Es gibt mehr (falsche) Glaubenssätze, als man denkt. (c) Getty Images/RuthBlack
Es gibt mehr (falsche) Glaubenssätze, als man denkt. (c) Getty Images/RuthBlack
Kolumne

Fünf Mythen der Rechtschreibung

In der Rechtschreibung gibt es mehr Glaubenssätze, als man denkt. Die Annahmen, die ihnen zugrunde liegen, sind tief verwurzelt – aber oft veraltet oder nie korrekt gewesen.  
Juliane Topka

Im Lektorat geht es immer darum, den jeweiligen Text aus der Perspektive der Zielgruppe wahrzunehmen und ihn für diese optimal aufzubereiten. Die sprachlichen Register können dabei stark variieren – eine Pressemitteilung, die sich an Redaktionen wissenschaftlicher Fachzeitschriften richtet, formuliert man anders als eine, mit der man die Tagespresse und über sie die breite Öffentlichkeit informieren will.

Korrekte Rechtschreibung sollte aber in jedem Fall sichergestellt sein. Gerade auf diesem Gebiet gibt es eine Reihe von falschen Annahmen, die im Lektorat immer wieder Thema sind. Schauen wir uns die Hitliste der Mythen, denen ich in meiner täglichen Arbeit am häufigsten begegne, mal genauer an.


Platz 5: „Zahlen bis 12 schreibt man im Fließtext immer aus.“

(c) Getty Images/Photoco

Viele von uns haben in der Schule die Buchdruckerregel gelernt, nach der Zahlen bis 12 in Fließtexten grundsätzlich als Wort geschrieben werden. Diese Regel gilt so schon lange nicht mehr. Sie können frei entscheiden, wie Sie Zahlen schreiben. Innerhalb eines Dokuments – oder im Rahmen Ihrer Unternehmenskommunikation – sollten Sie aber möglichst nach einem einheitlichen System verfahren. In Verbindung mit Einheiten sind Ziffern zum Beispiel viel einfacher zu lesen, selbst wenn die Einheiten ausgeschrieben sind: „4 Prozent“ lässt sich deutlich schneller erfassen als »vier Prozent«.


Platz 4: „Ein Apostroph ist irgendein Strich oberhalb der Schrift.“

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Der Apostroph wird inflationär falsch eingesetzt. Dass man ihn für den Genitiv von Substantiven ebenso wenig braucht wie für den Plural von Abkürzungen, hat sich inzwischen weitgehend herumgesprochen. Und in kurzen Verschmelzungen wie ums, ins oder aufs ist er zwar nicht falsch, aber auch nicht notwendig.

Korrekturbedarf gibt es allerdings sehr häufig beim Strich selbst: Die Zeichen auf der Taste rechts vom ß sind Akzente, die haben mit einem Apostroph nichts gemein. Die Taste rechts außen neben dem Ä ist grundsätzlich die heißere Spur – je nach Positionierung zum Text erzeugt sie aber oft auch ein einfaches Abführungszeichen [‘]. Ein Apostroph zeigt nicht nach oben, sondern nach unten wie ein Komma [’], weshalb er auch Hochkomma genannt wird. Gezielt erzeugen Sie ihn am PC, indem Sie bei gedrückter Alt-Taste am Ziffernblock 0146 eingeben.


Platz 3: „Auf entgegen, gegenüber, laut und gemäß folgt der Genitiv.“

(c) Getty Images/Phil Leo / Michael Denora

In einigen Fällen ersetzt die Alltagssprache tatsächlich einen eigentlich richtigen Genitiv durch einen Dativ – so ist bei „wegen“ schon seit einiger Zeit der Dativ als umgangssprachliche Variante im Duden verzeichnet. Häufiger kommt es nach meiner Beobachtung aber vor, dass Journalisten und andere Schreibende den Genitiv in Wendungen nutzen, in denen der Dativ seit jeher die richtige Wahl ist: In Kombination mit „entgegen“, „gegenüber“, „laut“ und „gemäß“ ist der Dativ immer korrekt (entgegen dem Vorschlag, gegenüber dem Reichstag, laut dem Pressesprecher, gemäß dem Gesetz). Einzig bei „laut“ ist der Genitiv eine mögliche Alternative.


Platz 2: „Anführungszeichen sind sehr vielseitig einsetzbar.“

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Anführungszeichen nutzt man, um Zitate und Titel zu kennzeichnen. Mehr gibt es zu diesem Thema im Bereich der Unternehmenskommunikation eigentlich nicht zu sagen. Eigentlich. In der Praxis sind weitere Zwecke verbreitet, die aber nicht korrekt sind.

Anführungszeichen sind nicht dazu da, etwas zu betonen – dafür gibt es zum Beispiel Fettung und Kursivschrift. Viele Menschen behelfen sich auch mit den Strichlein, wenn sie merken, dass ein Begriff oder eine Formulierung nicht exakt das trifft, was sie meinen. Auch das ist in der Unternehmenskommunikation ungünstig: Suchen Sie weiter nach dem richtigen Begriff oder formulieren Sie um, bis Sie ohne die Anführungszeichen auskommen.


