Cover: B&S Siebenhaar Verlag, Collage: Laurin Schmid
Cover: B&S Siebenhaar Verlag, Collage: Laurin Schmid
Rezension

Geschichten hinter dem Modewort

Wie sieht Disruption in der Kommunikation aus? Eine Frage, die das Buch „Disruptive Affairs“ von Gunnar Bender, Georg Milde und Jessica Pehlert zu beantworten versucht. Anhand konkreter Beispiele aus der deutschen Wirtschaft, Politik und Gesellschaft beleuchten die Autoren die Innovationskraft deutscher Kommunikatoren. Ob das Buch selbst Schlagkraft hat, lesen Sie hier.
Anne Hünninghaus

„Disruption“ ist ein Begriff, der in der Management-Literatur für vieles herhalten muss. Er ist neu genug, dass Words Rechtschreiberkennung ihn rot unterschlängelt, wird aber in jüngster Zeit so inflationär und vor allem universell verwendet, dass er schnell in Phrasen-Verdacht gerät. Als gängige Beispiele für das Zerstören traditioneller und das Schöpfen neuer Wirtschafts- und Managementkonzepte werden häufig Start-ups wie Uber (das Prinzip „Taxi“ neu erfinden) oder Airbnb („Hotel“ neu erfinden) genannt.

Gunnar Bender, Georg Milde und Jessica Pehlert belassen es nicht bei diesen Klassikern. Die Autoren von „Disruptive Affairs“ suchen nach konkreten Beispielen, wie sich das Prinzip operationalisieren lässt und nähern sich dem Thema strukturiert in drei Schritten. Im kompakten ersten Teil leiten sie die Notwendigkeit disruptiven Denkens aus wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen her. Herzstück des Buchs ist der Mittelteil, bestehend aus 21 Kurzporträts von Querdenkern aus den Bereichen Wirtschaft und Arbeit (unter anderem: Eva-Maria Kirschsieper und Anika Geisel von Facebook, Ernst Primosch von H+K), Medien und Öffentlichkeit (Nora-Vanessa Wohlert, Edition F) und Politik und Gesellschaft (zum Beispiel Marco Vollmar, WWF; CDU-Generalsekretär Peter Tauber). Die Best Cases werden auf je vier bis fünf Seiten inklusive zahlreicher O-Töne präsentiert. Dass sich nicht alle Porträtierten streng an die in der Einführung gelieferte Definition des Begriffs halten, ist dabei (mit Ausnahme weniger etwas zu beliebig wirkender Aussagen) kaum störend. „Disruptive Affairs“ ist eine Begriffserfahrung, die ein Spektrum abbildet, wie sich Disruption und Innovation in der Kommunikation leben lassen.

Aus 169 Seiten spricht jede Menge Begeisterung und Zukunftsoptimismus. Manchmal ein bisschen zu viel – eine Portion Skepsis hätte einigen der Porträts gutgetan. In Teilen sind diese nämlich recht gefällig, selbst wenn es um durchaus strittige Themen geht, wie eine medizinische Online-Beratung oder die Verwendung von Native Ads statt klassischer gekennzeichneter Anzeigen.

Ein Highlight ist der Schlussteil, in dem eine punktgenaue „Zutatenliste“ Eigenschaften entschlüsselt, die aus einem Kommunikator einen disruptiven Denker machen. Unbedingt lesenswert! Anschaulich ist zudem die Visualisierung der verschiedenen Phasen in disruptiven Prozessen anhand des Buchstabens „Z“.

Fazit: Die kurzweilige Lektüre eignet sich dank der vielen persönlichen Schilderungen sehr gut als Quelle der Inspiration. Eine Empfehlung für Ideensucher!

