Ein Negativbesipiel für Krisenkommunikation. (c) Thinkstock/Evgueni Sinigalia
Ein Negativbesipiel für Krisenkommunikation. (c) Thinkstock/Evgueni Sinigalia
Gastkommentar zur Krisenkommunikation

Kommunikationsfehler der Kölner Silvesternacht

Nach den Übergriffen auf Frauen in der Silvesternacht in Köln wurden durch die beteiligten Akteure fünf der wichtigsten Regeln der Krisenkommunikation nacheinander und gründlich verletzt. Ein Meinungsbeitrag über die Chronologie einer verunglückten Kommunikation.
Frank Solms Nebelung
Ronja Nebelung
Jonas Henatsch

Die Silvesternacht hat den politischen Diskurs in Deutschland verändert. AfD, Rechtskonservative und Pegida-Anhänger sehen ihre Vorurteile durch die Vorgänge nur allzu gerne bestätigt. Wenn rechte Ansichten eine gewisse Überzeugungskraft beanspruchen können, gerät die Demokratie in Gefahr.

Wir wollen hier uns aber auf die kommunikativen Aspekte und ausschließlich auf Köln konzentrieren. Denn bei den Übergriffen der Kölner Silvesternacht ist es gerade auch die Kommunikation, die rechten Agitatoren eine breite Angriffsfläche bietet. Der Vorwurf, es gebe in Deutschland ein „Schweigekartell“ aus Polizei, Medien und Politik zu unliebsamen Themen, findet hier für diese ein nahezu ideales Beispiel.

Chronologie der Kommunikation

Am 1. Januar veröffentlicht die Kölner Polizei eine Pressemitteilung, nach der die meisten Feiern friedlich verlaufen sind und die Einsatzlage der Polizei entspannt gewesen ist.

Über die Vorfälle kommen, insbesondere in den sozialen Medien, Gerüchte auf. Lokale Medien beginnen über die Ereignisse zu berichten. Am Montag, den 4. Januar, bestätigt der damalige Kölner Polizeipräsident Wolfgang Albers auf einer Pressekonferenz, dass es in der Silvesternacht doch nicht so friedlich vonstattengegangen sei. Er sagt auch, dass die Tatverdächtigen „dem Aussehen nach aus dem arabischen oder nordafrikanischen Raum“ stammen würden. Bislang seien jedoch weder die genaue Anzahl der Täter noch deren Identitäten bekannt. Noch am selben Tag erklärt Arnold Plickert, Landesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei, dass bei der Aufklärung der Übergriffe nichts verschwiegen werden dürfe, „auch wenn das zu Ergebnissen führen sollte, die politisch unangenehm sind“. Demnach sollen die meisten der Täter junge Heranwachsende aus nordafrikanischen Herkunftsländern und dem Nahen Osten – darunter auch Flüchtlinge – gewesen sein. Plickerts Verhalten wird von einschlägigen Beobachtern als „Durchstecken“ von Informationen am Dienstherren vorbei gewertet.

Am 5. Januar treten Albers und die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker vor die Kameras. Albers wiederholt seine Aussage, dass über die Identitäten der Täter nichts bekannt sei. Ein Journalist bemerkt, dass einige Verdächtige Asylpapiere mit sich geführt haben sollen, die sie zweifelsfrei als Flüchtlinge ausweisen würden. Albers bestätigt dies, sagt jedoch im gleichen Atemzug, dass es bis jetzt keinen Grund zu der Annahme gäbe, dass sich Flüchtlinge unter den Tatverdächtigen befanden hätten. Reker fügt hinzu, es gebe „keinen Hinweis, dass es sich hier um Menschen handelt, die hier in Köln Unterkunft als Flüchtlinge bezogen haben“. Entsprechende Vermutungen halte sie für absolut unzulässig.

Am 7. Januar meldet die Kölner Polizei, dass 16 junge Männer als Tatverdächtige identifiziert wurden. „Bei diesem Personenkreis handelt es sich weitestgehend um aus dem nordafrikanischen Raum stammende Männer“. Am 8. Januar gibt Albers an, dass viele der in der Tatnacht kontrollierten Männer Asylbewerber gewesen sind. Noch am selben Tag versetzt Nordrhein-Westfalens Innenminister Ralf Jäger Albers in den einstweiligen Ruhestand. Reker gibt an, dass die Polizei ihr gegenüber den genauen Kenntnisstand der Ermittlungen verschwiegen habe: „Dass ich diese Informationen, insbesondere zur Herkunft von ermittelten Beteiligten aus der Gruppe der Täter erst aus den heutigen Medien entnehmen kann, kann ich als Oberbürgermeisterin dieser Stadt nicht akzeptieren“. Das stelle einen schweren Vertrauensbruch dar. CDU und FDP fordern einen Untersuchungsausschuss, der die Vorgänge klären soll.

