Feuer in Australien: Premierminister Morrison sieht sich scharfer Kritik wegen seiner Krisenkommunikation gegenüber. (c) Helitak430 / CC BY-SA 4.0
Feuer in Australien: Premierminister Morrison sieht sich scharfer Kritik wegen seiner Krisenkommunikation gegenüber. (c) Helitak430 / CC BY-SA 4.0
Politische Krisenkommunikation

Australiens Premier: Peinlich durch die Feuerkrise

Scott Morrison nötigt Brandopfer zum Händeschütteln und verärgert Australien mit unpassenden Kommentaren und Auftritten im Angesicht der Feuerkatastrophe.
Aus der Redaktion

Vor dem Hintergrund der beispiellosen Brandkatastrophe gerät Australiens Premierminister Scott Morrison wegen mangelhafter Organisation und vor allem misslungener Krisenkommunikation zusehends unter Druck.

Zu Jahresbeginn erreichten gleich mehrere Kurzvideos große Verbreitung, die Morrison in überaus peinlichen Situationen mit erschöpften Brandopfern zeigten. Bei mehreren Gelegenheiten nötigte der australische Premierminister wütende Menschen, gegen deren Willen seine Hand zu schütteln und wandte sich hastig ab, sobald sie Beschwerden wegen des mangelhaften Krisenmanagements an ihn richteten.

In Cobargo, einer Kleinstadt im Südosten der besonders von den Waldbränden betroffenen Provinz New South Wales, ergriff Morrison die Hand einer sichtlich aufgebrachten Schwangeren. Als sie daraufhin erklärte, sie lasse dies lediglich zu, da sie sich von ihm mehr Unterstützung für die freiwilligen Brandbekämpfer erhoffe, drehte der Premier ihr den Rücken zu und überließ es einem seiner Begleiter, sie zu beruhigen.

Auch ein erschöpfter Feuerwehrmann hatte offenbar keine Absicht, während einer Pause mit Morrison Small Talk zu halten. Trotz seiner demonstrativen Weigerung, den Premierminister zu begrüßen, ergriff dieser die Hand des Mannes und versuchte, ein Gespräch mit ihm und seinen Kollegen zu beginnen – vergeblich. Der Feuerwehrmann verließ wenige Sekunden später demonstrativ die Szenerie.

In einem weiteren Video ist zu sehen, wie Morrison erklärte, er sei dem Mann nicht böse, sicherlich sei er sehr müde gewesen. Ein örtlicher Katastrophenhelfer erklärte dem Premier, dies sei nicht der Grund für die Unfreundlichkeit – vielmehr habe der Feuerwehrmann durch die Brände sein Haus verloren.

Bereits zuvor war Morrison von Einwohnern der Kleinstadt massiv angegangen worden. Sie warfen ihm mangelnde Unterstützung bei der Bekämpfung des Feuers vor, erinnerten ihn an die Toten und sonstigen Opfer und verwiesen den Premierminister – mit teilweise drastischen Worten – aus ihrer Stadt.

Morrisons Krisenmanagement angesichts der verheerenden Waldbrände in Australien stand von Anfang an unter keinem guten Stern. Noch im Frühjahr hatte der Premierminister einen Appell Hunderter Wissenschaftler und Katastrophenexperten zurückgewiesen, wonach sich das Land wesentlich besser auf große Brände vorbereiten und gegen die Auswirkungen des Klimawandels engagieren müsse.

Scharfe Kritik zog Morrison auf sich, als er trotz der zunehmenden Eskalation der Brände seinen Urlaub auf Hawaii zunächst nicht abbrach – zur Erklärung hieß es, es seien keine Flüge von Honolulu nach Sydney verfügbar gewesen. Den Silvesterabend verbrachte der Premier auf einer exklusiven Party in seinem Amtssitz, von wo aus er das umstrittene Feuerwerk von Sydney beobachten konnte. Die Australier rief er auf, sich beim Kampf gegen die Flammen ein Beispiel an den „Heldentaten“ der Kricket-Nationalmannschaft zu nehmen.

Bei den Waldbränden in mehreren Provinzen handelt es sich um die größte Naturkatastrophe in der Geschichte des modernen Australiens. Bislang starben mindestens 17 Menschen in den Flammen, Tausende Häuser und Siedlungen wurden zerstört. Mit Unterstützung des Militärs laufen derzeit Massenevakuierungen.

Wissenschaftler der Universität Sydney schätzen die Zahl der Säugetiere, Vögel und Reptilien, die bislang durch die Feuer ums Leben kamen, auf rund 480 Millionen Lebewesen. Die Aschewolke hat bis ins mehr als 2.000 Kilometer entfernte Neuseeland Auswirkungen, bedeckt dort Gletscher mit Staub und zieht weiter in den Südpazifik. Ein Ende der Brände ist nicht abzusehen.




 
 


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