Sie laufen zwar, doch die Frage ist, wie gut: 75 Presseportale auf Konzern-Webseiten wurden auf den digitalen Status quo untersucht. (c) Getty Images/bobmadbob
Sie laufen zwar, doch die Frage ist, wie gut: 75 Presseportale auf Konzern-Webseiten wurden auf den digitalen Status quo untersucht. (c) Getty Images/bobmadbob
„MR-Benchmark“-Studie

Fünf Dinge, die auf Presse-Webseiten schieflaufen

Wie digital ist die Pressearbeit großer Unternehmen? Und was wird Medienvertretern auf den Online-Presseportalen geboten? Diese Fragen hat eine aktuelle Studie untersucht – mit teils ernüchternden Ergebnissen. Hier sind die wichtigsten Erkenntnisse.
Carolin Sachse-Henninger

Es ist bekannt, dass Redakteure wenig Zeit haben. Sie müssen deshalb gewünschte Informationen schnell und gezielt finden können. Wie gut ihnen dabei die Online-Presseseiten von Unternehmen helfen, hat die Unternehmensberatung Net Federation im aktuellen „MR Benchmark“ untersucht, der an diesem Dienstag veröffentlicht wird.

Dazu prüfte sie im dritten Quartal 2017 die deutschsprachigen Presseseiten von 75 Konzernen auf insgesamt 143 Kriterien. Im Kern ging es um die Fragen, welche Informationen das jeweilige Unternehmen in welcher Form bereitstellt, welche Kontaktmöglichkeiten es einsetzt und welche technischen Services es anbietet. Wurde eine gewünschte Information nach 30 Sekunden nicht gefunden, galt sie als nicht vorhanden – das Vorgehen glich also einer Suche, wie sie auch ein Journalist durchführen würde.

Das Ergebnis ist auf den ersten Blick erschreckend: Nur fünf Unternehmen erreichten gerade etwas mehr als die Hälfte der 1.000 zu erreichenden Punkte. Dazu zählen Bayer mit 531 Punkten, Audi mit 527, die Deutsche Post mit 520, Henkel mit 505 und Otto mit 503 Punkten (das vollständige Ranking finden Sie am Ende des Beitrags). Zwar haben alle untersuchten Presseseiten einen speziellen News-Bereich, in dem Medienvertreter sich über aktuelle Themen informieren können. Doch im Detail gibt es erhebliches Ausbaupotenzial. Hier sind die wichtigsten Erkenntnisse.

1. Pressemitteilungen sind oft das einzige angebotene Format

Häufig sind Pressemitteilungen das einzige Informationsangebot zu einem Thema. Weiterführende oder anknüpfende Informationen in Mitteilungen fanden die Analysten nur auf jeder zweiten Presseseite. Immerhin 66 Prozent stellen umfassendere Dossiers oder Studien zur Verfügung. Eine thematische Filterfunktion etwa mittels Tags, die eine intensivere Beschäftigung mit einem Thema erlaubt, oder auch eine Funktion, Pressemitteilungen zeitlich zu sortieren, boten laut Studie nur 42 der 75 untersuchten Presseseiten.

Auch bei O-Tönen und Bildern gibt es offenbar Nachbesserungsbedarf. Zitate in Form von verschriftlichten Interviews oder Reden stellen laut Studie gerade einmal 15 Prozent der untersuchten Seiten zur Verfügung. Bildmaterial gibt es häufiger, allerdings vergleichsweise selten mit den erforderlichen Hinweisen zur Nutzung.

2. Möglichkeiten des Social Web werden nicht ausgeschöpft

Es ist im Jahr 2018 fast nicht vorstellbar: Ansprechpartner mit Kontaktdaten lassen sich nach wie vor nicht in jedem Pressebereich finden. Auch Social Media ist für viele Pressestellen offenbar (noch) kein Thema – so sind zum Beispiel lediglich 15 der untersuchten Unternehmen mit einem eigenen Presse-Account auf Twitter aktiv. Direct- und Instant-Messaging-Dienste wie Skype, Whatsapp oder Facebook Messenger, die eine schnelle und transparente Kommunikation ermöglichen, sind zum Zeitpunkt der Untersuchung auf keiner Presseseite zu finden gewesen.

