Pausen sind beim Reden unverzichtbar. (c) Getty Images /  jakkaje808
Pausen sind beim Reden unverzichtbar. (c) Getty Images / jakkaje808
Reden halten

Eine gute Rede halten? Machen Sie Pausen!

Warum sind Pausen beim Reden wichtig? Unser Kolumnist meint: Wer beim Reden keine Pause macht, hat keinen Bezug zu seinen Zuhörern – und kann demnach auch keine Botschaften transportieren.
Claudius Kroker

Es soll Menschen geben, die können pausenlos reden. Und zwar im Wortsinn. Ich habe Anfang des Jahres so jemanden bei einem Neujahrsempfang gehört: Gute Rede, aber leider keine Pausen. Die Botschaften gingen unter, die Pointen wurden nicht wahrgenommen. Das Auditorium hatte nicht einmal die Chance, über einen Witz zu lachen, denn der Redende war schon längst im nächsten Absatz.

Warum sind Pausen in Reden eigentlich so wichtig? – Der frühere Bundestagspräsident Norbert Lammert, zweifellos einer der profiliertesten Redner in der Politik der letzten Jahre, hat es im Interview mit dem Zeit-Magazin einmal so gesagt: „Ich brauche sie, um zu überlegen, was ich als Nächstes sagen will, und höre auch von Zuhörern, dass sie die Zäsuren gern als Chance nehmen, um mitzudenken.“ Offenbar aus reiner Bescheidenheit fügte er hinzu: „Hinter den Pausen steckt kein Kalkül.“

Pausen sind das kommunikative Trägermaterial

Vielleicht ist Kalkül nicht der passende Terminus, doch Pausen sind in jedem Fall wichtig: In Reden, Referaten und Vorträgen, sogar in der perfekten Darbietung von Poesie und Prosa. Pausen sind ein kommunikatives Trägermaterial, auf dem ich meine Botschaften zum Klingen bringe. Was für ein Satz…

Einfacher gesagt: Pausen sind ein wichtiges Handwerkszeug, damit Botschaften ankommen. Wer beim Reden keine Pause macht, hat keinen Bezug zu seinen Zuhörern, ergo kann auch keine Botschaft transportiert werden. Pausen haben folgende Aufgaben:

  1. „Sacken lassen“ beim Publikum
  2. Betonung dessen, was danach kommt
  3. Reaktionen des Publikums abwarten
  4. Nachdenken des Redners

Je nach Schwerverdaulichkeit der Rede-Inhalte ist es gut, wenn das Publikum zwischendurch ein „Bäuerchen“ machen kann. Einmal aufstoßen, dann geht es weiter.  Zuhörer sollen verstehen können, worum es geht und was der Redner oder die Rednerin vermitteln möchte. Zuhörer sollen schmunzeln können, wenn ein Satz unterhaltsam war. Sie sollen sich mit dem Redner verbünden können, wenn sie mögen. Für all diese Aktivitäten brauche ich als Zuhörer Zeit.

Wer weiß, wie viele gewichtige Sätze in der Weltgeschichte nie ein Teil der Weltgeschichte wurden, weil ihnen die Pause gefehlt hat, weil niemand dazu kam, ihre Tragweite zu erkennen. Also: Machen Sie mal Pause und geben Sie Ihrem Publikum die Chance, zu verstehen, was Sie gerade gesagt haben.

Wie aus Pausen Bedeutendes entsteht

Auch auf anderem Wege kann ich mit Pausen dem Gesagten die Möglichkeit geben, in die zitierte Weltgeschichte aufzusteigen. Indem ich Pausen nicht nur nach, sondern auch vor meine Botschaft setze. „Besonders wichtig ist es, dass wir…“ – ja, dass wir was denn? Der Redner stockt plötzlich, das Publikum reckt die Köpfe, die Hinterbänkler erwachen, die Aufmerksamkeit steigt. In diese Situation hinein kommt die Botschaft, die Formulierung, auf die es dem Redner oder der Rednerin ankam.

Von Willy Brandt ist überliefert, dass er als Bundeskanzler in seinen Reden lange um einen Begriff herumschwadronierte, bevor er ihn endlich aussprach. Das wirkte aufs Publikum so, als wäre es mitten im Prozess der Begriffs-Entstehung, als sei es Teil eines besonderen kommunikativ-historischen Moments: eine ganz starke Bindung zwischen Redner und Zuhörern. In Wirklichkeit stand bei Brandt wohl alles ausformuliert in seinem Redemanuskript, aber die Wirkung ist eine andere. Pausen sind der Aufmerksamkeits-Garant in der Rede.

So gesehen haben Pausen auch einen Kontroll-Mechanismus: Ich kann prüfen, ob wirklich alle aufmerksam sind (Pause vor der Botschaft) und ob das Gesagte seine Wirkung auch nicht verfehlt (Pause nach der Botschaft). Immer müssen Redner ihr Publikum buchstäblich im Blick haben, mit ihnen kommunizieren. Sie sollen nicht zu den Menschen sprechen, sondern mit ihnen. Eine Rede ist ein Dialog, kein Monolog. Das ist eine Grundregel, die für alle Redner und Redenschreiber gilt. Wobei Redenschreiber keine Pausen machen. Sie können allenfalls beratend auf die Redner einwirken und Tipps für das richtige Pausen-Timing geben. Letztlich sind es die Redner, die Pausen machen oder pausen-los reden.

Schließlich haben Pausen noch einen ganz einfachen Grund: Sie geben nicht nur dem Publikum die Möglichkeit einer kurzen Rekonvaleszenz. Auch die Redner erhalten auf diese Weise eine Mini-Auszeit, in der sie sich und ihre Rede prüfen, strukturieren und korrigieren können. Bin ich abgeschweift? Ist der rote Faden noch da? Ist mein Publikum noch da…? Ganz wie Norbert Lammert es sagte: „überlegen, was ich als Nächstes sagen will“. Auch in diesem Sinne wäre es gut, wenn manche Redner in ihren Reden viel mehr Pausen machen.

 

 
 


randbemerkung

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