Platz 1: „Unternehmensnamen werden grundsätzlich nicht gekoppelt.“

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Bindestriche helfen, Zusammenhänge zwischen Begriffen leichter zu erfassen. Werden mehrere Hauptwörter zu einem neuen Gesamtbegriff zusammengesetzt, macht man das sichtbar, indem man den neuen Begriff entweder in einem Wort schreibt oder die Bestandteile mit einem Bindestrich zusammenfügt. Ein Seminar, in dem es um Reisekosten geht, ist ein Reisekosten-Seminar. Das Institut, das nach Max Planck benannt wurde, heißt Max-Planck-Institut.

Diese Regeln gelten auch für Zusammensetzungen mit dem Unternehmensnamen: Die Firma Schröder stellt nicht etwa „Schröder Produkte“ her, sondern Schröder-Produkte. Die Beschäftigten sind Schröder-Mitarbeiter, nicht Schröder Mitarbeiter. Vorgaben, dass der Unternehmens- oder Markenname auf keinen Fall gekoppelt werden darf, werden häufig mit Design-Richtlinien (nicht: Design Richtlinien) begründet, haben mit korrekter Rechtschreibung aber gar nichts zu tun. Warum Design einen höheren Stellenwert haben soll als Verständlichkeit, konnte mir bisher noch niemand plausibel erklären. Mir jedenfalls wäre immer am wichtigsten, dass meine Leser leicht erfassen können, wovon ich schreibe. Ich arbeite schließlich nicht für eine Behörde.

 

 
 

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Kommentare

Toller Beitrag, Frau Topka! Da steckt viel Wahrheit drin. Ich stoße mit den fehlenden Bindestrichen beim Thema Suchmaschinenoptimierung oft an meine Grenzen. Die meisten Leute suchen bei Google eben doch nach einem "Max Planck Institut" oder "Schröder Produkte", weil der Bindestrich nicht geläufig ist. Setze ich dann im SEO-Text bewusst keine Bindestriche? Ich habe bis heute noch nicht herausgefunden, ob Google Bindestriche einfach ignoriert oder ob der Text mit Bindestrichen dann schlechter gerankt wird als ohne. Falls darauf jemand eine Antwort kennt, dann darf er sie gerne mit mir teilen. :-) Besten Dank, Stani Tellow

Was die Google-Suche angeht, so habe ich das eben mit und ohne Bindestriche nachvollzogen und nach "Max Planck Institut" und "Max-Planck-Institut" (jeweils in Anführungsstrichen) gesucht. Auf den ersten Blick ergeben sich dabei keinerlei Unterschiede, was die Vermutung nahelegt, dass die Bindestriche ignoriert werden.

Google "missachtet" sämtliche Arten von Interpunktionszeichen und auch weitgehend von Diakritika. Was auch Sinn macht. Bei den unzähligen Sprachen und Schriften, die Google "kann" würde die (sowieso immer gelogene) Anzahl der Suchergebnisse massiv geringer werden. Die meisten Interpunktionszeichen werden in ein Leerzeichen verwandelt, Diakritika weitgehend ignoriert. Google gab schon vor Jahren bekannt, dass es über 200 Faktoren in seinen Suchalgorithmen berücksichtigt, wobei anzumerken ist, das sehr viele Faktoren gar nicht von der Gestaltung der Websites abhängen, sondern vom Such- und Surfverhalten so wie den Browser-Einstellungen des Suchenden. Da bringt das Nachdenken über einen Bindestrich so viel wie ein Tropfen auf den heißen Stein LG Ernesto

Google-Vergleichssuchen wie oben beschrieben sind weitgehend wertlos. Google merkt sich ohne dies verhindernde Maßnahmen alle Suchen, alle Suchenden, alle aus einer Suche heraus genutzten Hyperlinks usw. Im obigen Fall hat Google bei der zweiten Suche einfach das Ergebnis der ersten Suche aus dem Browser-Cache übernommen. Um halbwegs sinnvolle Vergleiche zu erzielen, reicht es nicht die Suchbegriffe in Anführungszeichen zu schreiben. Das Mindeste was zu tun ist, ist das Schließen des Browser-Fensters oder -Tabs der ersten Suche, dann das Löschen aller google-relevanten Cookies und das Leeren des Browser-Cache, bevor man die zweite Suche startet. Allerdings erkennt Google dann immer noch den Sucher mit Hilfe von Canvas-Fingerprinting, Referrer, LSO-Cookies, Eintragungen im DOM-Storrage, Geotargeting etc wieder und passt Suchergebnisse entsprechend an. Um dies alles zu unterbinden (und damit zugleich den grundsätzlichen Schutz der eigenen Privatsphäre zu sichern) sind weitere, zum Teil aufwendigere Maßnahmen notwendig. Viele gute Tipps dazu finden sich beispielsweise bei privacy-handbuch.de; Google kennt im Übrigen auch unterschiedliche Begriffe für ein und das selbe Suchwort. Will man z.B. die Häufigkeit der Suchbegriffe "Schraubendreher" (fachsprachlich) und "Schraubenzieher" (volkstümlich) im Internet vergleichen, wird Google einem zusätzlich das jeweils gerade nicht gesuchte Wort unterjubeln. Um dem abzuhelfen genügt es nicht, nur die Begriffe jeweils in Anführungszeichen zu schreiben, sondern man muss den gerade nicht gesuchten Begriff mit einem vorgestellten Minuszeichen explizit ausschließen. Beispiel: "Schraubendreher" -"Schraubenzieher" und umgekehrt.


randbemerkung

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