Immerhin: 14 Unternehmen bieten Medienvertretern ein Newsletter-Abonnement an. Bei sechs Unternehmen ist es darüber hinaus möglich, sich für einen Login-Bereich im Presseportal anzumelden: Wer sich registriert, hat beispielsweise Zugriff auf umfassendes Bildmaterial, auch mit besonderen Verwendungsfreigaben, oder kann sich einen Newsletter nach eigenem Bedarf zusammenstellen.

3. Veranstaltungen sind nur wenig präsent

Ein Fazit der Studie könnte auch lauten: Unternehmen wollen nicht, dass Journalisten über Hauptversammlungen, Messen oder Standorteröffnungen berichten. Denn nur so lässt sich erklären, dass die Autoren der Studie bei gerade einmal 43 Unternehmen überhaupt wichtige Pressetermine im Pressebereich gefunden haben. Lediglich zwei Unternehmen ermöglichen darüber hinaus auch eine direkte Anmeldung für Veranstaltungen.

4. Tools wie Warenkorb-Funktion gibt es selten

Die alte PDF-Denke ist offensichtlich überholt – Pressemitteilungen sind heute fast überall im Volltext in HTML verfügbar. Doch andere digitale Lösungen wie Tags oder Newsletter-Tools sind nur vereinzelt in der Landschaft deutscher Unternehmenskommunikation anzutreffen. Als echte technische Vorreiter können 14 Unternehmen gelten, die eine Warenkorb-Funktion anbieten. Damit ist es möglich, Dokumente und Dateien mit einem Klick zu markieren und in eine Ablage zu übertragen. Am Ende der Recherche lassen sich die so gesammelten Informationen downloaden oder per E-Mail zusenden.

5. Mobile Ladezeiten sind zu lang

Und auch das hat die Benchmark-Studie untersucht: die Auffindbarkeit der Presseseiten bei Google, der meistgenutzten Suchmaschine in Deutschland. Immerhin 88 Prozent ließen sich darüber schnell finden; in fast allen Fällen lag das Ergebnis nach Angaben der Studie auf Platz eins der Treffer. Stark ausbaufähig ist allerdings die Ladezeit bei der mobilen Suche. Bei 92 Prozent aller untersuchten Presseseiten waren im Untersuchungszeitraum die mobilen Ladezeiten noch nicht zufriedenstellend optimiert.

Wie gute digitale Pressearbeit aussehen kann, zeigen die folgenden Beispiele. Klicken Sie auf das Bild, um die Bildergalerie zu starten:

Weitere Informationen zum Thema: Henkel verweist am Ende der Presseinformation auf einen internen Link, unter dem Medienvertreter mehr erfahren. (c) Screenshot/Quadriga Media Berlin

Weitere Informationen zum Thema: Henkel verweist am Ende der Presseinformation auf einen internen Link, unter dem Medienvertreter mehr erfahren. Klicken Sie auf das Bild, um die Bildergalerie zu starten. (c) Screenshot/Quadriga Media Berlin

Hier sehen Sie das gesamte Ranking:

