Der Umgang zwischen Journalisten und PRlern ist nicht immer leicht (c) Thinkstock/erhui1979
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Kommentar zur Kontaktplattform für Journalisten und PRler

Fluch oder Segen?

Warum sind Journalisten skeptisch gegenüber Kontaktplattformen? Ein Kommentar vom Recherchescout-Geschäftsführer Kai Oppel.
Kai Oppel

Immer wieder stehen Medienmacher Plattformen wie Recherchescout skeptisch gegenüber, sei es der Hamburger Professor für Journalismus Volker Lilienthal, der Moderator von "Medienwelt", Thomas Bimesdörfer, oder Vertreter von Netzwerk Recherche: Einige befürchten sogar den Untergang des Journalismus. Für mich ist diese Plattform hingegen ein Werkzeug, das den gewachsenen Anforderungen der Kommunikatoren auf beiden Seiten helfen kann. An dieser Stelle möchte ich auf die Ängste eingehen.

Skeptische Meinungen

Die Gratwanderung zwischen Informationsweitergabe und Beeinflussung erscheint gerade bei Matching-Plattformen besonders heikel. In einem Interview mit dem NDR-Medienmagazin Zapp kritisiert Volker Lilienthal, dass PR-Abteilungen mit Hilfe von Recherchescout versuchen, ihre Informationen in ausgedünnten Redaktionen zu platzieren. Für andere Skeptiker sind PR-Abteilungen noch immer Propaganda-Bollwerke. Unvorstellbar, dass über Öffentlichkeitsarbeit nutzbare und neutrale Informationen verbreitet werden.

Die Gratwanderung ist allerdings kaum heikler als bei den aktuell beschrittenen Wegen: wie die Informationsübermittlung durch Suchmaschinen, inszenierte PR-Events, Pressemeldungen oder die geschickte Nutzung von Aufhängern.

Versteckte Chancen

So sehr den Zweiflern der erste Blick auf das Prinzip "Der Journalist stellt eine Frage, der PR-Schaffende überschwemmt ihn mit Werbegedöns" Recht geben mag, so sehr offenbart ein zweiter Blick die Chancen. Denn Matching-Plattformen können den Informationsfluss demokratisieren. Wie? Indem bei der journalistischen Recherche künftig verstärkt diejenigen zu Wort kommen, die bisher wegen scheinbar mangelnder Relevanz oder zu kleiner Marketing-Budgets (keine kontinuierliche PR-Arbeit, keine Auffindbarkeit in Suchmaschinen) nicht die Möglichkeit dazu hatten. Nun können sie Medienmacher mit interessanten neuen Informationen versorgen.

Wer heute professionelle Medienarbeit betreiben will, benötigt Kontakte, spannende Inhalte und Möglichkeiten zur Informationsverbreitung. Um die Wahrnehmungsschwelle überhaupt zu überwinden, brauchen wir Druck und Kontinuität – was unter einigen Tausend Euro Budget pro Monat kaum möglich ist. Medienkontaktplattformen hingegen erlauben für rund ein Zehntel des Budgets selbst Start-ups oder Mittelständlern, ohne eigene Kommunikationsabteilung zum richtigen Zeitpunkt auf den Journalisten zugehen zu können. Nämlich dann, wenn dieser Informationen braucht.

Nackte Fakten

Der Informationspool für Journalisten wird damit größer, nicht kleiner. Bisher sieht der journalistische Alltag so aus: Rund 60 Prozent haben laut einer Studie der Universität der Bundeswehr München heute weniger Zeit für die Recherche als früher. Die Suchmaschine ist für jeden dritten Journalisten mittlerweile das wichtigste Recherchetool. Zwei Drittel der Journalisten nutzen Google und Co. für die Erstrecherche. Mehr als ein Drittel der befragten Journalisten findet über die Hälfte der Gesprächspartner in den Online-Medien –  dadurch werden immer die gleichen Experten zitiert. Von durchschnittlich 54 Pressemeldungen werden mehr als 40 Prozent ungelesen gelöscht.

Medienmacher greifen größtenteils auf Informationen derer zurück, die über die Ressourcen verfügen, ihre Informationen selbst zu verbreiten. Abgesehen von der Tatsache, dass diese Informationen mehrheitlich interessengesteuert sind, wird die Berichterstattung entsprechend von denjenigen maßgeblich beeinflusst, die die finanziellen Mittel dazu haben. Über Matching-Plattformen hingegen können recherchierende Journalisten leichter auf Start-ups oder Mittelständler stoßen, die neue und nicht selten authentische Kommunikationsimpulse beisteuern. Das schafft mehr Vielfalt auf der einen und Chancengleichheit auf der anderen Seite.

Voneinander profitieren

Ob das Prinzip in der Praxis für Medienmacher und vor allem für die Rezipienten ein Gewinn ist, hängt nicht zuletzt vom Selbstverständnis und der Arbeitsweise des Journalisten ab. Es ist schließlich weiterhin seine Pflicht, erhaltene Informationen zu analysieren, zu bewerten, zu gewichten, zu verwerfen und korrekt zu kennzeichnen. Die Plattform ist nur ein Werkzeug. Auch die PR-Seite bleibt gefragt, ihren eingeschlagenen Weg fortzuschreiten. Sie ist nicht nur Diener für die Organisationen, die sie bezahlen.

Die Pressestellen sind vor allem Dienstleister, die die Anforderungen und die Verantwortung der Medienmacher kennen. Dies auszunutzen wäre, als würde man den Ast absägen, auf dem man sitzt. Diese Befürchtung hatte zuletzt auch die Kommunikatoren einiger Dax-Konzerne getrieben, als sie eine Corporate Compliance für den Umgang mit Journalisten verfassten. Schließlich will niemand Medien ohne Biss konsumieren. Die wären dann nämlich nicht nur für den Kommunikator überflüssig, sondern für alle Mediennutzer.

 
 

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