Die ehemalige Sportjournalistin Sabine Kehm, hier im Februar 2010, sieht sich als Schützerin der Privatsphäre des 2013 verunglückten Ex-Formel-1-Profis Michael Schumacher. (c) Lacy Perenyi
Die ehemalige Sportjournalistin Sabine Kehm, hier im Februar 2010, sieht sich als Schützerin der Privatsphäre des 2013 verunglückten Ex-Formel-1-Profis Michael Schumacher. (c) Lacy Perenyi
Sprecherin Sabine Kehm

Schumachers Schützerin

Ende Dezember vor fünf Jahren verunglückte Formel-1-Star Michael Schumacher beim Skifahren schwer. Wie es ihm geht, ist bis heute nicht bekannt. Seine Sprecherin und Managerin Sabine Kehm kleidet das Schweigen in Worte.
Simon Pausch

Ihr erster Arbeitstag beginnt für Sabine Kehm mit einem Schock. Wie Donnerschläge hämmern Fäuste auf das Dach des Autos, in dem sie und Michael Schumacher sitzen. Nachdem die Wagentür hinter den beiden ins Schloss gefallen ist, sehen sie sich durch die Scheiben von Menschenmassen umzingelt. Es sind Ferrari-Fans, Ferraristi genannt, und sie sind außer Rand und Band.

„Wir sind quasi in diesen Wagen geflüchtet“, erinnert sich die 53-Jährige an jenen Januarnachmittag im Jahr 2000. Wild hupend und im Schneckentempo nähern sich Kehm und ihre Begleiter damals dem wartenden Helikopter, der sie herausfliegen soll aus diesem Tollhaus in den italienischen Alpen. Während Schumachers neue Medienberaterin krampfhaft bemüht ist, sich ihr Unwohlsein nicht anmerken zu lassen, ist ihr Vorgesetzter neben ihr im Fond denkbar entspannt. Michael Schumacher kennt solche Situationen seit Jahren.

Der erfolgreichste Formel-1-Pilot der Geschichte ist es gewohnt, dass um ihn herum Ausnahmezustand herrscht. Erst recht, wenn er im Januar nach Madonna di Campiglio reist. Traditionell stellt Ferrari in dem Bergdorf seine Rennwagen für die anstehende Saison vor. Sponsoren, Medienvertreter und Fans drängeln sich in Scharen um die neuen Flitzer und den weltberühmten Mann am Steuer. Nirgendwo ist die Verehrung für „Grande Michele“ größer als in der Heimat seines Arbeitgebers.

„Ich musste mich erst daran gewöhnen, was für einen Tumult ein Mann wie Michael auslösen kann“, sagt Kehm: „Das war manchmal regelrecht beängstigend und hat mich unglaublich viel Energie gekostet. Das kann man sich als außenstehender Beobachter gar nicht vorstellen. Es bleibt immer ein Ausnahmezustand.“

Ein wohl überlegter Seitenwechsel

Jahrelang hat Sabine Kehm Schumacher als Journalistin an den Rennstrecken der Welt begleitet − von Australien nach Belgien, von Japan nach Brasilien. Als sie 1999 wieder einmal ein Interview mit dem Rekordchampion bei dessen Manager Willi Weber beantragt, bekommt sie statt der Zusage ein Jobangebot als Medienberaterin.

Die studierte Sportlehrerin denkt lange nach. Lohnt sich ein Seitenwechsel? Was für ein Gefühl wird es sein, wenn aus den bisherigen Kollegen plötzlich potenzielle Enthüller unliebsamer Hintergründe werden? „Die Entscheidung ist mir damals sehr schwergefallen“, erinnert sich Kehm, die in ihrer Karriere als Journalistin für die WeltSports und die Süddeutsche Zeitung arbeitete: „Aber letztlich hat die Neugierde gesiegt, einen Blick hinter die Kulissen werfen zu können. Ich wollte das sehen, was mir als Journalistin immer verborgen geblieben war.“

Entgegen der anfänglichen Annahme, nach zwei oder drei Jahren wieder in den Journalismus zurückzukehren, bleibt Kehm. Sie erarbeitet sich Renommee. Journalisten weltweit schätzen ihre Fairness und Professionalität. Schnell setzt Kehm auch innerhalb der Branche der Sportkommunikatoren eine Benchmark. Kein Wunder, spricht sie doch für einen der berühmtesten Sportler der Geschichte. Sieben WM-Titel – das hat bis heute kein anderer Formel-1-Pilot geschafft. Es entwickelt sich zwischen Kehm und Schumacher eine Freund- und Geschäftspartnerschaft.

Fast auf den Tag genau 14 Jahre nach ihrem ersten Einsatz als seine Sprecherin wird sie durch einen Schicksalsschlag erschüttert.

Jagdszenen vor dem Krankenhaus

Am 29. Dezember 2013 stürzt Schumacher beim Skifahren in den französischen Alpen. Zunächst weiß niemand genau, wie ernst die Situation ist. Binnen weniger Stunden wird klar: Sie ist sehr ernst, es geht um Leben und Tod.

Schumacher, der ein Jahr zuvor seine Karriere als Formel-1-Rennfahrer beendet hatte, ist mit dem Kopf auf einen Stein geschlagen und hat sich dabei ein schweres Schädel-Hirn-Trauma zugezogen. Der Rettungshubschrauber fliegt ihn in die Uniklinik nach Grenoble. Zweimal wird er in den ersten Tagen operiert und danach in ein künstliches Koma versetzt. Parallel dazu entwickelt sich vor dem Krankenhaus der nächste Ausnahmezustand.

Fernsehsender aus aller Welt schicken so viele Ü-Wagen, dass sie die Zufahrt zur Notaufnahme verstopfen. Reporter fahren die Skipiste auf der Suche nach der Unglücksstelle ab und belagern den Skiverleih, in dem sich der Formel-1-Pilot vor der verhängnisvollen Ausfahrt seine Bretter ausgeliehen hat. Über allem schwebt die Frage: Wie geht es Michael Schumacher?

 
 

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