Bewertung: Sollte man griffbereit haben (vier von fünf möglichen Sternen)

Cover: B&S Siebenhaar Verlag

 

 

 

 

 

 

 

 

Cover: B&S Siebenhaar Verlag

Gunnar Bender, Georg Milde, Jessica Pehlert: Disruptive Affairs. Neue Denkansätze für Kommunikatoren im Zeitalter digitaler Transformation, B&S Siebenhaar Verlag 2016, 24,80 Euro

 

 
 


randbemerkung

Bitte achten Sie bei Ihren Beiträgen unsere Netiquette.

Das könnte Sie auch interessieren.

Ein kluges Buch, das in Zeiten digitaler Transformation Mut macht. (c) Verlagsgruppe Random House, München
Cover: Verlagsgruppe Random House, München
Lesezeit 2 Min.
Rezension

Aussitzen schützt vor Digitalisierung nicht

Wir alle müssen anfangen, uns neu zu erfinden, meint der Journalist Christoph Keese. In seinem Buch erklärt er, wie es geht. Ein lesenswerter Mutmacher.  »weiterlesen
 
Die fortschreitende digitale Transformation fördert Teilhabe, aber auch Isolation, wie Publizist Georg Milde auf einer Reise um die Welt beobachtet hat. (c) Getty Images/NicoElNino
Foto: Getty Images/NicoElNino
Lesezeit 6 Min.
Essay

Planet der Informationsblasen

Für sein neues Buch reiste Georg Milde binnen 13 Wochen in 13 Länder und an Orte des Umbruchs. Ihn leitete die Frage: Was treibt die rasante Transformation in einer Welt an, die sich immer mehr vernetzt? Hier schildert er seine Eindrücke. »weiterlesen
 
In ihrem unaufgeregten, auf Verständlichkeit bedachten Buch empfehlen die Autoren mehr Zuversicht und weniger Skepsis beim Thema KI. (c) dtv
Cover: dtv
Lesezeit 2 Min.
Rezension

Wer hat Angst vor künstlicher Intelligenz?

Das Zeitalter der künstlichen Intelligenz fordert ein Umdenken von Führungskräften, behaupten die Autoren Paul R. Daugherty und H. James Wilson: mehr Zuversicht, weniger Skepsis. »weiterlesen
 
In ihrem selbstironischen, unwissenschaftlichen Buch schildern die Journalisten ihre Begegnungen mit Verschwörungstheoretikern. (c) Carl Hanser Verlag
Cover: Carl Hanser Verlag
Lesezeit 1 Min.
Rezension

Angela Merkel ist Hitlers Tochter!11!!

Verschwörungstheorien boomen. Warum? Und was lässt sich dagegen tun? Zwei Journalisten haben da Ideen. »weiterlesen
 
In Zeiten der Digitalisierung kommt es auf Kompetenzen wie Selbstwahrnehmung und Selbstkenntnis, Selbstregulierung und Empathie an. (c) Getty Images/Sensay
Foto: Getty Images/Sensay
Lesezeit 4 Min.
Ratgeber

Analoge Kompetenzen sind gefragt

Über den Faktor Kommunikation hinaus müssen Führungskräfte und Mitarbeiter einen souveränen Umgang mit Unsicherheit finden, um in komplexen und unbeständigen Zeiten digitaler Transformation handlungsfähig zu bleiben. Analoge Kompetenzen werden bisher oft unterschätzt – zu Unrecht. Aber wie lassen sie sich stärken? »weiterlesen
 
Um Treiber zu sein statt Getriebene, brauchen Kommunikatoren heute viel Selbstbewusstsein. (c) Getty Images/Brand X Pictures
Foto: Getty Images/Brand X Pictures
Lesezeit 6 Min.
Lesestoff

Mäuschen oder Manager

Wie steht es um das Selbstbewusstsein von Kommunikatoren in Zeiten des Wandels? Angesichts neu entstehender Aufgabengebiete wittert so mancher Berufsvertreter die Chance, nun das eigene Standing zu stärken – andere verlieren sich dagegen in Chaos und Unsicherheit. »weiterlesen