idole für bare Münze. Doch die klimpert nur an einer Stelle: in der Geldbörse des bezahlten Influencers. (c) Thinkstock/z_wei
Foto: Thinkstock/z_wei
Lesezeit 3 Min.
Kolumne

Was Influencer Marketing mit PR zu tun hat

Wer eine bestimmte Meinung kauft, macht keine PR, findet Kolumnist Claudius Kroker. »weiterlesen