Mit "Finanzcoach" haben die Comdirect Bank und Sensor Digitalmedia den DPOK in der Kategorie „Beste App" gewonnen. (c) Comdirect Bank
Mit "Finanzcoach" haben die Comdirect Bank und Sensor Digitalmedia den DPOK in der Kategorie „Beste App" gewonnen. (c) Comdirect Bank
Deutscher Preis für Onlinekommunikation

„Finanzen gehören auf den Küchentisch"

Den DPOK für die „Beste App" gewann in diesem Jahr der "Finanzcoach" – eine Lernapp, die speziell Frauen Wissen rund um die Finanzen vermitteln will. Warum Finanzwissen für Frauen gerade heute wichtiger denn je ist, verraten die Macher im Interview.
Katrina Geske

Mit dem „Finanzcoach“ haben Sie den DPOK in der Kategorie „Beste App“ gewonnen. Dahinter steht das Projekt „Finanz-Heldinnen“. Worum geht es dabei?

Annette Siragusano: Mit den „Finanz-Heldinnen“ sind wir im Jahr 2018 gestartet, es ist also noch ein sehr frisches Projekt. Die Initiative wurde von Mitarbeiterinnen der Comdirect Bank gestartet. Das Thema Finanzen ist ja immer noch sehr männerdominiert – hier gibt es einen extremen Handlungsbedarf.

Dabei kommen mehrere Faktoren zusammen: Einmal ist da natürlich die Gender Pay Gap, damit fängt es an. Außerdem gibt es bei vielen Frauen einen Bruch im Lebenslauf: Sie bekommen Kinder, sind dann erst einmal draußen. Dann kommen sie oft in Teilzeit zurück und verdienen dadurch weniger als zuvor. Aufgrund der Stundenreduzierung wird es häufiger auch schwerer, Karriere zu machen. Das wirkt sich am Ende natürlich auch entsprechend auf die Altersvorsorge aus.

Gerade ist das Thema besonders aktuell, da wir uns in einer Niedrigzinsphase befinden. Das heißt: Für das bisschen Geld, das Frauen auf die Seite legen, kriegen sie einfach nichts mehr, wenn sie nicht früh genug vorsorgen. Auf der anderen Seite ist natürlich auch die klassische Rente nicht mehr sicher. Das ist unsere Ausgangssituation.

Wie ist die Initiative entstanden?

Wir haben uns überlegt: Wie können wir Frauen das Thema Finanzen näherbringen? Was braucht es dafür? Vermieden werden sollte der Eindruck, wir wollten das Thema in „rosa und schön“ aufbereiten, damit Frauen es auch verstehen – das war nicht die Idee.

Wir haben zunächst Afterwork-Treffen ins Leben gerufen, bei denen sich Frauen zu Themen rund um die Finanzen austauschen können. Dabei wollten wir herausfinden: Hilft es Frauen, ein Forum zu haben, bei dem sie ungestört sind? Der große Zuspruch, den diese Treffen erhalten, hat uns bestätigt: Wenn Frauen unter sich sind, wird Tacheles geredet. Keiner hat Angst, sich zu blamieren. So sind die „Finanz-Heldinnen“ entstanden.

Was ist das Ziel des Projekts?

Ziel ist es, Frauen in die finanzielle Unabhängigkeit zu begleiten. Es geht darum, das Thema Finanzen zu entmystifizieren. Wir glauben: Finanzen gehören eigentlich auf den Küchentisch, da wird darüber geredet. „Das weiß ja sowieso nur mein Berater“ – diese Einstellung ist komplett falsch. Daran glauben wir als Onlinebank sowieso nicht.

Wie kam es zur Entwicklung der App „Finanzcoach“?

Einen großen Teil der Initiative macht das Thema „Lernen“ aus. Wir haben uns überlegt: Wie könnte das funktionieren? Wie müsste es aussehen, damit es gleichzeitig einfach und smart ist, damit man sich auch nebenher und unterwegs damit beschäftigen kann? Die Antwort: eine App. So sind wir mit Sensor Digitalmedia zusammengekommen und haben gemeinsam eine tolle Lösung gefunden.

Herr Carstensen, Ihr Unternehmen hat das Mobile-Learning-System Lemon entwickelt, das auch bei der App „Finanzcoach“ zum Einsatz kommt. Was ist das Besondere daran?

Björn Carstensen: Über unser System können wir digitale Lerninhalte gruppenweise an User ausspielen. Ein Vorteil ist sicherlich, dass das Wissen auch offline verfügbar ist. Das heißt, die „Finanzheldin“ ist in der Lage, zu jedem Zeitpunkt auf Wissensinhalte zuzugreifen, sich PDFs oder Videos anzuschauen, Podcasts anzuhören – unabhängig davon, ob sie gerade am PC sitzt oder nicht.