Die kommunikativen Versäumnisse

Der kommunikativen Handhabung dieser Krise fehlte ganz offensichtlich jede Ordnung und Strategie. Es wurden darüber hinaus gleich fünf der wichtigsten Regeln der Krisenkommunikation nacheinander und gründlich verletzt:

1. Keine Vertuschung

Zunächst wurden die Identitäten der Tatverdächtigen tagelang nicht offen benannt, obwohl die sozialen Netzwerke und Medien bereits berichteten, dass es sich um junge, männliche Flüchtlinge und/oder Menschen mit Migrationshintergrund handelte. Diese Diskrepanz zwischen Realität und Kommunikation wurde von der Bevölkerung zunehmend als Versuch der Vertuschung wahrgenommen. Bei der Analyse der Kommunikation der Polizei wird klar, dass dahinter unter anderem der legitime Wunsch stand, eine Stigmatisierung zu vermeiden. Denn es gilt bisher aus diesem Grunde bei der Polizei- und Kriminalitätsberichterstattung das ungeschriebene Gesetz, dass Aussagen über den ethnischen Hintergrund von Tätern nur dann getroffen werden, wenn sie für den Tathergang relevant sind.

2. Keine Salamitaktik

Als Tage später Polizei und Stadt die Identitäten der Tatverdächtigen doch bestätigt haben, wurde das zu zögerliche und nur scheibchenweise Preisgeben von wichtigen Informationen deutlich. Durch diese Salamitaktik wurde der Eindruck verstärkt, man wolle die Öffentlichkeit täuschen.

3. Keine Schönfärberei

Zur Schönfärberei: Frau Reker wurde im weiteren Verlauf der Konferenz gefragt, was sie jungen Frauen raten würde, wie sie solche Übergriffe verhindern könnten. „Eine Armlänge Abstand halten“, lautete der inzwischen berühmte Ratschlag der Bürgermeisterin.

4. Keine Arroganz

Angesichts eines Mobs von ca. 1.000 Personen wirkte dieser Rat eindeutig wie eine Verniedlichung und kann sogar als arrogant empfunden werden. Viele Opfer fühlten sich dadurch sogar verhöhnt. Wenn zur mangelnden Ehrlichkeit unangemessene oder unbedachte Bemerkungen hinzukommen, hat dies zur Folge, dass den Verantwortlichen keine strukturierte Aufarbeitung und Handhabung der Situation zugetraut wird.

5. Keine One-Voice-Policy.

Abschließend ist festzustellen, dass die unüberlegten und sich zum Teil widersprechenden Aussagen der Beteiligten Chaos und Verwirrung stifteten. Dieser Effekt wurde dadurch verstärkt, dass immer wieder Informationen aus dem Polizeiapparat „durchgesteckt“ wurden, die den offiziellen Statements widersprachen. Von einer One-Voice-Policy konnte nicht einmal in Ansätzen die Rede sein.

Fazit 

Die Kölner Silvesternacht zeigt, warum gute und überlegte Krisenkommunikation in allen gesellschaftlichen Bereichen seit Jahren an Bedeutung gewinnt. Denn diese eklatanten Kommunikationsfehler haben zu einem Vertrauensverlust in den Staat und seine Repräsentanten geführt.

Wir glauben zudem, dass angesichts der Flüchtlingskrise unsere Gesellschaft in eine kommunikative Reifung eintreten muss. Inmitten einer aufgeheizten Debatte voller kommunikativer Entgleisungen gilt es dabei zunächst, populistischen und radikalen Äußerungen von rechts und realitätsfernen Einschätzungen von links medial mäßigend entgegenzutreten. Im nächsten Schritt kommen wir als Gesellschaft aber nur dann weiter, wenn kriminelle Probleme, die mit der Ablehnung unserer Werte zu tun haben, zukünftig transparent kommuniziert und explizit benannt werden. Nur dann werden wir diese auch erfolgreich bekämpfen können. Und das wiederum ist eine wichtige Voraussetzung zur Bekämpfung der Rechtsradikalität und zur erfolgreichen Integration derer, die unseren Schutz verdienen.

 
 

Kommentare

Es kann und vor allem, es DARF nicht Aufgabe der Exekutiven sein, "mäßigend" entgegen zu wirken. Was in Köln passiert ist, ist keine unternehmensspezifische Problemstellung. Man muss von der Polizei erwarten können, die Dinge sachlich zu benennen. Die Polizei hat nicht den Auftrag, Stigmatisierungen entgegenzuwirken. Was hier passiert ist, ist der kommunikative Supergau, der einzig und allein daher rührt, dass Politik, Polizei und Medien der Auffassung sind, einen pädagogischen Auftrag zu haben. Informationspolitik wie in der DDR. Was dort früher das Westfernsehen war sind heute die Sozialen Medien!


randbemerkung

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