Platz Unternehmen Branche Punkte

1

Bayer AG

Chemie

531

2

Audi AG

Automotive

527

3

Deutsche Post AG

Logistik

520

4

Henkel AG & Co. KGaA

Konsumgüter

505

5

Otto GmbH & Co KG

Handel

503

6

BASF SE

Chemie

475

7

Robert Bosch GmbH

Technik

447

8

Siemens AG

Technik

446

9

Münchener Rückversicherungs-Gesellschaft AG

Versicherung

422

10

Lanxess AG

Chemie

413

11

Porsche AG

Automotive

412

12

Deutsche Bank AG

Finanzen

406

13

Deutsche Telekom AG

Telekommunikation

402

14

Leoni AG

Automotive

392

15

Bertelsmann SE & Co. KGaA

Medien

389

16

Allianz SE

Versicherung

389

17

Ergo Versicherungsgruppe AG

Versicherung

384

18

Fresenius SE & Co. KGaA

Pharma

383

19

Schaeffler AG

Automotive

380

20

Deutsche Bahn AG

Logistik

379

21

Kion Group AG

Maschinenbau

377

22

Rewe Group

Lebensmittel

374

23

Continental AG

Automotive

373

24

Miele & Cie. KG

Elektrogeräte

365

25

Deutsche Börse AG

Finanzen

363

26

Edeka Zentrale AG & Co. KG

Handel

361

27

ZF Friedrichshafen AG

Automotive

360

28

Talanx AG

Finanzen

358

29

MAN SE

Automotive/ Maschinenbau

350

30

DZ Bank AG

Finanzen

348

31

TÜV Rheinland AG

Dienstleistung

346

32

Innogy SE

Energie

346

33

BMW AG

Automotive

344

34

Commerzbank AG

Finanzen

341

35

Deutsche Lufthansa AG

Luft- und Raumfahrt

340

36

Infineon Technologies AG

Technik

340

37

K+S AG

Chemie und Rohstoffe

335

38

Thyssenkrupp AG

Technik

335

39

Volkswagen AG

Automotive

333

40

Freudenberg SE

Technik

330

41

Baywa AG

Handel

329

42

Daimler AG

Automotive

327

43

Beiersdorf AG

Konsumgüter

326

44

TUI AG

Tourismus

324

45

Symrise AG

Chemie

322

46

Voith AG

Maschinenbau

321

47

Bilfinger SE

Dienstleistung

315

48

ABB Group

Technik

315

49

Evonik Industries AG

Chemie

311

50

Vonovia SE

Immobilien

307

51

Linde AG

Chemie

306

52

Adolf Würth GmbH & Co. KG

Handel

304

53

Hornbach Holding AG

Handel

304

54

Salzgitter AG

Eisen-/ Stahlindustrie

304

55

Generali Deutschland Holding AG

Versicherung

302

56

SAP SE

Software

301

57

Eon SE

Energie

300

58

Adidas AG

Konsumgüter

299

59

Fresenius Medical Care AG & Co. KGaA

Medizintechnik

299

60

Zalando SE

Handel

296

61

The Coca-Cola Company

Konsumgüter

293

62

RWE AG

Energie

292

63

Merck KGaA

Pharma

292

64

Heidelberg-Cement AG

Baustoffe

284

65

Puma SE

Konsumgüter

276

66

Dekra SE

Dienstleistung

269

67

McDonald´s Deutschland Inc.

Konsumgüter

268

68

Metro AG

Handel

244

69

Boehringer Ingelheim

Pharma

238

70

Real SB-Warenhaus GmbH

Handel

228

71

Telefónica Germany GmbH & Co. OHG

Telekommunikation

222

72

Hugo Boss AG

Konsumgüter

205

73

General Electric Deutschland Holding

Mischkonzern

199

74

Vodafone GmbH

Telekommunikation

191

75

Brenntag GmbH

Handel

166

 

Über die Studie

Mit dem „MR Benchmark“ untersucht die Unternehmensberatung Net Federation den Status quo digitaler Presse- und Medienarbeit. Die Studie erscheint, mit Ausnahme des vergangenen Jahres, stets angepasst an aktuelle Fragestellungen jährlich. Für die jüngste Auflage wurden im dritten Quartal 2017 75 Presse-Webseiten von 75 ausgewählten großen Unternehmen mit Konzernstruktur analysiert. Grundlage bildeten 143 Kriterien, die nach „sehr wichtig“ (drei Punkte), „wichtig „(zwei Punkte) und „weniger wichtig“ (ein Punkt) gewertet und den drei Kategorien „Inhalt und Design“, „Dialog und Interaktion“ sowie „Technik und Service“ zugeordnet waren. Eine Webseite konnte maximal 1.000 Punkte erreichen. Mehr über die Untersuchung erfahren Sie hier.

 

 
 

Kommentare

Sie bemängeln zu Recht die häufig fehlenden Kontaktdaten von Ansprechpartnern der Pressestellen auf Websites. Als branchenfokussierter Dienstleister, der in regelmäßigen die Pressekontakte einer speziellen Branche überprüft, stelle ich sogar den Trend fest, dass immer mehr vormals auffindbare Kontakte anonymisiert werden. Offenbar aus Angst vor Spam oder fehlgeleiteten Fragestellern. Es scheint, als spräche man in der Pressestelle "nur" mit Journalisten. Mal abgesehen davon, dass diese Gruppe - sofern nicht im Kontakt mit dem Unternehmen stehend - die für sie zuständigen Ansprechpartner auch nicht auffinden, entzieht sich mir an der Stelle einfach der Sinn der Funktion "Öffentlichkeitsarbeit".


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