Darüber hinaus können User mit der App auch selbst ihren Lernfortschritt und Wissensstand überprüfen. Sie können automatische Wissenstests durchlaufen und auf diese Weise überprüfen, ob sie Fortschritte machen oder in einem bestimmten Themenfeld noch Bedarf haben, nachzuarbeiten. Auch die Administratoren – in diesem Fall die der Finanz-Heldinnen" – können die Fortschritte der User überprüfen.

Welche Reaktionen haben Sie auf die Initiative erhalten?

Siragusano: Tatsächlich haben wir darauf ausschließlich positive Reaktionen erhalten. Oft werde ich auf Veranstaltungen darauf angesprochen. Viele Frauen sind begeistert, dass sich in dieser Beziehung endlich mal etwas tut.

Dass das Thema irgendwie wichtig ist, ist den meisten schon bewusst. Aber sie wissen nicht, wie sie es angehen sollen. Sie sagen „Eigentlich habe ich keine Lust darauf, und außerdem ist das alles so kompliziert.“ Aber eigentlich ist heute jeder Handyvertrag komplizierter – das ist es, was wir ihnen klarmachen wollen.

Eine besonders schöne Reaktion kam von drei Frauen, die nach einem unserer Workshops eine kleine Gruppe gegründet haben, in der sie sich alle paar Wochen auf einen Kaffee treffen und einfach mal über Geld reden. Einen Impuls setzen und diesen dann fruchten zu sehen – das ist ein tolles Gefühl.

Welche Herausforderungen begegnen Ihnen dabei? Sie haben erwähnt, dass viele Frauen bisher noch vor dem Thema Finanzen zurückschrecken.

Siragusano: Die Schwierigkeit besteht darin, den sozialen Prägungen, die Frauen jahrelang mitgenommen haben, entgegenzutreten. „Das ist ja eher etwas für Männer“ und „über Geld spricht man nicht“ – dagegen wollten wir einen Akzent setzen.

Vor Kurzem hatte ich eine sehr interessante Unterhaltung mit unserer Aufsichtsrätin Verena Pausder. Dabei ging es um ein Jugendprogramm. Wir haben überlegt, ab welchem Alter man am besten anfangen sollte, Kindern das Thema Finanzen näherzubringen. Mit etwa zehn Jahren, wäre meine Idee gewesen. Wesentlich früher, meinte Frau Pausder. Denn: Kinder trauen sich in jungen Jahren viel mehr zu. Spätestens mit der Pubertät ändert sich jedoch vor allem bei Mädchen das Denken. Sie denken dann, dass einige Themen eher „Jungsthemen“ sind.

Das gilt für die Mathematik, das Programmieren und auch für das Thema Finanzen. Wenn man es aber schafft, frühzeitig positive Assoziationen zu schaffen und gerade Mädchen dazu ermutigt, sich hier zu betätigen, dann merken sie: „Ich kann das auch.“

Carstensen: Mit diesen alten, herkömmlichen Rollenmodellen sind viele Menschen eben noch aufgewachsen. Wenn in der Pubertät dann dieses mangelnde Selbstbewusstsein auftritt, muss das ja an irgendetwas liegen. Prinzipiell gehören Männer und Frauen aber einfach auf dieselbe Stufe – auch und besonders beim Thema Finanzen.

Warum glauben Sie, hat sich die DPOK-Jury entschieden, Ihre App auszuzeichnen?

Siragusano: Was für unsere App spricht, ist ihre Vielseitigkeit. In unserem kleinen Online-Hub ist einfach alles vorhanden: Videos, kurze Lesestücke, Lernfortschritt. Im nächsten Schritt werden wir auch das Thema Community angehen, sodass man sich innerhalb der App austauschen kann. 

Carstensen: Vielleicht ist es so, dass man bei uns nicht wirklich den Eindruck hat, dass man sich Wissen mühsam aneignen muss, sondern dass man spielerisch an ein Thema herangeht. Man nimmt das Ganze also nicht als Arbeit wahr, sondern eher als eine Art von Unterhaltung.

Siragusano: Genau. Im ersten Moment geht es ja darum, Menschen zu ermutigen, sich mit einem ungeliebten Thema auseinanderzusetzen. „Snackable Content“ zu produzieren, der Lust macht, sich mit so einem Thema zu beschäftigen – das ist das Erfolgsrezept. 

 

 

 
Annette Siragusano (c) Comdirect
Annette Siragusano
Comdirect Bank
Leiterin Unternehmenskommunikation

Annette Siragusano leitet die Unternehmenskommunikation der Comdirect Bank, ist stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Stiftung Rechnen und hat die Initiative „Finanz-Heldinnen" mitgegründet.

Björn Carstensen (c) Sensor Digitalmedia
Björn Carstensen
Sensor Digitalmedia
Geschäftsführender Gesellschafter

Björn Carstensen ist gemeinsam mit Kay Mathiesen Gründer und Geschäftsführender Gesellschafter der Hamburger Sensor Digitalmedia, die das Mobile-Learning-System Lemon entwickelt hat.

 


randbemerkung

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